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Talmud und Tablet

Es stellt sich die zentrale Frage, ob Schüler mit Medien wirklich effektiver lernen. Foto: Getty Images/iStockphoto

Kürzlich kam eine Studie des Rates für Kulturelle Bildung zu der Erkenntnis, dass fast jeder zweite Schüler das Videoportal YouTube gezielt zum Lernen nutzt. Als Grund für die Nutzung dieser Plattform wird unter anderem angegeben, auf diese Weise Unterrichtsinhalte, die nicht verstanden wurden, nachholen zu können. Die sogenannten Erklär-Videos werden als »medialer Hilfs- und Nachhilfelehrer« angesehen, der auch bei den Hausaufgaben unterstützen kann.

In einem Zeitalter, in dem Digitalisierung einen hohen Stellenwert in der Bildungspolitik hat und in dem im Rahmen des Digitalpakts etwa fünf Milliarden Euro in eine bessere digitale Ausstattung von Schulen fließen, sind solche Studienergebnisse nur zu begrüßen. Dennoch muss auch diese von der Politik gefeierte Bewegung hinterfragt werden.

Die sogenannten Erklär-Videos werden als »medialer Hilfs- und Nachhilfelehrer« angesehen, der auch bei den Hausaufgaben unterstützen kann.

Alle sprechen über Rezo und andere YouTuber, über Politik im Netz, digitale Herausforderungen und die Generation derjenigen, die »das Internet« nicht mehr verstehen und den digitalen Weckruf angeblich nicht hören. Dazu zähle vielleicht auch ich. Aber zumindest bemühe ich mich, das Für und Wider abzuwägen. Das ist doch auch schon etwas!

Dabei sehe ich natürlich auch die bekannten Gefahren übermäßiger Nutzung vor allem der angeblich sozialen Medien: Internetsucht, Verlust von sozialen Kontakten oder beispielsweise die Gefahr, eine Kurzsichtigkeit zu entwickeln.

Laptop Aber konzentrieren wir uns hier auf die augenscheinlich gute Idee der digitalen Nachhilfe mit »explainity«, »musstewissen« oder dem Mathe-Rapper DorFuchs. Es stellt sich die zentrale Frage, ob Schüler mit Medien wirklich effektiver lernen. Bekannt sind Untersuchungsergebnisse wie zum Beispiel aus der 2014 unter dem Titel »The Pen Is Mightier Than the Keyboard« veröffentlichte Studie, die belegen, dass bei handschriftlichen Aufzeichnungen offenbar mehr Konzeptwissen vorhanden ist als bei Notizen auf dem Laptop. Allein dieser Fakt zeigt, dass die Nutzung der Medien nicht nur Vorteile für den Wissenserwerb hat.

Aber steht das denn wirklich im Fokus? Wenn wir an unsere Schulzeit zurückdenken, sind es meistens die Lehrer oder sogar eine einzige Lehrperson, die uns am meisten prägte – unabhängig davon, wie viel Wissen tatsächlich vermittelt wurde. Die Lehrer haben eine Vorbildfunktion und ermöglichen den Schülern, am Modell zu lernen, Diskussionen zu führen und nachzufragen, Beziehungen aufzubauen und bestenfalls sogar Werte vermittelt zu bekommen. Kann YouTube das?

In den Sprüchen der Väter steht: »Such dir einen Lehrer«.

Ich kann aus meiner beruflichen Tätigkeit sagen, dass als erheblicher Wirkfaktor einer erfolgreichen Psychotherapie die therapeutische Beziehung angegeben wird. Die sorgt für etwa 30 Prozent der therapeutischen Veränderung oder Varianz, im Vergleich dazu sind es aufgrund der Therapieform oder therapeutischer Methoden nur 15 Prozent.

In den »Sprüchen der Väter« (Kapitel 1, 6) steht Folgendes: »Such dir einen Lehrer und erwirb dir einen Freund. Beurteile jeden Menschen nach der guten Seite.« Es scheint, dass das Gesamtthema der Mischna sich im sozialen Kontext befindet. Verschaffe dir einen Lehrer, nicht nur um des Wissens willen, sondern auch, um als Individuum geformt werden zu können.

Studie In einer Studie des Rates für Kulturelle Bildung geben Schüler an, mit den Erklär-Videos die Möglichkeit zu erhalten, die Lerneinhalte unendlich oft wiederholen zu können. Geht es um das Bedürfnis nach Sicherheit? Oder versuchen sie, ihre mangelnde Aufmerksamkeit während des Unterrichts zu kompensieren? Natürlich kann diese Frage nicht pauschal und schon gar nicht mit Gewissheit beantwortet werden.

Im Talmud (Eruvin 54b) finden wir folgende Anekdote: Rabbiner Perida pflegte mit seinem Schüler das Gelernte 400-mal zu wiederholen, bis dieser die Materie verinnerlicht hatte. Trotzdem verstand der Schüler den Lerninhalt nicht, woraufhin der Rabbiner den Stoff mit seinem Schützling erneut 400-mal einstudierte. Würden die heutigen Schüler YouTube nutzen, wenn sie solche Lehrer hätten? Ferner können wir uns nur schwer vorstellen, welche Werte ein Schüler von einem Lehrer wie Rabbiner Perida mitnehmen und miterleben durfte.

Wäre Hillel zu Hillel geworden, wenn er YouTube zur Verfügung gehabt hätte?

Und noch eine Geschichte aus der vor-digitalen, also talmudischen Zeit: Der große Gelehrte Hillel lebte in großer Armut, er war sogar zu arm, um das Eintrittsgeld für das Lehrhaus von Schmaja und Abtalion zahlen zu können. Aufgrund seiner Liebe zur Tora und seinem Ehrgeiz stieg er eines Wintertages auf das Dach, um das Gelernte mitverfolgen zu können. Er bemerkte den Schneefall nicht und schlief ein, bevor er am nächsten Morgen halb erfroren entdeckt wurde.

YouTube ist immer verfügbar, viele Nachhilfeangebote sind sogar kostenlos nutzbar. Das ist für Schüler oder auch Erwachsene, die sich weiterbilden wollen, durchaus ein Segen – hat man doch ständig Zugriff auf das Lehrmaterial. Aber wäre Hillel zu Hillel geworden, wenn er YouTube zur Verfügung gehabt hätte?

Der Autor ist Psychologe in Osnabrück. Er hat unter anderem an Jeschiwot in Jerusalem und in England studiert.

Ki Teze

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