Jom Jeruschalajim

Suche nach Vollkommenheit

Der Jom Jeruschalajim an der Kotel Foto: Flash 90

19 Jahre und 23 Tage liegen zwischen den beiden wichtigsten und freudigsten Ereignissen im Leben des jüdischen Volkes nach der Schoa und nach 2000 Jahren Exil. Ich spreche von der Staatsgründung Israels am 14. Mai 1948 (5. Ijar 5708) und der Eroberung der Altstadt und des Ostteils von Jerusalem am 7. Juni 1967 (28. Ijar 5727) im Sechstagekrieg durch die israelische Armee.

Dieses Sieges gedenkt der Jom Jeruschalajim, der an diesem Sonntag gefeiert wird, und den die Knesset am 23. März 1998 als nationalen Feiertag eingeführt hat.

Die Rückkehr nach Israel hat uns neue Chancen geschenkt. 2000 Jahre der erzwungenen Wanderschaft sind damit abgeschlossen. Im Exil konnten wir unsere Freiheit vielleicht in manchen Fällen durch Geld und Diplomatie erlangen. Wir durften aber dafür nicht kämpfen. Wir konnten auch nicht uns selbst, unsere Familien und unsere Schtetl verteidigen. Die Herren der Länder, in denen wir lebten, schenkten uns mitunter Freiheit – leider taten sie das aber auch oft nicht.

Verantwortung Seit der Rückkehr nach Israel stehen wir für uns selbst ein. Diese Tatsache verlangt nach unserem Engagement für die Entwicklung des eigenen Landes, sie erlaubt und ruft nach Selbstverteidigung und eigenständiger Verantwortung für das Gute, aber auch für das Schwierige. Wir sind nicht umsonst nach Israel zurückgekehrt. Die ersten Zionisten sprachen von einem sicheren Land für das jüdische Volk.

Aber wo gibt es heute überhaupt noch Sicherheit auf der Welt?
Der Vision der Propheten, unsere täglichen Gebete, der Wunsch am Ende der Pessachnacht (»Nächstes Jahr in Jerusalem«) sprechen aber nicht nur von Eretz Israel, sondern von Jeruschalajim.

Weder Tel Aviv noch Haifa noch Modiin besitzen die historische und vor allem die religiöse Bedeutung Jerusalems.
Ost und West, Altes und Neues, Alt und Jung, Religiös oder säkular, jüdisch oder nichtjüdisch, all das gibt es in Jerusalem. Alles ist Teil der alltäglichen Spannung, ein Teil des alltäglichen Krieges und Friedens in dieser Stadt.

Und gerade diese Stadt heißt bei uns Jeruschalem – in freier Übersetzung: »Dort wird die Vollkommenheit gesehen!« Ist das wirklich so? Hat man mit diesem Namen nicht zu hohe Erwartungen in diese Stadt gesetzt?

Doch ehrlich gesagt, genau das passt zu uns. Wir haben das ruhige Leben satt, wir brauchen Herausforderungen. Wir möchten diskutieren und uns streiten, weil wir nur so Größeres erreichen können.

Gegenwart »Die Berge umrunden Jeruschalajim und G’tt steht rund um sein Volk«: Auf einen Berg zu klettern, ist nicht so einfach. Um zum Gipfel vorzudringen, braucht man viel Geduld und Kraft. Um die Vollkommenheit Jerusalems erreichen zu können, setzen wir uns mit vielem auseinander, über Vergangenheit und Gegenwart, und das alles für die Zukunft. »Und G’tt steht rund um sein Volk«: Jerusalem ist G’ttes Stadt.

Um dorthin zu kommen, und noch mehr, um dort zu bleiben und uns zu vervollkommnen, müssen wir uns erst mit den schwierigsten Situationen der Welt auseinandersetzen, und die finden wir definitiv in Jerusalem vor: Heilige Orte für alle Religionen, und ein Berg, den jeder für sich alleine haben will. Ein neuer jüdisch-arabischer Konflikt, und Streit um Besitz und Bürgerschaft.

Man hat in Jerusalem das Gefühl, dass man sich immer noch irgendwo in einer anderen Zeit befindet, obwohl alles vorwärts strebt. Was dafür spricht, dass das jüdische Volk weiterhin die Herrschaft über Jerusalem ausüben wird, ist die Realität, die wir heute erleben. Von 1948 bis 1967 durften Juden die Altstadt nicht betreten. Die Kotel war für uns unerreichbar. Seit der Rückkehr nach Jerusalem 1967 zeigt das jüdische Volk, was Pluralismus im Nahen Osten bedeutet – und zwar im positiven Sinn.

Alltag Muslime, Christen und Juden, aber auch Gläubige anderer Religionen begegnen einander tagtäglich in Jerusalem. Sie beten, kaufen ein, lieben und streiten – aber die Hauptsache ist: Sie leben nebeneinander und kennen es auch nicht anders. Der Terror versucht stets, dies zu verhindern, aber die Realität lässt es nicht zu.

Wir freuen uns sehr an Jom Jeruschalajim und sprechen in den Synagogen das Hallel-Gebet. Die Rückkehr nach Jerusalem hat für uns eine tiefe religiöse Bedeutung. Es geht um die Erfüllung unserer jahrtausendealten Gebete. Uns bleibt aber immer noch übrig, das Gebet zu sprechen, das König Salomon einst bei der Einweihung des Ersten Tempels in Jerusalem sagte: »Mein Haus wird ein Bethaus für alle Völker sein.«

Martin Buber

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