Jitro

Stimmen sehen am Sinai

Als sich der Ewige gegenüber dem Volk Israel offenbarte, erblickte es Posaunenschall und Blitze

von Vyacheslav Dobrovych  05.02.2021 12:31 Uhr

Hören und Sehen: die Skulptur »Ein offenes Ohr für Kinder« des Freiburger Bildhauers Martin Wiese Foto: picture-alliance / dpa

Als sich der Ewige gegenüber dem Volk Israel offenbarte, erblickte es Posaunenschall und Blitze

von Vyacheslav Dobrovych  05.02.2021 12:31 Uhr

Der Wochenabschnitt Jitro ist sicherlich einer der interessantesten Wochenabschnitte der Tora. In ihm wird der Empfang der Tora geschildert, die historisch einmalige Offenbarung G’ttes vor den Augen des gesamten Volkes – jenes Ereignis, auf das sich das Judentum in seinem Selbstverständnis stützt.

Laut der jüdischen Zeitrechnung geschah es am 6. Siwan 2448 nach der Schöpfung der Welt, also im Sommer des Jahres 1313 v.d.Z. Fünfzig Tage zuvor waren die Israeliten aus Ägypten ausgezogen, hatten das Schilfmeer durchquert und all die anderen Dinge erlebt, die der vorherige Wochenabschnitt Beschalach beschreibt.

Gebote Unsere Weisen lehren, dass die ersten beiden der Zehn Gebote als direkte Rede G’ttes von jedem Einzelnen der Anwesenden vernommen wurden. Die anderen acht Gebote wurden, genauso wie der Rest der Tora, von Mosche übermittelt.

Diese Lehre spiegelt sich auch in den Zahlenwerten der Wörter wider: Die Tora hat bekanntermaßen 613 Gebote. Doch der Zahlenwert des Wortes »Tora« beträgt nur 611 – dies ist die Zahl der Gebote, die durch Mosche vermittelt wurden.

Dies steht im Einklang mit dem Vers im 5. Buch Mose: »Die Tora hat uns Mosche geboten, das Erbe der Gemeinde Jakows« (33,4).

Von besonderem Interesse ist die Beschreibung dieser Massenoffenbarung im 2. Buch Mose 20,15: »Und alles Volk sah die Stimmen und die Blitze und die Stimme der Posaune.«

Interessanterweise ist hier davon die Rede, dass das Volk Stimmen sah. Normalerweise werden Stimmen gehört und nicht gesehen – was hat es hier damit auf sich?

Unterschied Der südafrikanische Rabbiner Akiva Tatz hat diesbezüglich einen Gedanken geäußert, der fundamental für das Verständnis des Judentums ist: Es gibt einen qualitativen Unterschied zwischen dem Akt des Hörens und dem Akt des Sehens. Wenn man etwas sieht, so sieht man alles auf einmal. Wenn wir vor einem Gemälde stehen, so sind alle Farben und Formen auf einmal sichtbar. Im nächsten Moment kann sich der Betrachter auf die Einzelheiten des Bildes konzentrieren. Er kann sich jetzt dem oberen oder unteren Teil widmen, doch im Moment des Erblickens hat er das gesamte Kunstwerk wahrgenommen.

Beim Hören verhält es sich anders. Wir hören eine Silbe oder einen Ton, danach eine weitere und noch eine. Im Endeffekt konstruieren wir das Gehörte zu einem Ganzen.

Wenn man einer Geschichte lauscht, so ist im Moment des Schlussakts der Anfang der Geschichte nicht mehr sichtbar. Der Anfang der Geschichte ist ein gesprochenes Wort, dessen Schall am Ende der Geschichte längst verklungen ist. Nur unsere Erinnerung erlaubt es uns, den Schlussteil der Geschichte mit dem Anfang zu kombinieren und aus dem Gehörten eine Gesamtheit zu erschaffen.

Wenn die Tora den Moment der g’ttlichen Offenbarung als das »Sehen der Stimmen« beschreibt, meint sie also laut Rabbi Tatz, dass das Volk die Gesamtheit der Realität wahrgenommen hatte. Die Realität der Einheit G’ttes, seiner Liebe, seiner Macht über alles, was geschieht.

Erfahrung Das Volk wurde sich all der fundamentalen Regeln des Universums bewusst. Diese Erfahrung war so überwältigend, dass die Israeliten sie abbrechen wollten: »Als sie aber solches sahen, flohen sie und blieben in der Ferne stehen und sprachen zu Mosche: Rede du mit uns, wir wollen hören« (2. Buch Mose 20,16).

Das Volk entschied sich gegen das Sehen und für das Hören. Und so lautet das Glaubensbekenntnis des Judentums: »Schma Jisrael, Adonai Eloheinu, Adonai Echad« − »Höre Israel, G’tt ist unser G’tt, G’tt ist Eins« (5. Buch Mose 6,4).

Es geht also darum, in den Fragmenten des Lebens, in den Silben unserer Geschichte die Einheit G’ttes herauszuhören. Was heißt das?

Widmen wir uns noch einmal dem Text des Schma Jisrael. Die Mystiker lehren, dass die verschiedenen Namen G’ttes für die verschiedenen Attribute des g’ttlichen Handelns stehen: Der Name Adonai repräsentiert das von uns als barmherzig wahrgenommene und der Name Elohim das von uns als streng oder manchmal auch als unangenehm empfundene Handeln G’ttes.

Das Schma Jisrael lehrt uns, dass in den Fragmenten des Lebens, in den einzelnen Tönen unseres Lebensliedes die Barmherzigkeit in allen Dingen liegt – selbst im Leid und in Schwierigkeiten. Alles ist die Offenbarung des einen barmherzigen G’ttes, so wie es im zweiten Teil des Verses heißt: »Adonai Echad.«

Einheit Interessanterweise ergeben die Buchstaben des Wortes »Israel« auch die Wörter »Schir El« – Lied G’ttes. Das Lied G’ttes ist das Lied des in den Schwierigkeiten versteckten Segens, die Einheit von Gut und Böse, die das versteckte Gute ist.

Das Volk Israel repräsentiert mit seiner Geschichte und deren Höhen und Tiefen, dass man das Licht in der Tragödie finden kann. Auch das Leben jedes einzelnen Individuums soll eines Tages offenbaren, dass alle Schwierigkeiten ein Segen waren, dass alles, was passiert, uns zum Guten formt.

Diese Idee wird auch beim Propheten Secharja deutlich. In der Prophezeiung des messianischen Zeitalters heißt es: »An jenem Tag wird der Ewige eins und Sein Name eins sein« (14,9).

Der Talmud ist über die Worte des Propheten zunächst sehr bestürzt. Wenn G’tt erst »an jenem Tag eins« sein wird, heißt das doch, dass es zurzeit noch nicht so ist. Dies aber widerspricht dem monotheistischen Gedanken.

Der Talmud antwortet auf dieses Dilemma: Heute gibt es Dinge, die wir in unserer Subjektivität als positiv bewerten, und Dinge, die wir als negativ bewerten.

Objektiv gesehen ist daher G’tt zwar einzig, doch unsere Wahrnehmung hat das Elend der Welt als Gegenpol zu dieser Einheit ständig vor Augen. »An jenem Tag«, also an dem Tag, an dem das messianische Zeitalter anbricht, soll auch das von uns Menschen als schlecht Empfundene eine Neubewertung erhalten.

Der Autor studiert Sozialarbeit in Berlin.


inhalt
Die Tora stellt Mosches Schwiegervater Jitro als religiösen und weisen Menschen dar. Er rät Mosche, Richter zu ernennen, um das Volk besser zu führen. Die Kinder Israels lagern am Fuß des Berges Sinai und müssen sich drei Tage lang vorbereiten. Dann senkt sich G’ttes Gegenwart über die Spitze des Berges, und Mosche steigt hinauf, um die Tora zu empfangen.
2. Buch Mose 18,1 – 20,23

Mikez

Für alle

Die Tora lehrt, dass wir unsere Stärken in den Dienst des Gemeinwohls stellen sollen

von Beni Frenkel  03.12.2021

Talmudisches

Auf hoher See

Wie gegen Rabbi Eliezer der Bann verhängt wurde und Rabban Gamliel in einen Sturm geriet

von Yizhak Ahren  03.12.2021

Tradition

Acht Lichter und viele Mizwot

Welche Bräuche zum Kerzenzünden an Chanukka sich im Laufe der Zeit entwickelten

von Rabbiner Avraham Radbil  02.12.2021

Chanukka

Licht aus Jerusalem

Die Geschichte des Festes anders erzählt – mit einer modernen Deutung der altjudäischen Botschaft

von Michael Wolffsohn  02.12.2021

Interview

»Die Religionsfreiheit gerät immer mehr unter Druck«

Rabbiner Avichai Apel über Chanukka, die Corona-Pandemie und Herausforderungen für das jüdische Leben in Europa

von Leticia Witte  01.12.2021

Berlin

Chanukka am Brandenburger Tor

Bundestagspräsidentin Bärbel Bas entzündete das erste Licht

 28.11.2021

Andreas Nachama

»Die Macht des aufklärenden Wortes«

Der Berliner Rabbiner wird 70 Jahre alt. Ein Gespräch über seine Familie, die Gemeinde und den jüdisch-christlich-muslimischen Dialog

von Leticia Witte  28.11.2021 Aktualisiert

Chanukka

Lichter der Hoffnung

Mitten in Pandemie und Dunkelheit: Das Fest könnte zu keinem besseren Zeitpunkt kommen

von Rabbiner Julian-Chaim Soussan  26.11.2021

Wajeschew

Das Leben feiern

Die Tora lehrt, in jeder Erfahrung einen Sinn zu sehen und daran zu wachsen

von Rabbiner Yehuda Teichtal  26.11.2021