Schach

Spiel der Könige

Trendsportart: Unterwasserschach in einem Pool in Tel Aviv Foto: Flash 90

Kein anderes Spiel beziehungsweise kein anderer Sport wurde so signifikant von Juden geprägt und beeinflusst wie das Schachspiel. Die Liste der jüdischen und vaterjüdischen Schachgroßmeister – der höchste vom Weltschachbund FIDE verliehene Titel – ist lang, ebenso wie die Liste der jüdischen Schachweltmeister. Schachspieler wie Garry Kasparov, Bobby Fischer und Emanuel Lasker sind als Legenden in die Geschichte des beliebten Denksports eingegangen.

Der amtierende Schachweltmeister, der norwegische Großmeister Magnus Carlsen, wurde bei der FIDE Weltmeisterschaft in Dubai (24. November bis 14. Dezember 2021) vom jüdischen Großmeister Jan Nepomnjaschtschi (kurz »Nepo«) herausgefordert. Obwohl Carlsen schon im Vorfeld als Favorit galt, hat er unlängst eingeräumt: »Heute ist Nepomnjaschtschi einer der wenigen, die in der Lage sind, mich zu besiegen.«

Laut »ChessBase« hat Beer Sheva die weltweit höchste Rate von Schachgroßmeistern.

Laut »ChessBase« ist die israelische Metropole Beer Sheva, die »Hauptstadt des Negev«, die Stadt mit der weltweit höchsten Rate (Stand 2005) von Schachgroßmeistern verglichen mit der Einwohnerzahl – ein Großmeister pro 22,875 Einwohner!

Diese Statistiken veranlassen viele Benutzer im Forum der beliebten Schach-Website chess.com, darüber zu spekulieren, ob es einen bestimmten Grund dafür gibt, dass so viele der größten Schachspieler jüdisch waren beziehungsweise sind.

KREATIVITÄT Manche führen den überdurchschnittlichen Erfolg der jüdischen Schachspieler auf das im Judentum jahrtausendelang gepflegte intensive Talmudstudium zurück und vergleichen die Denkweise im Schachspiel mit dem talmudischen Denken. Tatsächlich haben das Schachspiel und die Herangehensweise des Talmuds einiges gemeinsam: visuelles Verständnis, Zentralität des Gesetzes, antiautoritäre und kreative Art, Lösungen zu finden und Alternativen zu schaffen.

Laut Gerald Abrahams (1907–1980, britischer Schachspieler und Autor) sollen außerdem Liebe zum Lernen, Zielstrebigkeit und Sprachbegabung (aufgrund von Migration) zum Erfolg beitragen. Doch die Geschichte des Schachspiels im Judentum beginnt viel früher: Der liberale Gelehrte Aharon Jellinek (1820–1893) behauptet in seinem Werk Beit Hamidrasch (1853–1877), einer Sammlung kleiner Midraschim, dass das Schachspiel von niemandem anderen als König Schlomo, dem weisesten Menschen aller Zeiten, erfunden wurde, und dass er das sogenannte »Spiel der Könige« gegen seine königlichen Kollegen spielte.

KÖNIG SCHLOMO Diese Legende klingt zwar schön, und König Schlomo wäre sicherlich in der Lage gewesen, ein solch geniales Spiel zu erfinden. Jedoch gibt es in der traditionellen jüdischen Literatur keinerlei Beweise dafür – und es ist ohnehin anzunehmen, dass Jellinek dieses Werk, basierend auf seiner Fantasie, zum Zweck der Unterhaltung verfasste.

In Verbindung mit König Schlomo wird das Schachspiel in den traditionellen jüdischen Quellen zwar nicht erwähnt, dafür aber möglicherweise im Talmud. Im Traktat Ketubot (61b) des Babylonischen Talmuds wird ein Spiel namens »Nadreschir« in die Diskussion eingebracht. Der mittelalterliche Talmudkommentator Raschi (Rabbi Shlomo Jitzhaki, 1040–1105) identifiziert das erwähnte Spiel als »Ishkekish«, ein altfranzösisches Wort für Schach.

Laut Rabbi David Korinaladi (18. Jahrhundert, italienischer Rabbiner und Verfasser des Mischna-Kommentars »Beit David«) wurde es sogar vor der Mischna-Epoche erfunden. Jedoch gibt es zahlreiche Historiker und Rabbiner, die aus verschiedenen Gründen, unter anderem aufgrund des Kontextes des Talmuds, der Ansicht sind, dass Raschi beziehungsweise der Talmud nicht das Schachspiel meinen konnten.

JEHUDA HALEVI Wer das Spiel auf jeden Fall kannte und es sogar in seinem Werk erwähnt, ist der bekannte spanische Gelehrte und Philosoph Rabbi Jehuda Halevi (1075–1141), der Autor des Kusari. In diesem Werk heißt es: »Aus demselben Grund ist es unwahrscheinlich, dass der schwache Schachspieler den Stärkeren schlagen sollte. Man kann bei einer Schachpartie nicht von Glück oder Unglück sprechen, wie in einem Krieg zwischen zwei Königen. Denn die Regeln des Spiels sind völlig offen zu studieren, und der Experte wird immer der Sieger sein« (Kusari 5,20,52).

Genauso auch im wahren Leben, führt Rabbi Jehuda Halevi aus, hat der Mensch die freie Wahl zwischen Gut und Böse, und es obliegt ihm, seinen Verstand zu nutzen, um die richtigen Entscheidungen zu treffen, anstatt sich auf das Glück zu verlassen. Rabbi Jehuda Halevis Schwiegersohn, der Dichterphilosoph Rabbi Avraham Ibn Ezra (1089–1167), war ein begeisterter Schachspieler. So sehr sogar, dass unter seinen zahlreichen Gedichten mehrere über das Schachspiel zu finden sind.

Im Gedicht »Das Lied des Ishkuka« beschreibt Ibn Ezra die Regeln des Spiels und die verschiedenen Fortbewegungsmöglichkeiten der jeweiligen Figuren. Die Bedeutung dieser Gedichte wird hierdurch bewiesen, dass manche Regeln im modernen Schach auf Ibn Ezras Schriften zurückzuführen sind.

In den halachischen Werken der vergangenen Jahrhunderte wurde viel darüber diskutiert, ob es erlaubt ist, am Schabbat Schach zu spielen, und manche Rabbiner waren der Ansicht, es sei unangebracht und möglicherweise sogar untersagt. Rabbi Yehoshua Neuwirt jedoch legt in seinem Werk Schmirat Schabat Kehilchata (16, 34) fest, dass es erlaubt ist, solange nicht um Geld gespielt wird und die Gesetze von Borer (Sortieren) eingehalten werden.

Jan Nepomnjaschtschi forderte den amtierenden Weltmeister Magnus Carlsen in Dubai heraus.

Interessanterweise hat das Schachspiel in der Chabad-Bewegung sogar eine spirituelle Bedeutung: Nachdem der treue Chabad-Anhänger und professionelle Schachspieler Samuel Reshevsky im Jahr 1946 Schachmeister in den USA wurde offenbarte Rabbi Josef Jitzchak Schneerson, der sechste Lubawitscher Rebbe, seinen Anhängern (unter ihnen Samuel Re­shev­sky) die spirituelle Bedeutung des Schachs. Demnach symbolisiert dieses Spiel den ständigen Kampf der Keduscha (Heiligkeit) gegen die Sitra Achra (Jezer Hara – der böse Trieb), und die verschiedenen Figuren stehen für unterschiedliche Instrumente, die in diesem Kampf eingesetzt werden.

»NITTEL-NACHT« Bei Chabad gibt es den Brauch, in der »Nittel-Nacht« (Nacht des 24. Dezembers) Schach zu spielen, und es gibt ein bekanntes Foto, auf dem zu sehen ist, wie Rabbi Josef Jitzchak Schneerson und sein Schwiegersohn Rabbi Menachem Mendel Schneerson (der siebte Lubawitscher Rebbe) gegeneinander Schach spielen.

Das Schachspiel begleitet die Menschheit schon seit Tausenden von Jahren. In den vergangenen zwei Jahren hat das Spiel aufgrund der Covid-19-Pandemie und der Netflix-Serie The Queen’s Gambit sehr an Beliebtheit gewonnen. Laut chess.com haben sich seit März 2020 circa elf Millionen neue User registriert.

Im jüdischen Volk hatte Schach ohne Zweifel schon immer einen besonderen Platz, und die außergewöhnliche Aufmerksamkeit, die die Gelehrten des Mittelalters dem Schachspiel widmeten, ist ebenso ein Rätsel wie auch der große Erfolg der jüdischen Schachspieler in den vergangenen zwei Jahrhunderten – auch wenn es derzeit unwahrscheinlich erscheint, dass bald wieder ein jüdischer Spieler an der Spitze der Schachwelt stehen wird.

Tradition

Erlebtes Wunder

Weltweit feiern jüdische Gemeinden neben dem Purimfest einen Tag, an dem sie selbst einer Katastrophe entkommen sind. Aus halachischer Sicht gibt es gute Gründe dafür

von Rabbiner Dovid Gernetz  21.02.2024

Teruma

War es ein Einhorn?

Die Tora berichtet, das Stiftszelt sei mit dem Fell des Tachasch bedeckt worden. Welches Tier ist gemeint?

von Chajm Guski  15.02.2024

Talmudisches

Haschems Kinder

Die Weisen der Antike entschieden immer nach Rabbi Jehuda – mit einer Ausnahme

von Rabbiner Avraham Radbil  15.02.2024

Lesezyklus

Keine drei Tage ohne Tora

Wann in der Synagoge aus der heiligen Schrift vorgelesen wird, steht bereits seit Jahrtausenden fest

von Rabbiner Avraham Radbil  15.02.2024

Essay

Theologische Anfragen an die Gedenkkultur

Spätestens nach dem 7. Oktober 2023 kennt das Gedenken an Amaleq ein weiteres, grausiges Ereignis

von Hanna Liss  09.02.2024

Talmudisches

Rettich

Was unsere Weisen über den Verzehr des beliebten Gemüses lehrten

von Rabbinerin Yael Deusel  09.02.2024

Mischpatim

Sie greift die Feinde an

Gʼtt schickt den Kindern Israels eine Wespe, die ihnen helfen soll

von Rabbiner Avichai Apel  09.02.2024

Schaltjahr

Zweifache Erlösung

Bald beginnt der Adar, Purim feiern wir aber erst einen Monat später. Die Verschiebung im Kalender verweist auf ein tiefes talmudisches Prinzip

von Vyacheslav Dobrovych  08.02.2024

Leipzig

Oleg Portnoy als Militärrabbiner eingeführt

Der 46-Jährige ist der vierte Rabbiner, der dieses Amt bei der Bundeswehr ausführt

von Blanka Weber  06.02.2024