Pro & Contra

Soll man die Sommerzeit abschaffen?

Pro – Rabbiner Raphael Evers: »Für praktizierende Juden ist die Zeitumstellung ein Drama.«

Ich bin definitiv dafür, die Sommerzeit abzuschaffen. Denn in vielerlei Hinsicht ist die jährliche Zeitumstellung von Frühjahr bis Herbst für Juden, die sich an die Gebote der Halacha halten, ein einziges Drama. Ein zentrales Beispiel: Frauen, die in die Mikwe gehen, stellt die Umstellung der Uhr um eine Stunde nach vorne vor ein ernstes Problem.

Wenn sie während der Sommerzeit das Tauchbad wie üblich abends aufsuchen, zieht sich der Besuch bis spät in die Nacht. Und wenn es in der Heimatstadt des Paares keine Mikwe gibt, wird es ebenfalls sehr spät, bevor die Frau nach Hause zurückkehrt – und möglicherweise muss sie einen beschwerlichen, wenn nicht gar gefährlichen Heimweg auf sich nehmen.

Schabbat Natürlich könnten Frauen auch tagsüber in die Mikwe gehen oder in einer anderen Stadt übernachten, doch es gibt noch viele weitere Gründe, warum die Abschaffung der Sommerzeit das Leben toratreuer Juden außerordentlich erleichtern würde. In Altersheimen ist es beim späten Einbruch der Nacht während der Sommerzeit so gut wie unmöglich, den Bewohnern eine halachisch korrekte Schabbatmahlzeit zu servieren – denn dies muss nach Sonnenuntergang passieren.

Für kleine Kinder wird es am Freitagabend oft viel zu spät, um beim Schabbatessen noch wach zu sein. In der Synagoge wiederum muss man während der Sommerzeit eigentlich zu früh beten. Zudem kann man im Hochsommer erst nach 23.05 Uhr das Gebet Schma Israel sagen. Bis dahin muss man aufbleiben oder sich den Wecker stellen, um das Schma am Abend wie vorgeschrieben nach Aufgang der drei Sterne zu sagen.

Am Morgen wiederum beginnt der Tag zu früh, und die Zeiten für das Morgengebet sind schnell vorbei. Oft verpassen die Beter die halachisch korrekten Zeiten für das Schma Israel. Dasselbe gilt für das Schmone Esre, das Achtzehngebet (die Amida). Mincha, das Mittagsgebet, kann man wiederum erst mitten am Tag sprechen und mit einer Chuppa erst nach 14.30 Uhr beginnen, weil man normalerweise vor einer Hochzeit zuerst Mincha betet.

Minjan Auch die Kombination von Nachmittags‐ und Abendgebet wird relativ spät. Die meisten Menschen kehren erst um viertel vor neun oder neun Uhr von der Synagoge nach Hause zurück und können danach keine Aktivitäten mehr planen. Der Schabbatausgang wiederum ist so spät, dass die Menschen an Motzei Schabbat nicht mehr in die Synagoge kommen und es keinen Minjan mehr gibt.

Und an Jom Kippur, dem Versöhnungstag, dauert das Fasten wegen der Sommerzeit länger, während man an Sukkot laut der Halacha nur nachts in der Laubhütte Kiddusch machen kann – also während der Sommerzeit erst eine Stunde später als gewöhnlich. Und in manchen Städten in Norddeutschland gibt es zumindest nach Ansicht einiger Rabbiner im Hochsommer gar keine Nacht mehr, was zusätzliche halachische Komplikationen bedeutet.

Nicht nur uns Juden stellt die Sommerzeit vor ernsthafte Probleme: Die EU führt derzeit eine Online‐Befragung zum Thema durch, an der sich schon viele Menschen beteiligt haben. Laut einer Umfrage in Deutschland lehnen hierzulande 75 Prozent der Menschen die Sommerzeit ab. Ich hoffe sehr, dass die EU‐weite Befragung ähnlich ausfällt und die Meinung der Bürger von den Regierungen Europas und dem Europäischen Parlament in Brüssel ernst genommen wird.

Sonnenuntergang Die Frage ist: Was tun wir, wenn das nicht geschieht? Ist es möglich, den Schabbat im Sommer sehr spät (also gegen 21.10 Uhr, etwa 20 Minuten vor Sonnenuntergang) zu feiern und somit freitags sehr lange zu arbeiten? Dürfen wir überhaupt mit den Anfangszeiten des heiligsten Tages der Woche spielen?

Die Antwort ist: Jein. Nach dem allgemeinen Minhag (Brauch) beginnt der Schabbat mit dem Sonnenuntergang – das wird in fast allen jüdischen Gemeinden akzeptiert. Ein »Protokoll« von mindestens elf Minuten (besser 20 Minuten) wird als Sicherheitsmaßnahme benötigt. Im Winter ist es daher nicht möglich, später Schabbat zu feiern; im Sommer dagegen dürfen wir den Beginn des Schabbats unter Umständen vorverlegen, weil wir uns sonst erst um 22 oder 23 Uhr zur Mahlzeit am Tisch versammeln können. Dies ist möglich, weil der Babylonische Talmud (im Traktat Berachot) davon ausgeht, dass – zumindest nach einer Auslegung – der neue Tag fünf Viertelstunden vor den drei Sternen oder Sonnenuntergang beginnt.

Vor und während der Hohen Feiertage geht die Sonne zwischen 19.35 Uhr (9. September) und 19.14 Uhr (18. September) unter. Wenn wir an Rosch Haschana um 19.00 Uhr mit Mincha und Maariv (Mittags‐ und Abendgebet) beginnen, werden die meisten Juden zur richtigen Zeit Kiddusch machen. Sie sehen also: Es gibt für fast alle Probleme eine halachische Lösung. Doch weitaus einfacher wäre es, wir würden nicht gezwungen, Lösungen für Probleme zu finden, die wir ohne die Sommerzeit gar nicht hätten.

Rabbiner Raphael Evers ist orthodoxer Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, Dajan beim Europäischen Beit Din und Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD).

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Contra – Rabbiner Walter Rothschild: »Wir können uns unsere Zeit selbst einteilen, auch im Hochsommer.«

Es ward Abend, und es ward Morgen – der erste Tag.« Seitdem streitet man über die Frage: Wann beginnt eigentlich Abend und wann Morgen? Wann ist es Zeit, um das »Schma schel Schacharit« zu rezitieren? Wie lange dauert ein Tag, und wann soll er beginnen? Bei Sonnenuntergang? Bei Sonnenaufgang? Irgendwo in der Mitte, in einer künstlichen Zeit, definiert nur durch menschengemachtes Uhrwerk?

Ich persönlich habe kein Problem mit der Sommerzeit. Als liberaler Rabbiner bin ich in der Lage, meine Gebetszeiten auch in den Sommermonaten einzuhalten, ohne mich von der Zeitumstellung der Europäischen Union stören zu lassen. Die Sommerzeit als formales Konzept datiert aus dem Ersten Weltkrieg, als man das Sonnenlicht so weit wie möglich nutzen wollte. Daher entschied man sich dafür, die Uhren umzustellen, nach der Devise: Wenn in unseren Breitengraden die Sonne »früher aufsteht«, sollten wir das auch tun, damit wir das Tageslicht besser nutzen können. Ich sehe nicht, was daran heute anders sein sollte.

Natürlich hat es Einfluss auf unser Arbeits‐ und Familienleben, wenn sich die Gebetszeiten um eine Stunde nach vorne verschieben. Natürlich kann es Komplikationen geben: Einmal im Jahr haben wir einen Tag mit 25 Stunden, einmal einen Tag mit 23 Stunden. Normalerweise werden die Uhren um drei Uhr morgens zwischen Samstag und Sonntag verstellt, damit so wenige wie möglich Schwierigkeiten mit der Zeitumstellung haben – obwohl in Israel der Sonntag, »Jom Rischon«, ein Arbeitstag ist. Aber die Israelis haben genug Sorgen und können auch damit umgehen.

Rhythmus Zeit ist ein menschliches Konstrukt. Die ganze Frage von Sommerzeit und Winterzeit existiert sowieso nur deswegen, weil wir Uhren erfunden haben und nicht mehr ausschließlich nach einem natürlichen Rhythmus leben. Uhren bestimmen, was wir tun. Ein Wecker schrillt, und wir müssen aufstehen und zur Schule oder Arbeit gehen – obwohl es noch dunkel und kalt ist.

Oder die Sonne geht auf, die Tiere und Vögel wachen auf und singen oder jagen, aber für uns ist es noch »zu früh«, um aufzustehen und Frühstück vorzubereiten. Oder jemand verlangt von uns, bis Schichtende zu arbeiten, obwohl es schon wieder finster geworden ist. Wir als Menschen entscheiden über Zeit – nicht über die Zeit unseres Lebens, aber die Zeit, in der wir leben.
In einigen Städten wie Halberstadt endet der Tag – zumindest, was den öffentlichen Nahverkehr angeht – schon um 20 Uhr. In Berlin dagegen bleibt eine BVG‐Tageskarte bis drei Uhr morgens gültig. Alles ist eine Frage der Definition.

Seit wir wirklich verstehen, was es bedeutet, auf einem Globus zu leben, wissen wir auch, dass die Hälfte der Welt in einer anderen Jahreszeit lebt als wir: Wenn bei uns Sommerzeit ist, ist auf der anderen Hälfte des Globus Winter. In den Vereinigten Staaten gibt es unterschiedliche Zeitzonen an der Ostküste, in der Mitte, an der Westküste .… Wann beginnt Schacharit oder Schabbat oder Jom Kippur in Amerika? In Europa habe ich das gleiche Problem:

London Wenn ich nach England fliege, muss ich meine Uhr entweder um eine Stunde oder um 20 Jahre zurückstellen. Wenn man die Zeitumstellung vergisst, wird man zwar den Rückflug nicht verpassen, aber zu lange im Terminal warten. Leider gibt es Länder, die zurzeit die Uhren 70 Jahre oder mehr zurückstellen möchten. Wird das zu einem neuen Winter für die Menschheit führen? Das beschäftigt mich weitaus mehr als die Frage, ob die Sommerzeit in der EU den Schabbat verlängert.

Einst hatten die Römer und andere den Tag in Stunden eingeteilt, wobei die Stunden auch unterschiedliche Länge während des Jahresrhythmus hatten. Sollte man in einem nördlichen Land leben, in dem die Sonne sechs Monate lang am Himmel steht, dann ist es komplizierter, Gebetszeiten einzuhalten, die von der Sonne abhängig sind.

Dann muss man sich etwas ausdenken, sonst hat man sechs Monate Schabbat. (Es gab einmal einen Mordprozess in Alaska, in dem ein Zeuge aufgefordert wurde: »Erzählen Sie uns, wo Sie in der Nacht vom 20. September bis zum 18. März waren!«) Soviel ich weiß, folgen die jüdischen Gemeinden im Norden Norwegens und in Alaska der »Jerusalemer Zeit«, um dieses Problem zu vermeiden.

Nacht Als Gott Himmel und Erde schuf, mit einem großen Licht für den Tag und einem kleineren Licht für die Nacht, hat Er sicherlich nicht daran gedacht, dass in Zukunft Juden so weit im Norden und Süden der Erde leben werden, weit weg vom Garten Eden.

Im Schöpfungskapitel in »Bereschit«, dem ersten Buch Mose, gibt es Monate und Jahreszeiten – und den Kontrast zwischen Zeiten, die vergehen, und einem Gott, der ewig ist. Zeit ist relativ, Zeit ist flexibel. Und ehrlich gesagt, Zeit geht viel zu schnell vorbei, als dass wir sie an Probleme verschwenden sollten, die wir uns selbst machen. Also, atmen wir lieber tief ein und singen gemeinsam: »Summertime … and the living is easy …«

Rabbiner Walter Rothschild ist liberaler Rabbiner und arbeitet unter anderem für Beit Polska, den Verband progressiver jüdischer Gemeinden in Polen.

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