Geistiges Eigentum

Selbst denken – so viel Zeit muss sein

Kopieren geht nicht über Studieren. Foto: Thinkstock

Ist das Kopieren eine »wichtige menschliche Kulturtätigkeit«, wie manche Experten glauben, oder muss geistiges Eigentum geschützt werden? Eine Frage, die auch das Judentum beschäftigt. Die Tora (3. Buch Mose 19, 11–13) ist hier klipp und klar in ihrer Aussage: »Ihr sollt nicht stehlen und leugnen und euch nicht untereinander betrügen. Ihr sollt nicht falsch schwören bei Meinem Namen und dadurch den Namen deines Gottes entheiligen: Ich bin der Herr. Du sollst nicht betrügen deinen Nächsten und du sollst ihn nicht berauben.«

So weit die Theorie. Aber wie sieht die Praxis aus? Ob auch ich selbst schon einmal im Internet Fotos, Texte oder Musikstücke unerlaubt kopiert habe, möchte ich ohne meinen Anwalt lieber nicht sagen. Doch Spaß beiseite. Ich denke, dass vieles ganz unbewusst geschieht. Wenn man zum Beispiel soziale Netzwerke nutzt, dann denkt man oft nicht darüber nach, ob ein Bild oder eine Textstelle einfach benutzt werden darf.

Zumal die Online-Ausgaben von Zeitungen und ein schneller Zugriff auf alle möglichen Informationen uns dazu verleiten, diese Informationen zu teilen. Da müssen wir im Umgang mit verfügbarem Content sensibler und bewusster werden.

Recherche Wir befinden uns in einer schnelllebigen Zeit, die uns mit Informationen überflutet. Jeden Tag wird uns mehr Wissen abverlangt, in immer kürzeren Abständen – das hat natürlich seine Grenzen. Wir können nicht beliebig viel aufnehmen und wiedergeben. Hinzu kommen nie da gewesene Möglichkeiten, an Wissen heranzukommen. Ich erinnere mich an Zeiten, wo ich oft lange in Bibliotheken gesessen habe und dort sehr viel Recherche betreiben musste. Heute kommt die Bibliothek zu mir nach Hause.

Abgesehen vom heutigen Urheberrecht und anderen juristischen Vorgaben beschäftigt sich auch das jüdische Recht schon seit Jahrhunderten mit dem Thema Kopieren. Seit der Erfindung des Buchdrucks um die Mitte des 15. Jahrhunderts ist die Problematik des Schutzes von geistigem Eigentum in den Blick der rabbinischen Rechtsauffassung gerückt. Grund dafür war die schnellere und kostengünstigere Form des Kopierens.

Heute drücken wir nur noch einen Knopf, und schon sind ganze Bibliotheken kopiert und heruntergeladen. Vor dem Buchdruck musste alles per Hand abgeschrieben werden, das heißt, der Aufwand war immens und lohnte sich nicht. Nach dieser Erfindung musste ein Schutz für geistiges Eigentum – für Autoren und Verlage – geschaffen werden. Schließlich galt es, auch einen finanziellen Schutz für sie zu errichten.

Halacha Dementsprechend ist der Diebstahl von geistigem Eigentum – sei es das Kopieren von Büchern, CDs, Musikdateien, Online-Content, Medien jeglicher Art oder auch Patenten und Marken – ohne Genehmigung des Eigentümers nach der Halacha verboten. Hinzu kommt noch das halachische Gesetz der »Dina deMalchut Dina« – Das Gesetz des Landes ist das Gesetz –, welches uns verbietet, gegen das weltliche Rechtssystem in dem Land, in dem wir leben, zu verstoßen.

Von vielen wird heute bestritten, dass es so etwas wie geistiges Eigentum überhaupt gibt. Dem muss allerdings man ganz klar widersprechen: Immer, wenn jemand durch Lesen, Forschen und Erfinden etwas Neues sagt oder produziert, entsteht geistiges Eigentum.

Aber wie ist es mit bloßen Ideen? Natürlich verwende ich Gedanken anderer, wenn ich zum Beispiel am Schabbat über den Tora-Abschnitt spreche. Anders könnte ich gar nicht arbeiten. Das gilt auch für andere Berufe. Ein Lehrer, der eine Klasse unterrichtet, würde sich sonst sofort strafbar machen, wenn er Inhalte aus Büchern wiedergibt. Aber ich versuche, immer meine eigenen Gedanken mit einzubeziehen.

Stellen Sie sich einmal vor, Sie müssten jedes Mal, wenn Sie etwas schreiben oder wiedergeben möchten, das Rad neu erfinden. Das wäre nicht möglich und würde zu einem Stillstand unserer geistigen, kulturellen, wissenschaftlichen und technischen Entwicklung führen. Wir plagiieren und ahmen immer irgendetwas oder irgendjemanden nach. Doch daraus entsteht unsere Inspiration, und wir bauen somit auf Altem Neues auf.

Plagiat Viele begnügen sich aber leider mit dem Kopieren des Alten, ohne Neues, Eigenes darauf aufzubauen. Die jüngsten Plagiatsvorwürfe gegen prominente Politiker, aber auch einige namhafte Rabbiner sind uns noch in allzu guter Erinnerung. Leider nutzen manche die bestehenden Möglichkeiten, um auf Kosten anderer schneller zum Erfolg zu gelangen. Wir benötigen in unserer Leistungsgesellschaft daher ein Umdenken, wie wir mit der Informationsflut umgehen und es schaffen können, trotz Leistungsdruck Neues und Wertvolles entstehen zu lassen, ohne zu plagiieren.

Ich glaube, dass all diejenigen, die beim Plagiieren erwischt wurden, das Potenzial für eigenständiges Arbeiten durchaus haben. Nur gab es Barrieren, wie etwa Zeitdruck, die es ihnen nicht erlaubten, selbstständig Überdachtes von sich zu geben. Das zeigt für mich, dass wir in unserer Gesellschaft an die Grenzen des geistig Machbaren gestoßen sind.

Ich denke dabei auch an sich häufende Berichte von überlasteten Schülern und Studenten. Langsameres und beständigeres Arbeiten wäre ein Lösungsansatz. Denn es ist wichtig, dass geistige Anstrengung sich mehr auf den Weg fokussiert und weniger nach Leistung bewertet wird. Unser Geist reift viel langsamer, als wir denken. Die Zeit dafür sollten wir uns nehmen.

Re'eh

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