Tiger Woods

Sein Handicap

Wie das Leben eines Mannes wegen sexueller Abenteuer außer Kontrolle geraten kann

von Jonathan Rosenblum  21.01.2010 00:00 Uhr

Tiger Woods begann 1996 seine Profikarriere, war bereits ein Jahr später Nummer 1 der Weltrangliste. Foto: dpa

Wie das Leben eines Mannes wegen sexueller Abenteuer außer Kontrolle geraten kann

von Jonathan Rosenblum  21.01.2010 00:00 Uhr

Die Tiger-Woods-Saga spielt nicht gerade auf dem Niveau der griechischen Tragödie. Eine Vorliebe für billige Frauen gehört nicht zu jenen tragischen Charakterschwächen, die die Beachtung der großen antiken Tragödiendichter gefunden hätte. Dazu ist sie viel zu weit verbreitet.

In der griechischen Tragödie ist die tragische Schwäche des Helden unauflösbar mit seiner Größe verbunden. Es ist auf den ersten Blick auch nicht zu erkennen, was ein exorbitanter sexueller Appetit mit jener Eigenschaft zu tun hat, die – mehr als seine körperliche Fitness – aus Tiger Woods den vielleicht größten Golfspieler aller Zeiten machte: die phänomenale Fähigkeit, in Situationen mit besonderem Druck gelassen zu bleiben.

Untergang Doch wenn man sich die Trümmer von Woods’ Karriere ansieht, spürt man ein wenig von dem Schrecken, der das athenische Publikum erschaudern ließ. Sein Untergang war genau so schroff und plötzlich wie der des Ödipus, als er erfuhr, dass Jokaste seine Mutter war. Vor Kurzem noch war Woods einer der meistbewunderten Männer der Welt. Auf den großen Flughäfen der Welt konnte man nicht um die Ecke biegen, ohne dem lächelnden Gesicht oder der über dem 18. Loch aufgereckten Hand von Tiger Woods zu begegnen.

Heute ist er die Witzfigur aller Komiker dieses Planeten. Er darf sein Gesicht nicht in der Öffentlichkeit zeigen, ohne sicher zu sein, dass jemand kichernd mit dem Finger auf ihn zeigt. Die Werbeagenturen, mit deren Hilfe er zum ersten Sportler wurde, der durch Produktsponsoring eine Milliarde Dollar verdiente, lassen ihn links und rechts fallen. Es ist nicht einmal sicher, ob er seinen Status als der beste Golfspieler auf der Welt wiedergewinnen kann. Letztes Jahr musste er sich einer Knieoperation unterziehen und verpasste die ersten Monate der Golfwettbewerbe. Dennoch gewann er sechs Golfturniere, weit mehr als jeder andere Spieler. Doch wie einer seiner Konkurrenten meinte: »Mit einem gebrochenen Bein kann man immer noch der größte Golfspieler der Welt sein; die Frage ist, wie sich eine gebrochene Psyche auswirken wird.«

tragödie In der griechischen Tragödie widerfahren dem Helden schreckliche Dinge; der Grund dafür liegt in ihm selbst. All die Dinge, die wir heute als tragisch bezeichnen – Krankheiten, Naturkatastrophen –, Ereignisse, die keinen ursächlichen Zusammenhang mit dem Helden erkennen lassen, galten den Griechen nicht als tragisch. Der kathartische Schrecken ihrer Tragödien entstand, wenn sich vor den Zuschauern das Drama entfaltete, wie ein Mensch, der mit Glück und vielen Begabungen gesegnet ist, sich selbst zerstört.

Zeuge einer solchen Selbstzerstörung zu sein erregt auch heute noch Schrecken. Denn trotz aller Bemühungen, die Woods-Saga auf ein Witzniveau herunterzuziehen, glaube ich, dass es viele Menschen gibt, die von dem schaudervollen Gedanken erfasst wurden: Wenn sogar Tiger Woods, der ganz oben, an der Weltspitze steht, durch sein eigenes Verhalten verschulden kann, dass sein gesichertes Leben sich über Nacht in nichts auflöst, wie kann ich sicher sein, dass mir nicht genau das Gleiche passiert? Es muss auf der Welt mehr als einen auf sexuellen Abwegen Wandelnden gegeben haben, der sich im Licht von Woods’ Schicksal überlegte, ob der augenblickliche Kitzel den potenziellen Schaden wirklich wert ist. Unsere Weisen raten uns: »Wäge den Genuss der Sünde gegen ihre Kosten ab.«

Die meisten von uns versuchen, ein gewisses Image aufrechtzuerhalten. Doch sind wir verletzlich: Wir könnten in den Augen der Welt – wie groß oder klein sie auch immer sei – zur Witzfigur werden, wenn unser Verhalten und das Image plötzlich nicht mehr übereinstimmen. Die Angst davor, so zu werden, ist vielleicht das größte Geschenk von Tiger Woods an die Menschheit.

Familie In den Augen vieler sind Tiger Woods’ Beteuerungen, seine Familie sei für ihn das Wertvollste auf der Welt, sicherlich nur das Produkt eines geschickten Presseagenten ohne jedweden Anspruch auf auch nur ein Minimum an Aufrichtigkeit. Ich bin da anderer Meinung. Ich glaube, dass die von ihm oftmals zum Ausdruck gebrachte Liebe und Verehrung für seinen Vater Earl, der Oberstleutnant in der Armee war, und seine Mutter von ihm tatsächlich tief empfunden wird. Wenn dem so ist – was für ein vernichtendes Gefühl muss es sein, zu begreifen, dass seine eigenen Kinder von ihm nie auf die gleiche Weise als Vorbild sprechen werden, wenn sie erwachsen sind.

Aller Wahrscheinlichkeit nach liebt Woods seine Kinder, vielleicht sogar seine Frau. Auf all die dubiosen Stelldicheins ließ er sich nicht deshalb ein, weil er seine Kinder nicht liebte. Er tat es vielmehr, wie Bill Clinton einmal erklärte, »weil er es tun konnte« oder zumindest glaubte, er könne es tun, ohne Folgen befürchten zu müssen. Die Entlarvung von Woods wird es für den nächsten Wollüstling schwieriger machen, den Gedanken an eventuelle Folgen erfolgreich zu verdrängen.

Eigenes Verhalten Was Tiger Woods geschehen ist, ist bemerkenswert lediglich wegen der Größe seines Unterganges und der Tatsache, dass er sich in aller Öffentlichkeit abspielt. Aber sexuelle Abenteuer sind nur eine von vielen möglichen Weisen, sein Glück aufs Spiel zu setzen. Woods ist bei Weitem nicht der Einzige, der sein Leben zerstört hat. Wir brauchen uns nur umzusehen, um festzustellen, dass die Anzahl derjenigen, die ihr Leben durch ihr eigenes Verhalten und falsche Entscheidungen zerstört haben, weitaus größer ist als die Anzahl derjenigen, deren Leben durch Krebs und andere Schicksalsschläge jenseits ihrer Kontrolle zerstört wurde.

In Vintage Wein erzählt Rabbi Berel Wein die Geschichte von einer ungeheuer wohlhabenden Familie, die sich in endlosen Rechtsstreitigkeiten über das Testament des Mannes, von dem der ganze Reichtum stammte, zerfleischt. Zum Zeitpunkt seines Todes reichte der Nachlass aus, um jedem seiner Erben und ihren Kindern ein Leben in finanzieller Sicherheit zu bieten. Doch weil das Vermögen durch die anhängigen Gerichtsverfahren blockiert war, konnten die Erben ihre Grundstücke nicht verkaufen, bevor die Krise auf dem Immobilienmarkt einsetzte. Nach Jahren nicht enden wollender Prozesse standen sie da mit einem Erbe, dessen Wert gegen null ging, und hunderten Millionen Dollar an Answaltsrechnungen und ausstehenden Steuern. Gewiss kennt jeder von uns zahllose Geschichten dieser Art.

Schicksalsschlag Es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen jenen, die ihr Glück unbesonnen und gedankenlos ruinieren, und jenen, die solchen Prüfungen, wie sie Hiob zu bestehen hatte, ausgesetzt sind. In der zweiten Kategorie – Menschen, die Angehörige im Holocaust verloren; Eltern von Kindern mit gravierenden Behinderungen; Menschen, die an lebensbedrohlichen Krankheiten leiden – findet man viele, die jeden, der ihnen begegnet, mit einem lächelnden Gesicht begrüßen und das Leben weiterhin positiv und optimistisch betrachten. Sie können sich immer noch an den Segnungen Gottes erfreuen und finden Erfüllung, wenn sie den Missgeschicken des Lebens zu begegnen versuchen. Unter jenen, die ihr Leben ruiniert haben, weil sie nie lernten, ihre Wünsche oder ihren Zorn zu kontrollieren, oder weil sie selbstzerstörerische Entscheidungen fällten, trifft man keine glücklichen Menschen an.

Ich wünschte, ich könnte sagen, ein selbstzerstörerisches Verhalten wie dasjenige von Tiger Woods sei unter orthodoxen Juden unbekannt – oder zumindest unter orthodoxen Rabbinern. Aber ich habe keine große Lust, mich zum Narren zu machen.

Trotzdem ist mir keine Persönlichkeit, die von einem breitem Spektrum von Angehörigen des Tora-Judentums verehrt wird, bekannt, deren Privatleben als etwas enthüllt wurde, das weit von seinem öffentlichen Image abwich. Ein Aspekt der Verehrung sind umfassende Kenntnisse der Tora – doch nur wenn sie von einer lebenslangen Arbeit begleitet werden, die eigenen Triebe und Wünsche, die subtilen sowie die gewöhnlichen, zu beherrschen.

Beständige, intensive Bemühungen, den Charakter zu festigen, einschließlich der Kenntnis über die eigenen Schwächen, sind der einzige Schutz davor, aus seinem eigenen Leben einen Trümmerhaufen zu machen.

Nachdruck mit freundlicher Genehmigung von »jewishmediaresources.com«. Der Autor ist Direktor dieser orthodoxen Medienorganisation.

Lech Lecha

Zu weit gegangen

Gott wollte, dass die Ägypter die Israeliten unterdrücken – doch weil sie übertrieben, bestrafte er sie

von Mendel Itkin  08.11.2019

Talmudisches

Später Lohn

Von einem Zaddik aus Galiläa und dem Urteil über andere

von Noemi Berger  08.11.2019

Diskussion

»Jesus ist nicht katholisch geworden«

Bei der ersten gemeinsamen Fachtagung der Deutschen Bischofskonferenz und der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland ging es um Grundsätzliches

von Jérôme Lombard  07.11.2019

Training

Rhetorik für den Rabbi

Die Bildungsabteilung im Zentralrat der Juden in Deutschland gibt orthodoxen Rabbinern Tipps für Reden und Interviews

von Eugen El  07.11.2019

Dialog

»Gemeinsamkeit statt Abgrenzung«

Der Frankfurter Rabbiner Julian-Chaim Soussan über eine Tagung von orthodoxen Rabbinern und katholischen Bischöfen

von Ayala Goldmann  07.11.2019

9. November

Wo überall neue Synagogen entstehen

Rund 80 Jahre nach den Pogromen gibt es bundesweit mehr als 100 Synagogen – Tendenz steigend, vor allem im Osten

von Nina Schmedding  06.11.2019