Tempelberg

Schwieriger Status quo

Objekt der Sehnsucht: Blick vom Ölberg auf den Tempelberg in Jerusalem Foto: Flash90

Um Mitternacht erhoben sich vor 25 Jahren fast alle Studenten meiner damaligen Talmudhochschule von ihrem Bett. Zu Hunderten belagerten sie die Mikwe (das rituelle Tauchbad) des Quartiers, bis alle nach Vorschrift eingetaucht und reisebereit waren. Das Ziel: mit den ersten Sonnenstrahlen gemeinsam den Tempelberg begehen, der religiösen Vorschrift entsprechend.

Als einer der wenigen schloss ich mich damals der Anregung des Rosch Jeschiwa, des geistigen Oberhauptes der Talmudhochschule, nicht an. Einerseits war da der Gedanke, dass auch jemand im Lehrhaus bleiben und weiterhin die Tora studieren sollte, andererseits auch die Bedenken, die schon damals als offizielle Richtlinie des Oberrabbinats und der Mehrheit der bisher amtierenden Oberrabbiner Israels galten. Dennoch verfolgte ich die wochenlangen Einstimmungen auf dieses für die Institution historische Event mit großem Interesse und lauschte gemeinsam mit den Menschen, die tatsächlich auf den Tempelberg gehen wollten, den Vorträgen zur spirituellen und halachisch-praktischen Vorbereitung.

alija Bis heute hat das Thema der »Alija«, des »Aufstiegs«, auf den Tempelberg nichts an Aktualität verloren, ganz im Gegenteil. Der Besuch bekannter israelischer Politiker auf dem Tempelberg, wie etwa im September 2000 des damaligen Oppositionsführers Ariel Scharon, oder jüngst des eben erst zum Minister ernannten Itamar Ben-Gvir, wird mancherorts als Unruhe stiftend wahrgenommen. Doch warum?

Bevor wir uns der Beantwortung dieser Frage zuwenden, sollte die Bedeutung des Tempelbergs für das Judentum und das Volk Israel beleuchtet werden. Explizit in den Heiligen Schriften treffen wir den Tempelberg und die Bedeutung Jerusalems erst (!) vor etwa 3000 Jahren an – mit König David, der Jerusalem zur Hauptstadt des Königreiches ernennt und den Ort des zu erbauenden Tempels auf dem Tempelberg bestimmt (II. Samuel 5–7), sowie mit seinem Sohn König Salomon, der schließlich den Ersten Tempel dort errichtet (I. Könige 6–8).

Maimonides führt jedoch in seinen Vorschriften zum Tempel (Hilchot Bet Habechira 2,2) die Tradition aus der mündlichen Überlieferung an, dass dieser Ort schon lange davor zentrale spirituelle Bedeutung hatte: Dort errichtete Vorvater Awraham den Altar und band darauf seinen Sohn Jizchak als Opfer; ebenso brachte zuvor schon Noach nach der Sintflut Opfer an diesem Ort dar, so auch Kajin und Hewel (Abel) sowie ihr Vater Adam, als er von G’tt erschaffen worden war!

Nachmanides (Kommentar zum 5. Buch Mose 12,5, aufgrund des Midrasch Sifri) sieht in der Anweisung der Tora, »nach Seiner Thronstätte wendet euch/forschet, und dahin kommet«, die Aufforderung, nach dem Weg zum Haus G’ttes zu fragen, dass einer zum anderen sagen möge: »Kommt, gehen wir hinauf zum Berg des Ewigen, zum Hause des G’ttes Jakow« (Jesaja 2,3).

sehnsucht Den Tempelberg zu besteigen entspricht also einer gelebten Sehnsucht, ähnlich wie diejenige des jüdischen Volkes während Jahrtausenden in der Dias­pora, nach Israel zurückzukehren.

Sie manifestierte sich darüber hinaus in den jüdischen Gebetsbräuchen (Babylonischer Talmud, Brachot 30a): »(Jemand, der betet) richte sein Herz auf das Jisraelland; steht er im Jisraelland, so richte er sein Herz auf Jerusalem; steht er in Jerusalem, so richte er sein Herz auf das Heiligtum; steht er im Heiligtum, so richte er sein Herz auf das Allerheiligste … also richtet ganz Jisrael sein Herz nach einem Punkt (nämlich dem Ort des Allerheiligsten) – ›talpiot‹: ein Hügel, dem sich alles zuwendet.« Dieser Anleitung folgend, beten Juden weltweit täglich – seit Jahrtausenden, egal, wo auf der Welt sie sich befinden – Richtung Tempelberg gewandt, wo sich alle Gebete vereinigen (Schulchan Aruch, Orach Chaim 94,1).


Das Anlegen des Tallit auf dem Tempelberg ist seit Jahrzehnten von den Behörden untersagt.

Einen noch deutlicheren Ausdruck als in der Gebetsausrichtung findet diese Sehnsucht im Inhalt der täglichen Gebete, in denen nicht nur um den »Wiederaufbau von Jerusalem und die Rückkehr der g’ttlichen Präsenz« gebetet wird, sondern auch darum, »den Tempeldienst wieder in Deinen heiligen Wohnsitz zurückzubringen (… ), und mögen unsere Augen miterleben, wie Du in Barmherzigkeit nach Zion zurückkehrst« (aus dem Amida-Gebet). Nach diesen Ausführungen mag sich die Befürchtung einstellen, es werde angestrebt, den Dritten Tempel auf dem Tempelberg praktisch zu errichten, wie in den Gebeten explizit erbeten und erhofft.

MASCHIACH Jedoch sprechen sich die Gelehrten des Mittelalters gegen diese Möglichkeit aus. Wohl erwähnt sie der israelische Talmud (Jeruschalmi, Maaser Sheni 5,2) als Option, doch orientieren sich die maßgeblichen Meinungen an Maimonides’ Auffassung, dass der Dritte Tempel erst durch Maschiach, den Erlöser, erbaut werden könne (Hilchot Melachim 11,1; aufgrund des Midrasch Wajikra Raba 9,6), oder an derjenigen Raschis und der Tosafisten, der Dritte Tempel werde »vom Himmel kommen« (Raschi, Babylonischer Talmud, Sukka 41a).

Auch diejenigen, welche den Tempelberg besuchen, um damit der Hoffnung auf den Aufbau des Dritten Tempels Ausdruck zu verleihen, erwarten zuerst klare himmlische Zeichen (die Ankunft des Maschiach oder die Niederkunft eines himmlischen Tempels) und werden ohne diese keine konkreten Schritte zum Wiederaufbau des Tempels unternehmen.

Das bloße Gebet oder die Ausübung anderer jüdischer Traditionen auf dem Tempelberg, wie das Anlegen von Tallit und Tefillin oder das Schütteln des Lulaw-Feststraußes, sind seit Jahrzehnten von den Behörden untersagt. Ansonsten steht den Religionsgemeinschaften in Israel zu, an den ihnen heiligen Stätten beten zu dürfen.

regel Als ich mich vor einigen Jahren bei der damaligen Justizministerin Israels, Ayelet Shaked, nach dieser Regel erkundigte, bestätigte sie, dass es hierfür keine gesetzlich-rechtliche und international-juristische Grundlage gebe, sondern dass allein die Befürchtung, dass dies als Provokation ausgelegt werden und Unruhen auslösen könnte, zum Verbot führte. Im Jahr 2021 wurde der Status quo dahingehend geändert, dass zumindest leise oder unauffällige jüdische Gebete nicht mehr unterbunden werden.

Seit 2021 werden leise oder unauffällige jüdische Gebete auf dem Areal nicht mehr unterbunden.

Das Oberrabbinat Israels spricht sich jedoch aus anderen Gründen mehrheitlich gegen den Besuch des Tempelbergs aus, vor allem wegen des Verdachts, die Besucher würden sich nicht den dort geltenden strengen Vorschriften der Reinheit und der erforderlichen Reinigungs-Vorbereitungen entsprechend verhalten.

vorschrift Darüber hinaus ist die historische exakte Verortung des Ersten und Zweiten Tempels auf dem Tempelberg umstritten. Dieses Areal aber, inklusive der dazugehörigen Vorhöfe, darf nach religiöser Vorschrift heutzutage selbst mit dem derzeit möglichen maximalen Reinigungs-Zeremoniell nicht betreten werden.

Alle diese Befürchtungen wurden in der Vorbereitungszeit an der Talmudhochschule vor 25 Jahren ausführlich studiert und diskutiert, Spezialisten gaben zu ihnen Anleitung. Infolgedessen bereiteten sich die teilnehmenden Studenten gewissenhaft vor, tauchten nach gründlicher Vorbereitung in die Mikwe ein, bestiegen den Tempelberg im Morgengrauen, nur einen vorgegebenen eng begrenzten Pfad begehend, wo nach allen Meinungen die Tempel früher nicht standen, und murmelten leise und unbemerkt Psalmen vor sich hin, ihr Herz vor G’tt in gefühlter unmittelbarer Nähe ausschüttend.

Der Autor ist Oberrabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde Wien.

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