Trauer

Schwarze Tage

Auch die tragischen Ereignisse im Warschauer Ghetto stehen mit Tischa be Aw in Verbindung. Foto: dpa

Am kommenden Dienstag (9. August) ist Tischa be Aw. Der Fast‐ und Trauertag beginnt am Montagabend. Weil wir an diesem Tag jüdischer nationaler Katastrophen gedenken, haben gerade wir Juden in Deutschland einen ganz besonderen emotionalen Zugang dazu. Gerade hier könnte man das Gefühl haben, dass man zum Beispiel von der Verpflichtung des Fastens eigentlich ganz befreit sein sollte. Eben weil man in Deutschland lebt und demzufolge ständig mit dem Thema von Tischa be Aw konfrontiert wird.

Zuerst eine kurze historische Zusammenfassung der Hintergründe dieses Tages: Der Talmud erklärt uns im Traktat Taanis, dass fünf nationale Katastrophen an Tischa be Aw geschehen sind: Es beginnt in der Zeit des Auszugs aus Ägypten. Mosche hatte eine Gruppe ausgesandt, das Land Kanaan zu erkunden. Auf deren schlechten Bericht über das Land reagierte das Volk mit Panik.

»Da erhob die ganze Gemeinde ein lautes Geschrei, und das Volk weinte in jener Nacht.« (4. Buch Moses 14,1). Diese Reaktion – während der Nacht des 9. Aw – war der Grund der g’ttlichen Entscheidung, diese Generation nicht ins Land Israel einziehen zu lassen.

Und dieser Tag, so Maimonides, wurde von G’tt für zukünftige Katastrophen des jüdischen Volkes vorgesehen. Über die Reaktion des Volkes zum Bericht der Spione heißt es im Midrash Tanchuma: »Gott hat ihnen gesagt, ›Ihr weintet ein grundloses Weinen, ich werde für Euch Weinen über die Generationen festlegen‹«.

Tempel Erschütternde historische Ereignisse bestätigen die Ankündigung dieses Midraschs. Der erste und zweite Tempel, führt die Mischna fort, sind am 9. Aw in Brand gesteckt worden. Zudem ist zur Zeit des Bar‐Kochba‐Aufstandes gegen das rö‐
mische Reich an einem 9. Aw die jüdische Großstadt Beitar zerstört worden. Maimonides schreibt: »Und eine große Stadt, die Beitar hieß, ist eingenommen worden. Da wohnten hunderte Tausende.« Zuletzt erzählt die Mischna davon, dass Jerusalem nach der Zerstörung des zweiten Tempels an diesem Tag dem Erdboden gleichgemacht wurde. So wie bei Jeremiah zu lesen ist: »Zion ist ein gepflügtes Feld« (26,18).

Der Historiker Cecil Roth behauptet, dass die erste Austreibung einer jüdischen Bevölkerung im Mittelalter an Tischa be Aw in England im Jahre 1290 durch König Edward I. geschah. Die berühmte Vertreibung der Juden aus Spanien 1492, von der fast eine Million Juden betroffen waren, ist ebenfalls an Tischa be Aw geschehen.

Weltkrieg Der Erste Weltkrieg, der so viele tragische Entwicklungen der modernen Zeit ausgelöst hatte, ist an einem 9. Aw ausgebrochen. Am 31. Juli 1941, am Abend des 8. Aw, schrieb Hermann Göring an Reinhard Heydrich und beauftragte ihn, »alle erforderlichen Vorbereitungen in organisatorischer, sachlicher und materieller Hinsicht zu treffen für eine Gesamtlösung der Judenfrage im deutschen Einflussgebiet in Europa«.

Tags darauf, am 9. Aw, begann Heydrich mit der Erfüllung des Auftrags. Das Warschauer Ghetto wurde durch die SS ab dem 22. Juli 1942 schrittweise aufgelöst und die Einwohner zum Todeslager Treblinka deportiert. An Tischa be Aw, dem 23. Juli 1942, wurde die erste Gruppe in Treblinka ermordet.

Diese und andere tragische Ereignisse geschahen alle an diesem Datum des hebräischen Kalenders, sodass dieser Tag dem Gedenken aller jüdischen nationalen Tragödien gewidmet ist.

In der Liturgie des Tages werden die zehn Märtyrer erwähnt, die im 2. Jahrhundert ermordet worden sind. Betont werden auch die Pogrome in der Zeit der Kreuzzüge, in denen mehrere jüdische Gemeinden des Gebiets »Ashkenaz« in Schutt und Asche gelegt wurden.

Der »Kinah« von R. Meir von Rottenburg berichtet von der Verbrennung zahlreicher Manuskripte des Talmuds, die am 17. Juni 1244 in Paris geschehen ist – ein tragischer Vorfall, welcher die Zukunft des Talmudstudiums ernsthaft gefährdet hat. Auch wenn sich diese Ereignisse nicht an Tischa be Aw zugetragen haben, wird ihrer dennoch an diesem Tag gedacht.

Diese Tatsache alleine enthält eine besondere Botschaft für Juden in Deutschland. Es ist schlicht unmöglich, jedes tragischen Ereignisses der jüdischen Geschichte zu gedenken. Dies zu versuchen, würde die kreativen spirituellen Kräfte, die man als Jude stets bentötigt, erschöpfen oder lähmen. Daher ist ein Tag des Jahres dafür ausersehen, an dem wir unsere spirituellen Kräfte darauf zielen, den Schmerz der Vergangenheit, den Schmerz des Exils in ihrer Gesamtheit zu erwecken.

Torastudium Im Schulchan Aruch kodifiziert Rabbiner Joseph Caro das Gesetz, dass im Traktat Bavli Taanis 30a gelehrt wird, und demzufolge es an Tischa be Aw verboten ist, Tora zu lernen. Seien es die Schriften der Propheten, die Mischnajot, Midrasch oder Gemara, seien es die Werke der Halachah oder Aggada: An diesem Tag lernt man diese Texte nicht, weil »Gottes Gesetze aufrecht sind und des Herz glück‐lich machen« (Psalm 19,8). Der tiefe Eindruck der Leidensgeschichte des jüdischen Volkes während des Exils, den wir an diesem Tag gewinnen, ist unvereinbar mit dem Glück des Torastudiums.

Weiterhin steht in Schulchan Aruch: »Aber man kann von Hiob und die schlechten Sachen in Jeremiah lesen, aber man muss die Verse des Trosts, die dazwischen kommen, überspringen.« Weiterhin ist es erlaubt, von der Megillat Eicha und die entsprechenden Midrashim zu lesen, sowie zu erzählen von der Geschichte der Zerstörung der Tempel.

Man muss aber vorsichtig sein, nicht allzu analytische Fragen zu diesen Texten zu stellen, weil im Fragestellen und Antworten allein die Gefahr steckt, intellektuellen Genuss zu haben. Sogar, sich gedanklich mit der Tora auseinanderzusetzen, ist problematisch, erklärt Rabbi Caro.

In der Mischna Brurah, einem Kommentar zum Schulchan Aruch, wird die Idee erläutert: Obwohl Gedanken nicht einem gesprochenen Wort oder einer Handlung gleichkommen, könnten Gedanken über die Tora trotzdem zu Glücksgefühlen führen – und seien daher an diesem Tag untersagt.

Diese weitgehende Einschränkung des Toralernens an Tischa be Aw hat eine besondere Bedeutung für den Rest des Jahres. Sie erinnert uns daran, dass die grundsätzlichen Aspekte des jüdischen Lebens unmittelbar mit Freude verbunden und mit Trauer unvereinbar sind.

Dieser Logik nach, wenn ich – als in Deutschland lebender Jude – diesen Tag mit der entsprechenden emotionalen und spirituellen Tiefe begehe, kann er mich von der Verpflichtung des Trauerns an den anderen Tagen befreien.

Der Autor ist Student des Rabbinerseminars zu Berlin.

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