Tora

Schutz und Weisung

Unterwegs zu Hause: Beduinenlager in der Wüste Foto: Thinkstock

Wer sich schon einmal Israels Wüstenlandschaften angesehen hat, weiß, wie herrlich es dort sein kann. Eine Wüstenwanderung ist unbeschreiblich schön, doch die Vorbereitung auf einen solchen Ausflug will wohldurchdacht sein, denn die Wüste ist ein lebensfeindlicher Ort. Mindestens zwei Liter Wasser muss man mitnehmen und Kleidung, die die Haut schützt. Auch eine Kopfbedeckung ist sehr ratsam.

Die Wüste erlaubt uns keine Fehler, man kann dehydrieren oder sich verlaufen. Man ist auf die Hilfe eines erfahrenen Wüsten-Guides angewiesen, ohne den man dort verloren wäre. Darum ist eine Wüste mit Bedacht als Ort des Aufenthalts zu wählen.

Fahne Das 4. Buch Mose, Bamidbar, beschreibt unsere Situation in der Wüste nach dem Auszug aus Ägypten. Ab hier ergeben sich für uns neue Herausforderungen, die wir meistern müssen. Wir lesen deshalb dazu in unserer Parascha folgende Aufforderung Gottes an Mosche und Aharon: »Jeder von den Kindern Israel soll sich bei seiner Fahne nach dem Zeichen seiner Familie halten. In einiger Entfernung sollen sie sich um das Stiftszelt herum lagern« (4. Buch Mose 2,2).

Es stellt sich die Frage: Warum diese Anordnung »um das Stiftszelt herum«? Soll das Stiftszelt (Mischkan) dadurch besonders geschützt werden? Stellen wir uns vor, wie das Leben und der Auszug unserer Vorfahren damals waren: ein Leben in Unterdrückung und Abhängigkeit vom Pharao, ein wahlloses Durcheinander ohne Überblick und Ordnung, denn der Auszug war eine planlose Flucht.

Der Einzige, der genau wusste, was passiert, war der Ewige. Darum ist die Frage einfach zu beantworten: Natürlich benötigt das Stiftszelt, das symbolische Haus Gottes, keinen besonderen Schutz – Gott kann auf sich selbst aufpassen. Vielmehr galt diese Anordnung den Kindern Israel. Somit haben wir uns nicht für Ihn »um das Stiftszelt herum« angeordnet, sondern für uns selbst.

Rahmen So eine Anordnung ist auch symbolisch zu sehen. Sie definiert eine Gruppe und versinnbildlicht uns eine Aussage, die genau und präzise ist. Als gutes Beispiel lässt sich ein Kontoauszug von der Bank nehmen: Er gibt den Rahmen von Möglichkeiten vor, er verschafft dem Kontoinhaber ein Bild von dem, was aus finanzieller Sicht möglich ist.

Und so war es auch beim Auszug aus Ägypten. Wir waren »rahmenlos« und kannten die Anordnung auf unserem »Konto« nicht. Gott gab uns durch eine einfache Anweisung einen Rahmen. Dieser diente der Förderung und Festigung unserer Gemeinschaft und schaffte einen ersten Überblick und eine erste Ordnung. Außerdem verdeutlichte Gott uns, dass wir eine Gemeinschaft sind und füreinander Verantwortung tragen.

Der Rahmen, den Gott uns gab, liefert uns auch die Antwort auf die Frage, warum diese Anordnung um das Stiftszelt herum so wichtig war. Durch diese Formation richtet sich unser Blick auf das Innere und das Wichtige in der Gesellschaft: die Wurzeln, die besondere Bedeutung unserer Gemeinschaft, basierend auf dem Fundament der Religion, ihren Gesetzen und Richtlinien. Der Ewige erklärt uns, dass wir darauf achtgeben müssen. Dazu gehört auch der Schutz unserer Quelle, der Weisheit und des Wissens. Wir verteidigen nicht Gott – dazu braucht er nicht uns –, sondern wir verteidigen unseren Ausgangspunkt, der uns zu dem macht, was wir sind. Gott verlangt von uns, dass wir uns dessen bewusst sind und Ihn ernst nehmen.

Heute gibt es das Stiftszelt nicht mehr, die Formation von damals hat sich aufgelöst. Trotzdem ist es unsere Pflicht, die Anweisungen von damals auch ohne Stiftszelt zu beachten. Darum ist das Studium der Tora so wichtig. Es verlangt von uns Hingabe, Konzentration und Kreativität.

Die Tora beschreibt, dass die Stämme von Gott unterteilt wurden: Jeder bekam seinen Platz zugewiesen, hatte sein Banner, seine Flagge, die seinen Mitgliedern einen festen Platz gab. Durch Gottes Aufforderung entstand aus einem »wilden Haufen« von Flüchtlingen eine geordnete Gemeinschaft. Man kann das mit der Arbeit eines Malers vergleichen: Er nimmt eine leere Leinwand, sieht vor seinem inneren Auge das Bild, das er malen möchte. Dann muss er es skizzieren, bearbeiten und die Farben auswählen. Gott ist der Künstler, aber wir haben das Bearbeiten und die Fertigstellung des Bildes übernommen.

Schutz Heute wissen wir nicht genau, zu welchem Stamm wir gehören. Es schwenkt keiner mehr eine Flagge, die uns eine feste Ordnung zuweist und uns Schutz und Unterschlupf bietet. Heute sind wir mehr denn je auf uns selbst gestellt. Die schützende Hand Gottes weist uns auch nicht mehr den Weg. Desto mehr müssen wir uns gegenseitig vertrauen und aufeinander verlassen können. Wie das funktioniert, können wir in der Tora nachlesen.

In der heutigen Zeit scheint Gott uns sagen zu wollen, dass wir am Anfang mehr Weisungen von Ihm benötigt haben, sie jetzt aber nicht mehr in der Form brauchen. Das heißt, wir haben diesen Teil des Weges gemeistert und sind jetzt dabei, weitere Stufen auf unserem gemeinsamen Pfad zu gehen.

Darum sind die gemeinsamen Grundlagen in jeder Generation von Neuem zu erlernen. Die Tora ist die Basis, die jeder kennen muss. So wird sie zu unserem neuen Banner, zu unserer Flagge, die wir hochhalten und in der wir einen Wegweiser finden.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde zu Berlin.

Inhalt
Paraschat Bamidbar. Am Anfang steht die Zählung aller wehrfähigen Männer, mit Ausnahme der Leviten. Sie sind vom Militärdienst befreit und nehmen die Stelle der Erstgeborenen Israels ein. Ihnen wird der Dienst im Stiftszelt übertragen. Bei ihnen soll von nun an jedes Erstgeborene ausgelöst werden. Zudem wird geregelt, welche Familien für den Auf- und Abbau des Stiftszelts verantwortlich sind.
4. Buch Mose 1,1 – 4,20

Lech Lecha

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