Studium

Schützende Kraft

Erfordert große Anstrengung, vor allem in Zeiten, in denen man sich schwach und niedergeschlagen fühlt: Toralernen Foto: Flash 90

Dies ist die Lehre des Ganzopfers: das Ganzopfer sei auf der Feuerstätte auf dem Altar die Nacht hindurch bis zum Morgen« (3. Buch Moses 6,2). Unsere Weisen bemerken zu diesem Vers: »Wer sich mit der Lehre des Ganzopfers beschäftigt, wird so angesehen, als hätte er ein Ganzopfer gebracht« (Midrasch Tanchuma 14).

Die Tora bestimmt, dass sämtliche Opfer bei Tag und nicht bei Nacht gebracht werden: »Am Tag ist seine Bestimmung« (3. Buch Moses 7,38). So gibt es im Tempeldienst nur zwei Dinge, die nicht bei Tag geschehen. Im eingangs zitierten Vers heißt es, dass das Ganzopfer die Nacht hindurch auf dem Altar zu brennen hat. Die zweite Ausnahme ist die Menora: »Vom Abend bis zum Morgen ist das ständige Licht zu zünden« (3. Buch Moses 24,3).

Rabbiner Schalom Beresanski erklärt, dass der Tag geistige Erleuchtung symbolisiert. Der im Tempel zu verrichtende Opferdienst ist Ausdruck des auf den Schöpfer gerichteten Gedankens: »Erkenne G’tt, deinen Vater, und diene Ihm« (Chroniken I 28,9).

Die Dunkelheit der Nacht hingegen verkörpert die geistige Entfernung von G’tt und den negativen Einfluss körperlicher Kräfte und materialistischer Weltanschauung. Das Zünden der Lichter der Menora und das Feuer auf dem Altar gehören nicht zum Opferdienst im engeren Sinne. Sie versinnbildlichen den Mut und die Kraft, mit denen der Mensch den Herausforderungen der Nacht begegnet und gegen die Dunkelheit ankämpft.

Feuer Die Tora wird sowohl mit Licht als auch mit Feuer verglichen. »Tora ist ein Licht«, lehrt König Salomon (Sprüche 6,23). Und im Propheten heißt es: »Sind meine Worte nicht wie Feuer, spricht G’tt« (Jeremia 23,29).

So wie das Licht der Menora das Dunkel der Nacht erhellt, erleuchtet das Studium der Lehre das Bewusstsein des Menschen und lässt ihn G’ttes Nähe spüren. Und so wie das Opfertier im Feuer des Altars aufsteigt, schwächt das Feuer der Tora den Drang körperlicher Neigungen. »Ich habe den bösen Trieb geschaffen, und als Mittel habe ich ihm die Tora geschaffen«, heißt es im Talmud (Kidduschin 30b). Ihr Studium »schützt und rettet« (Sota 21a).

In den Vorschriften des Torastudiums (3,13) erklärt Rambam: »Obwohl es geboten ist, am Tag sowie in der Nacht zu lernen, lernt der Mensch doch den überwiegenden Teil seiner Weisheit bei Nacht.« Im Midrasch Rabba (Wajikra 19,1) ist zu lesen: »Der Gesang der Lehre erklingt nur des nachts, wie es heißt: ›Erhebe dich, singe in der Nacht‹« (Klagelieder 2,19). Im Talmud lehrt Resch Lakisch: »Jedem, der sich nachts mit der Tora beschäftigt, dem gibt der Heilige, gelobt sei Er, tags ein Band des Wohlwollens« (Chagiga 12b).

Damit die Tora jedoch diese ihre schützende und rettende Kraft entfalten kann, muss das Studium der Lehre dem nächtlichen Feuer auf dem Altar gleichen. Die Tora erhebt den Menschen über seine körperlichen Instinkte und öffnet das Bewusstsein, wenn er ihre Worte mit feurigem Enthusiasmus und Hingabe lernt.

Im Segensspruch über das Torastudium danken wir G’tt, dass er »uns durch seine Gebote geheiligt und uns geboten hat, uns mit der Tora zu beschäftigen«. Sie soll so gelernt werden, dass sie einen beschäftigt, man von ihr ganz erfasst wird. Das ist bestimmt nicht immer einfach. Besonders in Zeiten, in denen man sich schwach und niedergeschlagen fühlt, erfordert es oft sehr große emotionale und körperliche Anstrengung. Richtet der jüdische Mensch aber trotzdem all seine ganze Kraft auf die Beschäftigung mit der Lehre, so wird die Tora ihm seine Nächte erhellen.

Lehre In den Sprüchen der Väter (6,2) heißt es: »Jeder, der sich mit der Tora beschäftigt, wird erhoben.« Die geistig erhebende Wirkung des Torastudiums verändert den gesamten Menschen. Unsere Weisen lehren uns jedoch darüber hinaus, dass die der Tora innewohnende Kraft insbesondere in dem Bereich unseres Lebens wirkt, von dem sie konkret handelt. »Wer sich mit der Lehre des Ganzopfers beschäftigt, wird so angesehen, als hätte er ein Ganzopfer gebracht.« Dies liegt im eigentlichen Wesen der Tora begründet.

Im Midrasch Rabba sagt die Tora von sich: »Ich war das Schöpfungswerkzeug des Heiligen, gelobt sei Er. Also blickte Er in die Tora und schuf die Welt« (1. Buch Moses 1,1). Sie wird als der Ausgangspunkt von G’ttes Schöpfung, als »Beginn seines Weges« (Sprüche 8,22) beschrieben.

Die Realität wird durch die Tora nicht lediglich erklärt, sondern von ihr verursacht. Sie ist Bauplan und Betriebssystem des Universums. Demzufolge ist das Wesen aller Dinge auf die Worte der Lehre zurückzuführen, die von ihnen handeln. Die geistige Kraft und Heiligkeit des Ganzopfers haben ihren Ursprung also in der »Lehre des Ganzopfers«.

»Rabbi Schmuel Bar Abba lehrt, dass G’tt zum jüdischen Volk sprach: Obwohl in der Zukunft das Heiligtum zerstört wird und ihr keinen Opferdienst mehr haben werdet, … achtet darauf, über die Opfer wiederholt zu lernen. Und wenn ihr euch mit ihrer Lehre intensiv beschäftigt, werde ich es euch anrechnen, als hättet ihr selbst Opfer gebracht« (Midrasch Tanchuma 14). Das Feuer des Ganzopfers leuchtet aus den Worten der Tora und erhellt die Nacht des Exils.

Potenzial In vielen Gemeinden gibt es den Brauch, zum Nachmittagsgebet am Schabbat vor Pessach den vom Auszug aus Ägypten handelnden Teil der Haggada zu lesen. Schabbat ist die »Quelle des Segens« (Schabbatgesänge). An diesem Tag wird das Potenzial aller in der folgenden Woche sich ereignenden Dinge geboren.

Die von der Befreiung handelnden Verse der Haggada erwecken die sich am Pessachfest entladende Kraft innerer Befreiung. Somit begehen wir das Fest nicht in Erinnerung an die historische Begebenheit des Exodus, sondern als tatsächliches Ereignis, in dem wir die Befreiung aus allen Formen der Sklaverei erleben. Diese Wirklichkeit wird durch die intensive Beschäftigung mit der sie verursachenden Kraft geschaffen: den Worten der Tora. In diesem Zusammenhang heißt es in der Haggada: »Gelobt sei der Schöpfer, gelobt sei Er. Gelobt sei Er, da Er dem jüdischen Volk die Tora gegeben hat.«

Der Autor ist Mitglied des Edgware Kollel in London.

Inhalt
Im Wochenabschnitt Zaw werden die fünf Arten von Opfern, die die vorige Parascha eingeführt hat, näher erläutert. Es sind dies das Brand‐, das Friedens‐, das Sünden‐ und das Schuldopfer sowie verschiedene Arten von Speiseopfern. Dem folgen die Schilderungen, wie das Stiftszelt eröffnet und Aharon mit seinen Söhnen ins Priesteramt eingeführt wird.
3. Buch Moses 6,1 – 8,36

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