Neulich beim Kiddusch

Schnaps für Kinder

Früh übt sich: Baby mit Flasche Foto: Fotolia

Vor Wohnungsbesichtigungen stelle ich meine drei Kinder gewohnheitsmäßig ruhig, indem ich sie 15 Mal über den Spielplatz jage, sie mit Trockenfrüchten vollstopfe oder sie am Vortag eine Spätschicht vor dem Fernseher einlegen lasse. So ist gesichert, dass die Kinder am Besuchstag wie brave kleine Orgelpfeifen aufgereiht auf dem Sofa sitzen und glasigen Blickes an ihren Schnullern lutschen, während Mami und Papi ungestört die schicke Neubauwohnung in Antwerpen ansehen.

Nach der 27. Besichtigung begann sich bei den Kindern eine schleichende Resistenz gegen meine Vorsichtsmaßnahmen aufzubauen. Der Trick mit dem Spielplatz zog nicht mehr, Trockenfrüchte wurden abgelehnt, und abends pennten sie vor dem Fernseher ein und waren am nächsten Tag frisch und voller nervenaufreibender Energie.

Stossgebet Bei der 28. Wohnung war uns allen klar, dass es sich hier um eine geradezu schicksalhafte Begegnung handeln würde: Das Ehepaar Steinreich suchte einen Nachmieter für seine atemberaubende Designerwohung am Antwerpener Harmoniepark. Ich versuchte händeringend, einen Babysitter für den Besichtigungstermin aufzutreiben, aber von denen hebt ja schon lange keiner mehr ab, sobald sie meine Nummer auf dem Display sehen. Ich schickte also ein Stoßgebet zum Himmel und packte massenhaft Bonbons, Spielzeug und DVDs ein.

Am großen Tag hatten wir uns alle schick in Schale geworfen, ich hatte Herzklopfen und schwitzende Handflächen, als schließlich die Wohnungstür aufging und uns die ganze Pracht dieser Traumwohnung blendete.

Die Steinreichs machten einen ebenso gut betuchten wie schlecht gelaunten Eindruck, der sich nicht besserte, als sie unserer Kinder gewahr wurden. (Dieses kleine Detail hatte ich neulich beim Kiddusch verschwiegen, als ich mich dem Ehepaar als idealer Untermieter präsentierte.) Ich lächelte nonchalant, platzierte die Kinder auf dem Sofa, warf eine DVD ein, stopfte ihnen die Münder mit Bonbons voll und drehte genüsslich eine erste Runde durch die schier endlose Wohnung.

Hausbar Als ich in den Salon zurückkehrte, um nach dem Rechten zu sehen, zierte nur noch etwas Bonbonpapier die Sitzecke, die Kinder jedoch waren verschwunden. Panikartig hetzte ich durch die verschachtelten Zimmer und Korridore – und wurde schließlich fündig: Kind 1 saß im Schlafzimmer vor dem geöffneten Dokumentenschrank und kaute versonnen an der Steinreichschen Steuererklärung. Kind 2 hatte die Toilettenschüssel mit Chanel-Kosmetika aufgefüllt, Kind 3 inspizierte die Hausbar und nahm schnell noch einen kräftigen Schluck aus der Cointreau-Flasche, als ich das Zimmer betrat.

Ich versuchte, den kleinen Monstern die Flasche und die wichtigen Dokumente zu entreißen – ein verbitterter Zweikampf, aus dem ich jedoch siegreich hervorging, allerdings nicht, ohne die Steuererklärung versehentlich zu zerreißen und sie in der Cointreau-Pfütze auf dem Boden zu versenken. Verdattert stand ich vor dem Inferno aus zermatschten Akten auf dem teuren Teppichboden. Die Kinder hatten sich still und leise verdrückt. Dafür standen die zwei Steinreichs im Türrahmen und durchbohrten mich mit Blicken.

Von der Wohnungstür bis zum Auto schafften wir es in einer Rekordzeit von nur zwei Minuten, verbleibendes Spielzeug, die Wickeltasche und Kuscheltiere wurden uns unter wüsten Beschimpfungen aus dem Fenster nachgeworfen.

Matratzenlager Ich schreibe diese Zeilen von meinem Matratzenlager im Antwerpener Chabad-Haus, wo wir untergekommen sind, bis wir eine neue Wohnung gefunden haben – was eher unwahrscheinlich ist, da wir nach dem Steinreich-Inferno überall auf der roten Liste stehen. Aber auch auf 25 Quadratmetern kann man sich sehr gemütlich einrichten, wie ich hier gemerkt habe. Für Hinweise auf eine unverwüstliche, kinderfreundliche Wohnung bleibe ich aber weiterhin offen. Wenn Sie also irgendetwas hören … Sie wissen ja, wo Sie mich finden können.

Beha’Alotcha

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