Weisheit

Schlüssel zum Glück

Sinnsuche im indischen Aschram: Julia Roberts als Liz Gilbert im Film »Eat. Pray. Love« (Columbia Pictures, 2010) Foto: sony

Essen, Beten, Lieben (Eat, Pray, Love) könnte die Kurzformel oder Zusammenfassung aller jüdischen Feiertage sein, allerdings stimmt die Reihenfolge nicht ganz. Nein. Eat. Pray. Love ist vielmehr der Titel eines Films, in dem Liz Gilbert, gespielt von Julia Roberts, auf der Suche nach etwas ist, was ihr Leben ausfüllt und sie zufrieden macht. »Glück« könnte man sagen. Der Film, der nach einem autobiografischen Roman entstanden sein soll, führt die Protagonistin nach Italien, Indien und Bali. Lässt sie also durch eine Reise über den halben Globus nach dem Wesentlichen des Lebens suchen, nach dem, was ihr »fehlt« um glücklich und zufrieden zu sein. Dafür gibt sie ihren gut bezahlten Job auf und verlässt ihren Mann, um nach zwei Stunden Film wieder bei einem Mann zu landen.

»Glück« und persönliche Zufriedenheit ist das große Thema, mit dem die Leser des Romans und die Kinozuschauer verzaubert werden sollen, und da ist das Produkt von Liz Gilbert kein Einzelfall. Der Comedian Eckhard von Hirschhausen stürmte mit seinem Buch Glück kommt selten allein die Bestsellerlisten des Buchhandels. Darin zeigt er, wovon Menschen häufig ihr Glück abhängig machen und was eigentlich tatsächlich glücklich machen könnte. Die Fakten sprechen also für sich: Glück liegt im Trend.

Der Online‐Buchladen amazon.de hat eine Liste mit 100 Büchern zusammengestellt, die sich als Ratgeber in Sachen Glück anbieten. Lass los, was Deinem Glück im Wege steht, Der Glückscode: Die kosmischen Quellen für Selbsterkenntnis, Liebe und Partnerschaft oder Einfach glücklich sein! 7 Schlüssel zur Leichtigkeit des Seins sind einige der Titel aus der langen Liste. Ähnlich unüberschaubar ist die Anzahl der Seminare, die die zahlende Person glücklich machen sollen oder nach Abschluss bestimmter Seminare die Tür zur inneren Erfüllung öffnen.

Tora »Glück« ist aber im Judentum nie so ein Modethema gewesen, oder eine plakative Werbung um Mitglieder zu gewinnen, sondern es ist tatsächlich »nur« eine Mizwa, von der wir in der Tora lesen: »Und du sollst dich vor HaSchem, deinem G’tt, freuen« (5. Buch Moses 16,11). Aber das soll man nicht allein tun, sondern »Du und Dein Sohn und Deine Tochter, Dein Knecht und Deine Magd und der Levi, der in Deinen Toren weilt, auch der Fremde und die Witwe, die in Deiner Mitte sind […]«. Der Baal Schem Tow, der Gründer des Chassidismus (1700–1760) erzählt dazu: »Der Allmächtige hat dich in diese Welt mit einem Auftrag entsendet. Es ist sein Wille, dass Du diesen Auftrag in einem Zustand der Freude tust. Traurigkeit würde bedeuteten, dass man diesem Auftrag nur ungern tut oder nicht bereit ist dafür.« Nur: Die Tora liefert keine »schlüsselfertige« Gebrauchsanweisung dafür, wie wir auf jeden Fall glückliche und erfüllte Menschen werden könnten. Diejenigen, die der Lehre des Baal Schem Tow folgen, hießen früher auch die »Frelachen«, die Fröhlichen.

Denn eine Grundlage der chassidischen Idee und des Judentums insgesamt ist, dass alles, was auf der Welt geschieht, von G’tt gewollt und bestimmt ist. In jeder Sekunde, in jedem Moment. Da alles G’ttliche gut ist, muss auch alles, was geschieht, gut sein. Entweder präsentiert es sich so offen, wir erkennen es sofort, oder versteckt, wir sehen erst einmal nicht den Sinn oder das Glück darin. Aber alles ist zum Guten, wie es schon verschiedene talmudische Weisen ausdrückten, also gibt es keinen Grund, traurig zu sein. Im Gegenteil. Soweit eine jüdische Antwort – die chassidische.

Aktuelle Studien, die jetzt zur Veröffentlichung von Eat. Pray. Love Schlagzeilen machten, zeigen, dass religiöse Menschen insgesamt glücklicher sind als andere. Woran könnte das liegen? Werden sie etwa von einer höheren Macht »mit Glücksgefühlen versehen, weil sie loyal zu dieser »Quelle« sind? Daran wird es nicht liegen. Eine Ursache könnte sein, dass religiöse Menschen in der Regel in ein System eingebunden sind, das sich mit anderen Menschen beschäftigt, das wird auch deutlich, wenn wir ein jüdisches Fest betrachten, das mit Glück in Verbindung steht.

Bräuche Pessach wird als »Zeit unserer Freiheit« bezeichnet und Schawuot als die »Zeit der Toragebung«, aber Sukkot ist die Zeit »unserer Freude«, »Szman Simchatenu«. Sukkot ist also kein Feiertag, der in den speziellen Gebeten für diese Zeit durch seine historische Bedeutung markiert wird. Nicht die Geltung macht den Tag aus, sondern die Vorschriften und Bräuche zu dieser Zeit. Sie heben Sukkot in besonderer Weise als Zeit unseres Glückes hervor und die Aufforderung glücklich zu sein, wird in der Tora insbesondere für das Fest Sukkot genannt: »We‘simachta« heißt es dort, seid »glücklich«.

Was ist das Spezielle an Sukkot, dass es uns etwas über das »Glück« zeigen soll? Maimonides (1135–1204) schreibt in seinen »Hilchot Jom Tow«, dass der glückliche Zustand an den Festtagen, genannt »Simchat Jom Tow« nicht der emotionale Zustand einer Einzelperson ist, der sich mit den Feiertagen einstellt, sondern vielmehr die »Simcha schel Mizwa«. Also das Glück an der religiösen Pflicht.

Das ist der Geisteszustand, mit dem man eine Mizwa tut, nämlich in vollkommener Absicht und dem Wissen um die Bedeutung der Tat und die Verbindung zu Mensch und G’tt. Dies setzt für die handelnde Person Prioritäten, ruft zugleich den Sinn dieser Mizwa wach und erinnert denjenigen, der die Mizwa tut, dass er das nicht allein tut, sondern Teil einer großen Gruppe von Menschen ist, die ähnlich handelt. Nicht zufällig sind alle Brachot (Segenssprüche) über Mizwot im Plural formuliert »Gepriesen seist Du, unser G’tt … der Du uns geboten hast«.

Maimonides zufolge wird dieser Zustand nur dann erreicht, wenn eine Familie gemeinsam ein Fest begeht und andere daran teilhaben lässt. Genauso, wie wir es eingangs im Zitat aus der Tora gesehen haben: »Du und Dein Sohn und Deine Tochter, Dein Knecht und Deine Magd und der Levi, der in Deinen Toren weilt, auch der Fremde und die Witwe, die in Deiner Mitte sind (…)«. Es geht nicht in erster Linie um die individuelle Selbsterfüllung, sondern diese ist eingebettet in einen größeren Rahmen.

Eine weitere Studie widerlegte übrigens die Annahme, derzufolge viele Psychologen davon ausgingen, dass Zufriedenheit ein genetisch bedingter Charakterzug sei. Nein, dauerhaftes Glück ist keine Erbanlage, wird auch nicht in frühester Kindheit geprägt, sondern kann erlernt werden. Wie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in einer Umfrage herausfand, sind bestimmte Faktoren dafür wichtig: Partnerschaft, Lebensziele, soziale Kontakte, Lebensstil, Verhältnis von Arbeit zu Freizeit – und Religiosität. Zudem fand die Studie heraus: Menschen, die sich sozial oder politisch engagieren, leben glücklicher als die, die nur nach materiellen Zielen streben.

Konzepte Was wir sehen, sind eigentlich zwei verschiedene Konzepte von Glück und Erfüllung. Wir haben auf der einen Seite eine Gesellschaft, in der einzelne Personen auf der Suche nach Glück und persönlicher Erfüllung für sich selber sind. Und wir haben die jüdische Definition von Glück, von Simcha, die die Einzelperson zurückstellt in die gesamte Gruppe und dafür Sorge tragen will, dass man auch andere teilhaben lässt.

Was sagt das Judentum sonst dazu, wie man »glücklich« werden kann? Eine Patentlösung wird nicht gegeben, aber einige Hinweise. In den Pirkei Awot (Talmud, Sprüche der Väter) heißt es: »Wer ist reich? Der sich mit dem bescheidet, was er hat.« Das ist kein Aufruf zur Mittelmäßigkeit und Antriebslosigkeit, sondern eben zunächst einmal dazu, sich auf die Dinge zu konzentrieren, die man erreicht hat oder derzeit besitzt. Wenn man den gesamten Kontext von Pirkei Awot 4,1 betrachtet, wird klar, worum es geht. Es wird dazu geraten, seinen Zustand davon abhängig zu machen, wie andere einen betrachten: »Wer ist weise? Der von allen Menschen lernt«. Und »wer ist geehrt? Der die Menschen ehrt.«

Botschaft In unserer Gesellschaft wird viel Geld damit verdient, Bedürfnisse zu wecken, idealerweise auf Dinge, von denen man zuvor nicht wusste, dass man sie überhaupt braucht. In diesem Zusammenhang klingt das verträumt, idealistisch oder sogar gefährlich, jemandem zu raten, sich auf das zu konzentrieren, was er hat. Dabei ist aber die eigentliche Botschaft, dass materialistische Dinge den Menschen nicht notwendigerweise glücklich machen. »Besser ein trockener Bissen und Ruhe dabei als ein Haus voller Festspeisen, aber Streit dabei«, heißt es in Mischlei 17,1.

»Wer ist reich? Der sich mit dem bescheidet, was er hat«, ist kein Aufruf zur Untätigkeit, sondern sich zunächst auf die eigenen Dinge zu fokussieren, um auch schätzen zu können, was hinzukommt und nicht unglücklich zu sein, wenn man etwas nicht haben kann. Glück ist dementsprechend nicht, alles zu bekommen, was man möchte, sondern das als erstrebenswert zu empfinden, was man schon hat – »zu schätzen wissen«.

Simcha, Glück, ist auch nichts, wonach man sein Leben lang suchen soll, etwa beim opulenten Mahl in Italien, im exotischen Meditations‐Camp in Indien oder beim wundersamen Heiler auf Bali, sondern es beschreibt den Zustand, in dem der Mensch leben soll. Schon allein die Tatsache, dass »Glück« eine Mizwa ist, ist ein Hinweis darauf, dass es nicht kompliziert erworben werden muss. Wie wir wissen, ist nichts aus der Tora unerreichbar, denn »lo baschamajim hi«, nicht im Himmel ist sie (5. Buch Moses 30,12).

Dieser Artikel ist keine Anleitung zum Glücklichsein, sonst würde er sich in die lange Reihe der Ratgeberliteraturen einreihen. Er ist eine Aufforderung, sich ein wenig mit dem Naheliegenden zu beschäftigen, bevor man die Welt umrundet um festzustellen, dass immer noch etwas Wesentliches fehlt um glücklich zu sein.

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