Middot

Sag mir, wer Du bist

»Und Mosche sprach zum Ewigen: ›... mache mir deine Wege bekannt, damit ich dich erkenne ...‹« (2. Buch Mose 33, 12–13). Foto: Thinkstock

In unserem Abschnitt ist die Rede von den 13 Eigenschaften Gottes. Sie sind uns schon aus den Slichot-Gottesdiensten im Monat Elul und den zehn Bußtagen geläufig. In der Kabbala sind sie tief verankert. Maimonides, der Rambam, deutet an, dass es schwer sei, die Bedeutungen dieser 13 göttlichen Eigenschaften zu erfassen, wenn man sie nicht in der Kabbala lernt. Unsere Weisen aber gaben hinreichende Erklärungen.

Einige dieser Eigenschaften waren schon vor Mosches Zeit bekannt. Im 1. Buch Mose 4,13 lesen wir: »Da sprach Kain zum Ewigen: Ist denn meine Sünde so groß?« Hier kommt die Sünde des Menschen zur Sprache, der sich nach der Barmherzigkeit Gottes ausstreckt. Und in 19,19 spricht Lot: »Sieh doch, dein Knecht hat Gnade in deinen Augen gefunden, und du hast mir die große Liebe erwiesen, mein Leben zu erhalten.« Und schließlich 43,14: »Jakow sagt seinen Söhnen: Und Gott, der Allmächtige, lasse euch bei dem Manne Erbarmen finden.«

Barmherzigkeit Diese Auswahl von Beispielen zeigt, dass die Eigenschaften der Liebe Gottes wie Barmherzigkeit, Gnade, Gunst, Huld und Treue schon in der Zeit der Urväter bekannt waren. Mosche war dann allerdings derjenige, dem sie vollständig und ausformuliert anvertraut wurden.

Erinnern wir uns zunächst: Nachdem das Volk Israel die Sünde begangen hatte, sich ein Goldenes Kalb zu schaffen, wurde es von Gott darüber unterrichtet, dass Er nicht mehr selbst unter ihnen sein werde, sondern einen Engel beauftragen werde, der an Seiner Stelle den Kampf für Israel gegen die Völker führt.

Als Reaktion auf diesen Rückzug seiner unmittelbaren Gegenwart bittet Mosche Gott: »Nun denn, da ich Gnade in Deinen Augen gefunden habe, so tue mir doch Deine Wege kund, auf dass ich Dich erkenne, damit ich Gnade in Deinen Augen finde.«

Man fragt sich, was genau Mosche von Gott wissen wollte, als er sagte: »Tue mir doch deine Wege kund, auf dass ich dich erkenne«. Hierzu gibt es verschiedene Erklärungen. So lesen wir in Elijahu Sota 6: »Gott sagte zu Mosche, du fragst mich, warum es Gerechte gibt, denen es gut geht, und Gerechte, denen es schlecht geht? Es gibt auch Frevler, denen es gut geht und Frevler, denen es schlecht geht, so wie du mir gesagt hast. Weiter sprach Gott zu Mosche: «Wie kommst du also dazu, meine Eigenschaften und Wege wissen zu wollen? Ich werde dir einige davon erklären.»

Und in Baal Hatossafot heißt es: «Und Mosche bat Gott wiederum: Lehre mich deine Wege! – Er solle ihm seine Eigenschaften bekannt machen, damit Mosche einschätzen könne, ob es gut wäre, wenn Er einen Engel schickt, um das Volk zu unterstützen.»

An diesen zwei Beispielen wird deutlich, dass Mosche – sozusagen im Vorfeld – genauere Einsicht in die Wege Gottes nehmen wollte, ehe er und das Volk weitergeführt werden. Er wollte durch die Offenbarung der göttlichen Eigenschaften vor Überraschungen sicher sein.

Name Gott erfüllte Mosches Wunsch und ließ ihn Seine Eigenschaften wissen. Davon lesen wir im 2. Buch Mose: «Der Herr fuhr in einer Wolke herab, stellte sich dort neben ihn (Mosche) und rief den Namen ›Ewiger‹. Da zog der Herr an seinem Angesicht vorüber und rief: ›Ewiger, Ewiger, Gott, barmherzig und gnädig, langmütig und reich an Huld und Treue‹» (34, 5–6).

In diesem Vers ist zweimal die Rede davon, dass Gottes Name gerufen wird. Wer ruft hier den Ewigen an? Zuerst Gott und dann Mosche – oder umgekehrt?

Nach Meinung vieler Rabbiner, darunter Ibn Esra, Rabbi Abraham ben HaRambam und Raschbam, ist Gott derjenige, der Seinen Namen zuerst ausruft. Denn Er war zunächst in der Wolke niedergefahren, stand vor Mosche und rief nun Seinen eigenen Namen – Er stellte sich vor. Denn kurz zuvor lesen wir: «Und Er antwortete: Ich werde alle Meine Güte an dir vorüberziehen lassen, und Ich werde mit Namen den Ewigen vor dir nennen, und wie Ich gnädig bin gegen den, den Ich begnadigen will» (33,19).

Ich persönlich neige dazu, Gott hier als ersten Ausrufer Seines Namens zu verstehen, zumal die Begegnung zwischen Gott und Mosche mit der Bemerkung abgeschlossen wird: «Da verneigte sich Mosche eilig bis zur Erde und warf sich nieder» (34,8).

Einen weiteren Blick auf die Eigenschaft Gottes, barmherzig zu sein, gewährt uns der Talmud in dem, was wir von Rabbi Jochanan hören: «Und wir lernen, dass Gott – wie ein Vorbeter –, in einen Gebetsschal gehüllt, Mosche den Ablauf des Gebets zeigt. Gott sagte zu Mosche: Solange Israel sündigt, sollen sie vor Mir beten, und Ich werde ihnen verzeihen. ›Gott, Gott‹ bedeutet: Ich bin Gott, bevor der Mensch sündigt, und ich bin Gott, nachdem der Mensch gesündigt hat» (Rosch Haschana 17,2).

Bitte Denken wir noch einmal an Mosches eindringliche Bitte, Gott möge ihm alle seine Eigenschaften und Wege zu erkennen geben. Dann mag uns beim Lesen unseres Abschnitts zunehmend verständlich geworden sein, dass Sein Mitarbeiter auch darauf bestand zu erfahren, ob Gottes Eigenschaften und Wege seiner Barmherzigkeit oder seinem Gesetz entspringen. Denn wer das Volk Gottes führen soll, muss wissen, unter welchen Voraussetzungen er es tut.

Gottes Antwort umfasst sowohl die Eigenschaften seiner Barmherzigkeit und Gnade als auch die des Gesetzes: «der Huld bewahrt dem tausendsten Geschlecht, der Schuld, Freveltat und Sünde vergibt, der aber nicht ungestraft lässt, der die Schuld der Väter an Kindern und Kindeskindern heimsucht bis ins dritte und vierte Geschlecht (2. Buch Mose 34,7).

Warum lesen wir nun diesen Abschnitt am Schabbat Chol-HaMoed Sukkot? Im Talmudtraktat Megilla wird gesagt, dass wir an diesem Schabbat und auch am Schabbat Chol-HaMoed Pessach den Abschnitt 2. Buch Mose 33,12 – 34,26 hören sollen, weil in ihm über den Schabbat und die Feiertage geschrieben wird.

Der Autor ist Rabbiner des Egalitären Minjans Hamburg.

Justiz

Ehemaliger Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Berlin verurteilt

Das Amtsgericht Tiergarten verurteilte den Angeklagten wegen eines sexuellen Übergriffs und sexueller Nötigung zu 10 Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung

 23.01.2026

Talmudisches

Von hellen Tagen und dunklen Nächten

Was unsere Weisen über die Bedeutung von Licht und Dunkelheit lehren

von Vyacheslav Dobrovych  23.01.2026

Chidon Hatanach

Unser Fundament

Der Bibelwettbewerb, der nun in München in eine neue Runde geht, erinnert an den Kern der jüdischen Seele – die Texte der heiligen Schrift

von Rabbiner Dovid Gernetz  23.01.2026

Rezension

Eine Liebe in »bitterböser Zeit«

Die Briefe von Joseph Norden an Regina Jonas eröffnen einen völlig neuen Blick auf die erste Rabbinerin der Welt

von Mascha Malburg  23.01.2026

Bo

Funke der Hoffnung

Die Tora lehrt, wie wir auch in schweren Zeiten nie Glauben und Zuversicht verlieren

von Rabbiner Netanel Olhoeft  22.01.2026

Der Eruv kann auch teilweise aus ergänzten bei der Sigi-Feigel-Terrasse

Schweiz

Ein Eruv für Zürich

Unsichtbar im Stadtbild, spürbar im religiösen Alltag. Die größte jüdische Gemeinschaft der Schweiz spannt einen symbolischen Faden – und macht jüdisches Leben sichtbarer

von Nicole Dreyfus  20.01.2026 Aktualisiert

Talmudisches

Schlechter Atem als Scheidungsgrund

Was unsere Weisen über Mundgeruch wussten

von Detlef David Kauschke  16.01.2026

Rabbi Schalom Scharabi

Jedes Wort eine Intention

Der jemenitische Raschasch ist in unseren Breitengraden kaum bekannt. Dabei hat er schon im 18. Jahrhundert gelehrt, was auch heute wieder gefragt ist: ganz bewusst zu leben – und zu beten

von Vyacheslav Dobrovych  16.01.2026

Waera

Wahre Größe

Mosche blieb stets bescheiden – und ist damit ein Vorbild an vollkommener Demut

von Aviezer Kantor  15.01.2026