Nefesch

Saft des Lebens

Modell: Blutkreislauf des Menschen Foto: Thinkstock

Der Abschnitt Zaw enthält vor allem Opfergesetze. In diesem Zusammenhang ergeht das Verbot: »Und kein Blut sollt ihr essen in all euren Wohnsitzen, sei es vom Vogel oder vom Vieh«. Und der, der das Blut isst, dessen »Seele wird ausgerottet werden aus dem Volk« (3. Buch Mose 7, 26–27).

Um die rituelle Bedeutung des Blutes zu verstehen, müssen wir mit dem Buch Bereschit beginnen, dem 1. Buch Mose. Dort wird berichtet, dass Kain seinen Bruder Abel tötete. Nach dessen Tat teilt G’tt ihm mit: »Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde« (4,10). Warum steht dort »Blut« und nicht »Leichnam« oder »Seele deines Bruders«?

Dieser auffälligen Formulierung entnehmen wir den Hinweis, dass das Blut, das den Körper durchströmt und belebt, die Existenz eines Menschen in physischer und spiritueller Hinsicht ausmacht. Übertragen wir den Begriff »Blut«, der für das Leben schlechthin steht, auf den spirituellen Sprachgebrauch, dann ist von der »Nefesch« (Seele) zu reden, und entsprechend schreibt die Tora: »denn das Blut ist die Seele« (5. Buch Mose 12,23).

odem Die Existenz der Seele ist das allgemeine Kennzeichen für alle Lebewesen dieser Welt: »Und alles Getier des Landes und alle Vögel des Himmels und alles, was sich reget auf der Erde, worin ein Lebens-Odem (Nefesch chaja) ist« (1. Buch Mose 1,30). Eine Seele ist in jedem Geschöpf G’ttes vorhanden, aber haNeschama (Odem, Atem) findet sich nur beim Menschen. Im 1. Buch Mose 2,7 lesen wir: »Und G’tt blies in seine Nase Hauch des Lebens, und es ward der Mensch ein lebendiges Wesen.« Der Atem des Menschen ist ein rein g’ttlicher Bestandteil, und wir atmen unser Leben mit jedem Atemzug erneut ein.

Über das Blut schreibt der Babylonische Talmud: »Die Rabbinen sagen: Drei Partner hat der Mensch – G’tt, Vater und Mutter« (Nidda 31). Das Wort für Mensch, »Adam«, setzt sich aus dem Buchstaben Alef und dem Wort »Dam« (Blut) zusammen. Das heißt, dass Vater und Mutter nach G’ttes Schöpfungsordnung die »Blutspender« jedes Menschen sind. Sie geben also mit dem Blut das Leben im umfassenden Sinne weiter.

Auch die Numerologie führt uns auf diese Spur. Addieren wir die Zahlenwerte der hebräischen Worte für Vater (Aw) und Mutter (Em), erhalten wir einen Wert von 44, der dem Zahlenwert des Wortes Blut (Dam) entspricht.

»Alles, was sich regt, was da lebt, sei euch zum Essen. (...) Doch Fleisch mit seinem Leben, seinem Blut, das sollt ihr nicht essen« (1. Buch Mose 9, 3–4). Der mittelalterliche Kommentator Raschi (1040–1104) erklärt, dass man Fleisch, wenn es noch lebendig ist, nicht nehmen darf. Dieser Meinung schließt sich auch Rabbi Obadja Sforno (1475–1550) an. Damit bringen unsere Weisen zum Ausdruck: Solange der Lebensgeist im Tier ist, darf man weder sein Blut noch sein Fleisch essen. Erst durch koscheres Schlachten und das Entfernen des Blutes ist es Juden erlaubt, das Fleisch bestimmter Tiere zu essen.

Warum dürfen nur Nichtjuden Blut verzehren, und den Kindern Israel ist es nicht erlaubt? Die Tora schreibt: »Denn die Seele des Fleisches ist im Blut, und ich habe es für euch bestimmt auf dem Altar, zu sühnen eure Seelen, denn das Blut selbst sühnt durch die Seele« (3. Buch Mose 17,11). Aufgrund dieser Aussage nimmt Nachmanides, der Ramban (1194–1270), an, dass das Verbot, Blut zu verzehren, darin begründet liegt, dass es reserviert sei für die Sühnehandlung am Altar. Nichtjuden aber sind nicht verpflichtet zu opfern. Es ist als Sühnemittel und Lebensspender heilig, und wenn die Kinder Israel durch die Tora aufgefordert werden, auf den Blutverzehr zu verzichten, dann bewahrt sie dieses Gebot davor, sich am Blut, dem Leben schlechthin, zu vergreifen.

fleisch Nun ist bekannt, dass als Opfergabe auch Fleisch verwendet wurde, aus dem vorher das Blut entfernt wurde. Das Verbot der Tora bezieht sich aber nur auf den Verzehr von Blut und nicht auf das Fleisch. Warum ist das so?

Ramban äußert zu dieser Beobachtung eine aus heutiger Sicht anthroposophisch klingende Meinung: Verspeist der Mensch ungeschächtetes Fleisch, läuft er Gefahr, das Wesen des Tieres, seine Eigenschaften in sich aufzunehmen. Nach antiker Vorstellung geht das Blut eines verzehrten Tieres unmittelbar in den Blutkreislauf des Menschen über, während das geschächtete Fleisch durch die Verdauung im menschlichen Körper seine Konsistenz verliert und die Seele des Tieres und dessen Eigenschaften nicht mehr eins zu eins auf den Empfänger übertragen kann.

Maimonides, Rambam (1135–1204), dagegen meint, dass wir kein Blut verzehren dürfen, weil der Mensch – nach der Vorstellung der Sekte, die den Schaviakult ausübte – dadurch eine Verbindung mit der Welt der Dämonen aufnehmen würde. Diese sagten dem Menschen im Traum ihre Zukunft voraus. Sein Verzehr würde also einem Götzendienst gleichkommen. Rambams Ansicht wird weithin akzeptiert, während die des Ramban als umstritten gilt.

Auf jeden Fall erkennen wir, wie wichtig der Tora das Verbot ist, Blut zu genießen, denn sie erwähnt es sieben Mal. Dabei geht es ihr darum, uns auf den Weg zu bringen, den wir nach G’ttes Willen gehen sollen. Indem wir nach der Tora leben, verfeinern wir unsere Seele.

fremde Kulturen Das Verbot des Blutgenusses soll uns von fremden Kulten fernhalten, dadurch kommen wir G’tt näher. Rambam ist überzeugt: Je mehr wir uns auf die Gebote G’ttes konzentrieren und sie praktizieren, desto mehr wird uns der religiös ethische Weg der Tora einleuchten. Mit unserer spirituellen Weiterentwicklung nimmt die Notwendigkeit von Opferungen ab.

Zudem sei darauf hingewiesen, dass unsere Opfer sinnlos und vergeblich sind, wenn wir die Mizwot nicht erfüllen. Im Buch Jeschajahu lesen wir: »Was soll mir die Menge eurer Opfer?« (1,11). Das gilt auch für unsere Gebete, die ja an die Stelle der Opfer getreten sind, seitdem wir keinen Tempel mehr haben.

Zudem gibt es keine Vergebung, wenn der Mensch nicht willens ist, seine schlechten Taten und Wege aufzugeben und umzukehren (Teschuwa). Es käme für uns darauf an, tatsächlich auf den Wegen der g’ttlichen Weisung zu gehen und Opfer zu bringen im Sinne der Aufopferung für G’tt (Kiddusch Haschem). Es steht außer Zweifel: Wenn wir umkehren, wird der Messias kommen.

Der Autor war bis 2011 Landesrabbiner von Sachsen.

Inhalt
Im Wochenabschnitt Zaw werden die fünf Arten von Opfern, die die vorige Parascha eingeführt hat, näher erläutert. Es sind dies das Brand-, das Friedens-, das Sünden- und das Schuldopfer sowie verschiedene Arten von Speiseopfern. Dem folgen die Schilderungen, wie das Stiftszelt eröffnet und Aharon mit seinen Söhnen ins Priesteramt eingeführt wird.
3. Buch Mose 6,1 – 8,36

Justiz

Ehemaliger Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Berlin verurteilt

Das Amtsgericht Tiergarten verurteilte den Angeklagten wegen eines sexuellen Übergriffs und sexueller Nötigung zu zehn Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung

 23.01.2026

Talmudisches

Von hellen Tagen und dunklen Nächten

Was unsere Weisen über die Bedeutung von Licht und Dunkelheit lehren

von Vyacheslav Dobrovych  23.01.2026

Chidon Hatanach

Unser Fundament

Der Bibelwettbewerb, der nun in München in eine neue Runde geht, erinnert an den Kern der jüdischen Seele – die Texte der heiligen Schrift

von Rabbiner Dovid Gernetz  23.01.2026

Rezension

Eine Liebe in »bitterböser Zeit«

Die Briefe von Joseph Norden an Regina Jonas eröffnen einen völlig neuen Blick auf die erste Rabbinerin der Welt

von Mascha Malburg  23.01.2026

Bo

Funke der Hoffnung

Die Tora lehrt, wie wir auch in schweren Zeiten nie Glauben und Zuversicht verlieren

von Rabbiner Netanel Olhoeft  22.01.2026

Der Eruv kann auch teilweise aus ergänzten bei der Sigi-Feigel-Terrasse

Schweiz

Ein Eruv für Zürich

Unsichtbar im Stadtbild, spürbar im religiösen Alltag. Die größte jüdische Gemeinschaft der Schweiz spannt einen symbolischen Faden – und macht jüdisches Leben sichtbarer

von Nicole Dreyfus  20.01.2026 Aktualisiert

Talmudisches

Schlechter Atem als Scheidungsgrund

Was unsere Weisen über Mundgeruch wussten

von Detlef David Kauschke  16.01.2026

Rabbi Schalom Scharabi

Jedes Wort eine Intention

Der jemenitische Raschasch ist in unseren Breitengraden kaum bekannt. Dabei hat er schon im 18. Jahrhundert gelehrt, was auch heute wieder gefragt ist: ganz bewusst zu leben – und zu beten

von Vyacheslav Dobrovych  16.01.2026

Waera

Wahre Größe

Mosche blieb stets bescheiden – und ist damit ein Vorbild an vollkommener Demut

von Aviezer Kantor  15.01.2026