Talmudisches

Riesige Tropfen

Es begann zu regnen, erst sanft, dann immer heftiger, bis jeder Tropfen so groß wie die Öffnung eines Fasses erschien Foto: Thinkstock

Tu Bischwat, das Neujahrsfest der Bäume, markiert das Ende der Regenzeit und den Beginn der Pflanzperiode in Israel. Die Hälfte des Landes besteht aus Steppe und Wüste. Da ist es überlebenswichtig, dass, wie es im Schma Jisrael heißt, dem Land Regen zu seiner Zeit gegeben wird, also Niederschlag und Trockenheit in einem möglichst ausgeglichenen Verhältnis zueinander stehen.

Tu Bischwat Rituale oder Tänze, die Regen auslösen sollen, finden sich in vielen Kulturen trockener Regionen, zum Beispiel im alten Ägypten. Eine jüdische Variante dieser Praxis finden wir im Babylonischen Talmud im Traktat Taanit: Es ist die faszinierende Geschichte von Choni, dem Regenmacher. Sie wird in der jüdischen Tradition aus mehreren Gründen mit Tu Bischwat in Verbindung gebracht.

Man nennt diesen Choni auch Choni Hame’agel, Choni, den Kreiszeichner. Er erhielt diesen Namen durch eine Tat, die zwar zunächst den gewünschten Erfolg brachte, sich jedoch einer riskanten Methode bediente, des Schwurs auf den Gottesnamen, und so zur Gefahr wurde.

Kreis Choni hatte den Höchsten gebeten, es auf das verdorrte Land regnen zu lassen – doch es geschah nichts. Da zog er einen Kreis um sich in den Staub und sprach: »Ich schwöre nun bei Deinem großen Namen, dass ich mich von hier nicht rühre, bis Du Dich Deiner Kinder erbarmst.«

Es begann zu regnen, erst sanft, dann immer heftiger, bis jeder Tropfen so groß wie die Öffnung eines Fasses erschien. Da bat Choni, es möge doch aufhören, und rief: »Dein Volk kann weder die übermäßige Güte noch die übermäßige Strafe ertragen.«

Weiter wird im Traktat Taanit berichtet, wie Choni ein Mann auffiel, der einen Baum pflanzte. Choni fragte den Mann, wann denn der Baum Früchte trüge. »In 70 Jahren«, antwortete der Mann. Da fragte Choni: »Bist du dir sicher, dass du noch 70 Jahre leben wirst?« Der Mann antwortete: »Wie meine Vorfahren für mich pflanzten, so will ich für meine Nachfahren pflanzen.«

Da setzte sich Choni zu dem Mann. Es überkam ihn eine bleierne Müdigkeit, und er fiel in einen tiefen, 70 Jahre währenden Schlaf. Als er erwachte, fand er sich neben einem mächtigen Baum wieder, dessen Früchte von einem Mann geerntet wurden. Choni fragte: »Hast du diesen Baum gepflanzt?« »Nein, mein Großvater.« Da wurde Choni die Dauer seines Schlafes bewusst. Er erfuhr vom Tod seines Sohnes, und als er behauptete, dass er der Gelehrte Choni sei, glaubte ihm niemand. Nach diesen Erfahrungen verließ ihn aller Lebensmut, und er wünschte sich, zu sterben.

Umweltschutz Zunächst erzählt uns diese Aggada von Nachhaltigkeit: »Wie meine Vorfahren für mich pflanzten, so will ich für meine Nachfahren pflanzen.« Dieser 1500 Jahre alte Satz fasst zusammen, worum die Klimakonferenzen heute vergeblich ringen: um die Pflege und Erneuerung der Schöpfung, damit das Erbe der Generationen vor uns erhalten und weitergegeben werden kann. In diesem Geist wird Tu Bischwat in Israel als Symbol des Umweltschutzes betrachtet, und es wurde Tradition, an diesem Tag Bäume zu pflanzen.

Ferner wird diese Geschichte als Allegorie auf die Notwendigkeit des Exils gelesen. Chonis Erfahrung veranschaulicht, dass das bewusste Erleben des Exils für Israels Erlösung notwendig ist, so wie das Pflanzen und Pflegen des Baumes Bedingung für den späteren Genuss seiner Früchte.

Im frostigen Deutschland sind die kahlen Gewächse noch weit von der Blüte entfernt, und der Frühling ist kaum zu erahnen. Doch wären Licht und Blüten nur halb so schön, wenn man sie in den Monaten ihres winterlichen Exils nicht bitter vermisst hätte. Choni, der Kreiszeichner, konnte nach 70 Jahren die Früchte nicht genießen, und auch uns würde der Frühling weniger bezaubern, wenn wir die kalten Monate verschlafen hätten.

Talmudisches

Schlaf

Was unsere Weisen über die Nachtstunden lehren

von Chajm Guski  19.06.2026

Essay

Zwischen Progressivität und Zerfaserung

Quo vadis, liberales Judentum? Ein Debattenbeitrag von Avitall Gerstetter

von Avitall Gerstetter  19.06.2026

Korach

Im Vergleich

Oft schmerzt nicht der eigene Mangel, sondern der Vorsprung der anderen – doch zwischen Impuls und Handlung liegt ein entscheidender Moment

von Rabbiner David Kraus  18.06.2026

Militär

Verteidigung statt Zerstörung

Israel exportiert Arrow-3-Abwehrraketen nach Deutschland. Schon im Talmud wird der Verkauf von Waffen diskutiert. Die Rabbiner werfen moralische Fragen auf, die sich bis heute stellen

von Rabbiner Dovid Gernetz  18.06.2026

Halacha

Deutsch-jüdischer Leuchtturm

Die Berliner Studien zum Jüdischen Recht feiern ihr 30-jähriges Bestehen an der Humboldt-Universität

von Detlef David Kauschke  16.06.2026

Schelach Lecha

Mit der Kraft des Ewigen

Die biblische Erzählung lehrt, dass sich mit Gottvertrauen auch aktuelle Herausforderungen bewältigen lassen

von Rabbiner Salomon Almekias-Siegl  12.06.2026

Talmudisches

Spiel des Lebens

Was unsere Weisen über Fußball lehrten

von Avi Frenkel  12.06.2026

Fußball-WM

Darf man einem Kraken glauben?

Was das Judentum über Orakel, Omen und Vorhersagen lehrt

von Rabbiner Dovid Gernetz  11.06.2026

Dresden

Elnet: Initiative soll Neugier auf jüdisches Leben wecken

Die Kampagne ist Teil des Themenjahres »Tacheles. Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen 2026« und wird zunächst sechs Wochen sichtbar sein

 11.06.2026