Meinung

Republik der Schnorrer

Schlagzeile: Teilnehmer des Straßenkarnevals im thüringischen Wasungen lesen die aktuellen Meldungen vom Wulff-Rücktritt. Foto: dpa

Kaum eine Kabarett‐ oder Karnevalssendung in den vergangenen Wochen verging, ohne den Inhaber des höchsten Staatsamtes der Lächerlichkeit preiszugeben. Was für ein Glück, dass er kein Jude ist! Sonst müsste sich jeder Komiker erst mal für seine Kalauer entschuldigen, bevor er loskracht.

Lachen ist gesund und billig noch dazu, wenn es auf Kosten anderer geht. Nach dem Rücktritt und dem Ende der Karnevalszeit kann man jetzt wieder zum Status quo ante zurückfinden und sich abwechselnd über Wulff aufregen, ihn bemitleiden oder bloß den Kopf schütteln. Armes Deutschland.

Chassidisch Um Armut ganz anderer Art geht es in einer chassidischen Geschichte, die uns hier eine Analyse des Scherbenhaufens nach dem Wulff‐Rücktritt bieten könnte. Sie erzählt von einem Kaufmann, der von Ort zu Ort unterwegs war, um seine Waren zu verkaufen. Er war fromm und korrekt im Umgang mit allen, denen er begegnete. Fern der Heimat verdiente unser ehrbarer Kaufmann den Lebensunterhalt für seine Familie. Wie in der Welt des Schtetls üblich, freute man sich über den Besuch eines solchen Reisenden. Man selbst war zu arm, um zu reisen, also ließ man sich von der Welt erzählen. Reisen bildet – auch so herum.

Die reisenden Kaufleute waren ein Fenster zur Welt. Frische Luft kam in die engen Gassen der Schtetlach durch die Erzählungen der Reisenden. Die kleinen engen Gassen wurden zu breiten Boulevards (das geht übrigens auch umgekehrt: Die »Bild« macht’s möglich). Mit Musik und Gesang wurden dann die Reisenden ein Stückchen des Weges aus dem Ort hinausbegleitet, nachdem sie ihre Geschichten und Waren mit den Schtetl‐Bewohnern ausgetauscht hatten.

Und wenn ein Reisender über Schabbat blieb, war das ein besonderes Ereignis. So kam der brave Kaufmann eines Freitags in ein Schtetl, in dem er zuvor nie gewesen war. Eine merkwürdige Stimmung lag in der Luft. Der Schabbes nahte, und so führte der Weg unseres frommen Vertreters zum Rabbiner des Ortes, um Vorkehrungen für den Ruhetag zu treffen.

Der Rabbiner und die G’wiren (Lokalgrößen) in der Synagoge nahmen aber kaum Notiz von dem Fremden. »Du bist Kaufmann?« fragte einer, »und Du bleibst über Schabbat?« ein anderer. Waren, Geld und Gespann solle er dem Rabbiner anvertrauen, um sie nach Ende des Schabbat wieder in Empfang zu nehmen. So lief es anderswo auch, aber hier lag etwas Merkwürdiges in der Luft.

So verging der Schabbat, der Fremde betete in der Synagoge und aß beim Rabbiner. Schweigend. Zu Schabbatausgang gingen sie zusammen wieder in die Synagoge, wo die anderen G’wiren schon auf sie warteten.

Geld Alsbald verkündete der Fremde seine Absicht, weiter fahren zu wollen. »Dann geh’ doch«, meinte einer. »Zuvor möchte ich mich für die Gastfreundschaft bedanken«, erwiderte der Fremde. »Und für den mir erwiesenen Dienst, meine Waren, mein Geld und mein Gespann während Schabbat sicher verwahrt zu haben.« Die G’wiren wurden endlich aufmerksam. »Was für Geld?«, fragte einer. Ein anderer: »Was für Waren?« Und überhaupt: »Wer bist Du?«, fragten sie alle.

Verdutzt suchte der Reisende den Blick des Rabbiners. Der aber zuckte nur die Achseln. Daraufhin brach schallendes Gelächter in der Synagoge des seltsamen Schtetls aus. Aufrecht verließ unser trauriger Held den Ort. »Wie soll ich nun meine Familie ernähren? Ich bin ruiniert!«, dachte er sich, als er außerhalb des Schtetls in einem dunklen Wald alleine auf dem Weg war. Dann hörte er plötzlich, wie sich ihm auch noch ein Gespann von hinten näherte. Sicherlich Räuber, schoss es ihm durch den Kopf. »Als ob ich nicht schon genug Zores hätte!«

Ganeff Sein Staunen war groß, als er sah, wer es war: der Rabbiner aus dem seltsamen Schtetl! »Hier hast Du Dein Pferd und Wagen wieder, Deine Waren und Dein Geld. Außerdem noch etwas Proviant. Eine gute Woche und gute Reise wünsche ich Dir. Pass’ gut auf Dich auf – hier soll es von Räubern nur so wimmeln!«

»Verstehe«, sagte der Reisende. »Aber erlaube mir eine Frage: Warum hast Du mir nicht gleich alles nach Schabbes zurückgegeben?« Der Rabbiner lächelte. »Dies ist eine raue Gegend. Die G’wiren sind alle eine Bande von Betrügern. Sie sollen glauben, ich sei auch ein Ganeff wie sie und gehöre dazu. Wenn nicht, wird ihnen niemand den richtigen Weg zeigen.«

Zurück zu Wulff. Ja, man wirft ihm vor, ein Schnorrer zu sein. Aber das ist zu einfach. Er war unser Bundespräsident. Wenn er ein Schnorrer ist, dann war er eben der erste Schnorrer im Staate. Wie in der chassidischen Geschichte sollten wir alle unser Ebenbild im ersten Bürger am Ort erkennen können und in uns gehen: Jeder soll sich selbst fragen, ob und wie er verstrickt ist.

Dieser Satz stammt ebenfalls vom Bundespräsidenten. Nicht vom letzten allerdings. Und es ging in diesem Satz, der eigentlich eine Selbstverständlichkeit umschreibt und dennoch als Maxime gefeiert wurde, um viel Gewichtigeres als Schnorrerei. Er findet sich sinngemäß in der berühmten Rede Richard von Weizsäckers zum 40. Jahrestag des Kriegsendes. Dem damaligen Amtsinhaber verschaffte er allerdings großen Respekt.

Vielleicht verhilft uns die Reise in die chassidische Welt auch zu etwas Respekt, und zwar vor uns selbst. Bei aller Kritik an seinem Verhalten: Wulff hat uns hier schließlich einen Spiegel vorgehalten. Wie der Rabbiner in der chassidischen Geschichte, wenn auch ungewollt und tollpatschig. Anders ausgedrückt: Er gab die Verhältnisse hierzulande hervorragend wieder, was die Selbstbedienungsmentalität betrifft.

Einer, dem eine solche Haltung so fern war wie der Mars, der dafür wirklich Format hatte, war übrigens unser aller Ignatz Bubis sel. A. Es war kein Geheimnis: Der frühere Präsident des Zentralrats der Juden bezahlte jede Dienstreise aus eigener Tasche. Für ihn war das eine Selbstverständlichkeit. Und Selbstverständlichkeiten arteten bei ihm nie zu Maximen aus.

So wurde er zur moralischen Instanz. 20 Jahre ist es her, als dieses Format erkannt wurde und er ernsthaft als möglicher Kandidat für das höchste Staatsamt gehandelt wurde. Aber er lehnte dankend ab: Deutschland ist nicht so weit, meinte Bubis damals. Heute wohl noch weniger. Erst wenn wir aufhören, eine Republik kleinkarierter Schnorrer zu sein, haben wir den moralischen Anspruch darauf, von einem Bundespräsidenten repräsentiert zu werden, der echtes Format hat.

Scherbenhaufen Wenn die kurze Präsidentschaft von Christian Wulff uns allen im Nachhinein einen Nutzen bieten kann, und auch der Rücktritt nicht umsonst gewesen sein soll, dann ist es vielleicht die Erkenntnis, im chassidischen Sinn etwas über unser Schtetl gelernt zu haben. Das Volk hatte den Präsidenten, den es verdiente.

Nun wurde ein Nachfolger gefunden, dessen Integrität außer Frage steht. Diese Konstellation – Wulff‐Rücktritt und Gauck‐Nominierung – bietet uns allen eine einmalige Chance: Nun ist es am Volk, sich zu bewähren. Der künftige Präsident ist schon integer genug; wir sollten ihm und uns nun das Staatsvolk gönnen, das er verdient.

Über ihn macht man immerhin schon mal keine Witze. Und es ist am Ende gleichgültig, ob er Pastor oder Rabbiner ist. Dem Scherbenhaufen im Präsidialamt kann man vielleicht doch etwas Positives abgewinnen. Wir könnten endlich auch ein Stückchen weiter sein im Sinn von Ignatz Bubis sel. A.

Der Autor ist Rabbiner der Budge‐Stiftung in Frankfurt/Main.

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