Wajigasch

Raff dich auf!

»Jakow und Rachel am Brunnen«, Julius Schnorr von Carolsfeld (1794–1872) Foto: Getty Images

Der Name eines Menschen hilft uns, ihn zu identifizieren und anzusprechen. Wenn eine Person jedoch zweimal beim Namen gerufen wird, ist dies meistens ein Zeichen, dass sie entweder nicht gut hört oder eine ganz andere Person ist. Was aber sollen wir daraus schließen, wenn es G’tt ist, der eine Person zweimal bei ihrem Namen ruft?

Dies kommt in den Heiligen Schriften viermal vor: Awraham nach der Bindung Jizchaks (1. Buch Mose 22,1), Mosche am brennenden Dornbusch (2. Buch Mose 3,4), Schmuel als kleiner Junge im Hause Elis (I. Samuel 3,10) und Jakow in unserem Wochenabschnitt, als er sich mit seiner Familie auf den Weg zu Josef nach Ägypten macht (1. Buch Mose 46,2): »Und G’tt redete zu Jisrael in nächtlicher Erscheinung, und Er sprach: ›Jakow, Jakow!‹, und dieser sagte: ›Hier bin ich‹.«

G’tt rief jeden dieser Männer zweimal, einmal die Person selbst, ein zweites Mal für die kommenden Generationen. Denn in jeder Generation gibt es einen Awraham, der ganz besonders in den Wegen des ursprünglichen Awraham geht, seine Eigenschaften übernimmt, verkörpert und weiterführt. Dasselbe gilt auch für die anderen drei.

Symbol Jeder dieser Gerufenen symbolisiert mit seinem Lebenswerk einen Grundstein des jüdischen Volkes: Awraham ist Symbol für die besonderen Charaktereigenschaften, allen voran die Güte (»Chessed«), Mosche steht für die Tora, die er dem jüdischen Volk überbrachte, und Samuel symbolisiert das Königtum, hat er die ersten zwei Könige Israels doch selbst gesalbt. Aber wofür steht Jakow? Was ist sein besonderer Weg, der auch von den »Jakows späterer Generationen« weitergeführt wird?

Jakows Leben war vom ersten bis zum letzten Augenblick durch Komplikationen gekennzeichnet. Schon bei der Geburt hielt er sich an der Ferse seines Zwillingsbruders Esaw fest, mit dem er sich während seiner ganzen Jugendjahre ständig messen musste. Es folgten das Erschleichen des bedeutenden Segens Jizchaks, die Flucht vor dem zornigen Bruder zu seinem Onkel Lawan, der Umgang mit dessen betrügerischem Wesen und die Flucht vor ihm zurück nach Israel – direkt in Esaws Arme. Beim Betreten des Landes Israel stirbt Jakows geliebte Frau Rachel; daraufhin wird seine Tochter Dina geraubt.

Nun hätte sich Jakow endlich, wie man meinen würde, wohlverdient im Lande seiner Väter zur Ruhe setzen, sich friedlich und unabhängig ansiedeln können, doch schon ergaben sich Streitereien unter seinen Söhnen. Sein Lieblingssohn wurde verkauft, er hielt ihn sogar für tot – bis jener nach vielen Jahren überraschend auftauchte. Da musste Jakow sein Vaterland erneut verlassen und ins Exil nach Ägypten gehen, wo er bis an sein Lebensende blieb.

gegensatz Jakows Lebenslauf steht in völligem Gegensatz zu dem von Awraham und besonders dem von Jizchak. Beide hatten in ihrem Leben viel Erfolg und fanden über weite Strecken hinweg Glück und Ruhe. Jakow hingegen wurde von zahlreichen Schicksalsschlägen getroffen, Flucht und Sorgen waren sein Leben. Er ist das Symbol für das Exil.

Das Exil charakterisiert das jüdische Volk nun seit fast 2000 Jahren und hat ihm seinen Stempel aufgedrückt: Unglück, Verfolgung und Vertreibung gehörten zu seinem Leid.

Jakow weist uns den Weg, wie wir damit umzugehen haben: Nicht in Träumen sollen wir leben, aber angesichts der Wirklichkeit auch nicht verzagen und aufgeben. Messen müssen wir uns mit den Schicksalsschlägen, versuchen, sie zu überwinden und mit starkem Vertrauen in den Ewigen auf ein besseres Morgen, eine bessere Zukunft zu hoffen.

Wir sollen nicht in Träumen leben, aber auch nicht verzagen.

Jakow lehrt uns, welchen Bezug man zu einem Unglück haben kann: »Es gibt solche, die auf einem Unglück reiten, und es gibt solche, auf welchen das Unglück reitet.« Jemand, dem ein Unglück widerfährt, kann sich von nun an durch dieses bestimmen lassen und ihm somit die Kontrolle über sich selbst in die Hand geben. Jakow jedoch ließ sich von den vielen Schwierigkeiten nicht unterkriegen. Er raffte sich jedes Mal auf, schöpfte Kraft aus unendlichem G’ttvertrauen, schaute hoffnungsvoll nach vorn und ging das Leben und dessen Herausforderungen weiter an.

Jakows Antwort auf G’ttes Ruf charakterisiert seine Unermüdlichkeit, seine unverbrüchliche Treue zu G’tt und zum Leben: »Ich bin bereit! Bereit zu empfangen, was immer Du mir befiehlst, was immer Du für mich vorgesehen hast.« Jakow haderte nicht mit G’tt, er vertraute darauf, dass alles, was von Ihm kommt, nur zum Guten ist.

gefängnis Diese Einstellung erkennen wir auch in Josefs Handeln. Sehr viel musste er leiden und über sich ergehen lassen: Er wurde verkauft, versklavt und ins Gefängnis geworfen, weit weg von allen, die ihm lieb waren – und trotzdem haderte er keine Minute mit G’tt und blieb Ihm in allen Zeiten und Geschehnissen treu. Selbst als er vor Pharao stand, zur Deutung von dessen Träumen aufgefordert wurde und damit die Möglichkeit erhielt, aus eigener Kraft nach der Freiheit und nach Größerem zu greifen, schrieb er seine Fähigkeiten allein der g’ttlichen Unterstützung zu: »Es liegt nicht an mir; G’tt wird die Antwort darauf geben, was auf Pharao zukommt« (1. Buch Mose 41,16).

Auch als sich Josef seinen Brüdern zu erkennen gab, die sein ganzes Leid verursacht hatten, waren seine ersten Sätze voller Trost und Liebe: »Und nun seid nicht traurig und zornig, dass ihr mich hierher verkauft habt, denn zur Lebenserhaltung hat G’tt mich vor euch hergeschickt!«

Damit meinte er: »Auch wenn ihr eine unsägliche Tat an mir begangen und euren eigenen Bruder in die Sklaverei verkauft habt, so war das ganze Geschehen doch von Anfang an von G’tt begleitet und musste schließlich durch g’ttliche Bestimmung zum Guten führen.«

Interessanterweise wird Jakow, als G’tt ihn zweimal beim Namen ruft, vor dem Anruf zunächst als Jisrael bezeichnet. G’tt möchte ihm damit genau diese Botschaft mit auf den Weg geben: Du hast dir den Namen »Jisrael« redlich verdient, hast dich mit G’ttes Boten und mit Menschen gemessen und gingst siegreich hervor (1. Buch Mose 32,28). Nun ziehst du in ein langes Exil in Ägypten, wirst wieder zu Jakow, der sich an die Ferse heftet (1. Buch Mose 25,26) und dabei zuweilen auch getreten wird. Deine Nachkommen werden versklavt, unterdrückt und schließlich sogar von systematischem Völkermord bedroht ... Lass dich nicht unterkriegen! Schöpfe Kraft aus deinem bisherigen Leben und wisse: Jakow ist dazu bestimmt, Jisrael zu sein.

Der Autor ist Rabbiner in Israel.

 

inhalt
Der Wochenabschnitt Wajigasch erzählt davon, wie Jehuda darum bittet, anstelle seines jüngsten Bruders Benjamin in die Knechtschaft zu gehen. Später gibt sich Josef seinen Brüdern zu erkennen und versöhnt sich mit ihnen. Der Pharao lädt Josefs Familie ein, nach Ägypten zu kommen, um »vom Fett des Landes zu zehren«. Jakow erfährt, dass sein Sohn noch lebt, und zieht nach Ägypten. Der Pharao trifft Jakow und gestattet Josefs Familie, sich in Goschen niederzulassen. Josef vergrößert die Macht des Pharaos, indem er die Bevölkerung mit Korn versorgt.
1. Buch Mose 44,18 – 47,27

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