Kabbala

Park der Inspiration

Der Park der Kabbala ist nicht für jeden geöffnet. Doch wer die Mauer der inneren Versteinerung überwindet, findet in der Kommunikation mit der Schöpfung tiefe geistige Erholung. Foto: Thinkstock

Aus der Ferne ist der Eingang zum Park nicht zu sehen. Du trittst näher, stößt auf eine hohe, unüberwindliche Mauer, die dir zu fühlen verwehrt, was sich dahinter verbirgt. Nur die Ahnung, dass ein solches Bollwerk gewiss etwas besonders Wertvolles vor Schaden bewahrt, erregt deine Neugier. Im Weitergehen erspähst du plötzlich eine von dichtem Rankengewächs überwucherte Öffnung und erkennst, dass dich deine körperlichen Sinne die ganze Zeit getäuscht hatten. Was dir als steinernes Hindernis erschienen war, ist in Wirklichkeit eine vegetative Membran, die du zu durchdringen vermagst.

Schon bist du im Park, umfangen vom Gesang der Nachtigallen, der in deinem Innern widerhallt. Nach wenigen Schritten wird dir bewusst, dass du dich durch ein Labyrinth bewegst: ringsum Obstbäume und Sträucher aus exotischen Gegenden, die wunderbaren Duft verströmen und die Erinnerung an den Geschmack ihrer Früchte wecken.

Du gehst weiter, vernimmst jenseits des Vogelgesangs neue, unerwartete Laute, die Melodien der oberen Welten. Sie wurden komponiert von dem Kabbalisten Yehuda Ashlag (1884–1954), der die innere geistige Musik solcher biblischen Figuren wie Abraham, Jakob, Isaak, Moses erforschte und daraus verborgene Anweisungen für spirituelle Entwicklung ableitete, um sie als Koryphäenlieder wiederzugeben.

Mit jedem rhythmischen Takt verinnerlichst du das Gefühl von Aufstieg und Fall, das jene Urväter empfunden haben mussten, als sie die geistige Wirklichkeit erfassten und aufzeichneten. Darin bekundet sich jene innere Rhetorik der Natur, die fein gestimmte Seelen imstande sind zu entziffern und in Gestalt religiöser oder künstlerischer Werke den Menschen nahezubringen.

Spottdrosseln Intuitiv beginnst du zu verstehen, dass dies nicht nur ein Labyrinth ist, sondern ein Spiegelbild deines Seelenlebens. Jetzt sind es Spottdrosseln, die mit ihrem Singsang schlechte Gedanken und Neigungen heraufbeschwören. Du bist beschämt und erkennst allmählich, welches Unheil der Egoismus anrichtet. Die Einsicht treibt dich vorwärts. Im Gegensatz zu den Spottdrosseln bewirken die Melodien der oberen Welten die höchste Wonne, die dein Herz je erfahren hat. Das ist der Ruf der Natur, der dich zur Mitte des Labyrinths führt. Die Melodien schwellen an, werden immer betörender.

Schließlich erreichst du die magische Mitte. Nun wird das Denken von der Macht der Musik völlig in Besitz genommen. Du erblickst einen riesigen, silbern glänzenden Obelisken auf vulkanischem Gestein – Zeichen der Anerkennung, dass der Mensch sich innerlich gereinigt, seinen Egoismus überwunden und den Durchbruch in die geistige Wirklichkeit geschafft hat. Der Obelisk besitzt die Eigenschaft, die liebende und ausgleichende Kraft der Natur, die aus dem Übernatürlichen rührt, anzuziehen und zur Erde zu leiten.

Kein früheres Erlebnis hätte dich auf das folgende Geschehnis vorbereiten können. Am Himmel türmen sich dunkle Wolken auf, und in Sekundenschnelle trifft ein Blitz den Stab auf der Spitze des Obelisken. Du hast die Natur durchwandert, um an diesen Punkt zu gelangen, und sie ist bereit, dich mit Regen zu belohnen. Die Energie, die du darin spürst, hat auf dich eine befreiende Wirkung.

Regenbogen Weit oben spannt sich ein Regenbogen, der auch in deinem Herzen aufscheint und das ganze Spektrum von Rot über Gelb zu Grün, Blau und Violett umfasst, um schließlich wieder weißes Licht zu sein. In jedem Tropfen ahnst du die tiefe Weisheit, die dem Plan der Natur zugrunde liegt. Da dämmert dir, dass dein Gang durch das Labyrinth in einen Regentanz münden sollte, ausgelöst durch den einschlagenden Blitz.

Im Einklang mit den Melodien strömt frischer Hauch in deine Seele. Du stößt die verbrauchte Luft aus, atmest tief ein. So fährst du fort, bis die Atmung mit dem Rhythmus der Pflanzen, der Vögel und der winzigen Tiere im Garten übereinstimmt. Dein Herz, das allzu lange kalt und abgestumpft war, wandelt sich. Es pumpt nicht nur Leben durch deinen Körper, sondern strahlt es in die Umgebung aus.

Die Pflanzen verstehen diesen pulsierenden Drang und reagieren darauf in der einzigen Weise, zu der sie fähig sind. Wie durch Zauberhand beschleunigt sich ihr Wachstum. Die Blumen erblühen in den herrlichsten Farben, die du noch nie gesehen hast, und jede ihrer Nuancen entspricht einem Seelenzustand. Die Bäume ringsum vereinigen sich zum inneren Baum, der dich wieder mit deinen geistigen Wurzeln verbindet, also auch mit der Quelle allen Lebens.

Nachtigallen Die Nachtigallen haben ihre Jungen ausgebrütet, die sich bald über das ganze Land verteilen werden. Dort warten Millionen von Gärten auf sie – und ebenso viele Gärtner, die ein geistiges Erwachen erleben möchten. Die vom Blitz freigesetzte Energie übt ihren Einfluss aus und stellt zwischen den Parkbesuchern neue Beziehungen her, was auch dir das Gefühl gibt, mit ihnen in engem Kontakt zu sein. Sie definieren sich nicht mehr durch ihre konkurrierenden Eigeninteressen, sondern durch eine gemeinsame Absicht – fürsorglich miteinander umzugehen und aufgrund dieser Voraussetzung einen fürsorglichen Umgang mit der Natur zu ermöglichen. Denn er findet nur dann statt, wenn zwischen den Menschen ein geistiges Band besteht.

Der Einzelne weiß ebenso wie die Gemeinschaft, was dafür zu tun ist, welchen Beitrag die Natur von jedem fordert, um ihre Fülle und ihren Reichtum weiterhin zu offenbaren. Mit diesem Versprechen auf ein Land des Morgens verlässt du den Kabbala‐Park – und in der Gewissheit, dass seine Einlösung wesentlich von drei Faktoren abhängt: fein gestimmte Wahrnehmung, innere Umkehr und geistiger Aufschwung.

Egoismus Ehe du diese Reise unternahmst, hattest du wohl den Eindruck, dein Egoismus sei lediglich ein gesunder Drang nach Erfolg. Du warst dir nicht im Klaren, wie viele Menschen du auf dem Weg hinauf unterdrückt und verletzt hast. Du glaubtest, es gebe für dich keine andere Möglichkeit, als dich mit den Tatsachen abzufinden – und mit der tiefen Enttäuschung, die du selbst verspürtest. Das grobe Verhalten einiger Personen in deiner Umgebung diente dir als Rechtfertigung für die eigene Rücksichtslosigkeit.

So denken und handeln viele. Deshalb kann der Kabbala‐Park niemals für jeden geöffnet sein. Wenn die Masse ihn durchqueren wollte, würde sie in seinem Labyrinth auf eine Mauer stoßen, die weder zu überqueren noch niederzureißen wäre. Zahlreiche Menschen sind außerstande, den Ruf der Nachtigallen zu hören. Sie versuchen bloß, dem Leben zu entfliehen. Doch um etwas wahrzunehmen, zu erkennen oder zu erschaffen, muss man es zuerst im Herzen fühlen. Nur dann wird die Mauer, Symbol der inneren Versteinerung, zur elastischen Membran, die Zugang gewährt in die geistige Dimension.

Von solchem Wissen inspiriert, begreifst du, dass die Kraft hinter den Spottdrosseln und die Kraft hinter den Melodien ein und dieselbe war. Sie nahm unterschiedliche Formen an, um dich zu einer inneren Korrektur zu veranlassen, wodurch du dann deine Einstellung und dein Verhalten gegenüber der Natur korrigieren und ihre herrlichen Geschenke empfangen konntest. Von nun an wird die Gartenarbeit, ob individuell oder kollektiv, einen höheren Zweck erfüllen.

Die Schöpfungen der Natur sind gewillt, mit dir zu kommunizieren. Du antwortest ihnen, gibst einer Blume frisches Wasser, pflegst eine Rose, führst den Wurzeln eines Baumes Nährstoffe zu, rupfst Unkraut aus – unter deinem grünen Finger gedeiht alles prächtiger denn je und trägt umso köstlichere Früchte.

Achtsamkeit Der Samen der Achtsamkeit und der Hingabe ist aufgegangen in deinem Herzen. Der neue Garten ist extrem aufgeladen mit geistiger Kraft. Hast du ihn in der Vergangenheit als einen Ort für kurzzeitige Erholung betrachtet, so sind deine Motivationen jetzt viel tiefer verwurzelt und höher ausgerichtet – du siehst voller Erstaunen, wie natürliche und übernatürliche Macht darin harmonisch zusammenwirken.

Es umgibt dich eine besondere Aura, die andere Menschen spüren und die sie genauso beeinflusst wie die Pflanzen im Garten. Dein Vorbild ermuntert auch jene, die noch nie Lust dazu verspürten, einen Spaten zur Hand zu nehmen und Erde umzugraben. So werden sie eines Tages ebenfalls zu spirituellen Gärtnern. Willkommen zurück im Garten Eden! Möge die geistig orientierte Gartenpflege die Seelen der Menschen erwecken, bezaubern und miteinander verbinden.

Auszug mit Genehmigung des Autors aus seinem Buch »Sät die Blumen des Friedens! Das Handbuch des spirituellen Gärtners«,
Allegria, Berlin 2013, 192 S., 9,99 €

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