Gog und magog

Oj Gewalt!

Gemäß der Prophezeiung werden dereinst die Gottesfürchtigen aller Völker nach Jerusalem ziehen, um das Laubhüttenfest zu feiern: Darstellung in einem Buch von 1657 Foto: ullstein

Gog und magog

Oj Gewalt!

Eine apokalyptische Vision zum Laubhüttenfest. Trotzdem sollten wir feiern

von Rabbiner Walter Rothschild  24.09.2012 16:21 Uhr

Am Schabbat Chol Hamoed lesen wir eine ganz besondere Haftara: Ezechiel 38,18–39,16. Die erste große Frage, vor der wir hier stehen, ist: Was hat dieser Prophetenabschnitt überhaupt mit Sukkot zu tun? Warum wurde dieser Text – eine apokalyptische Endzeitvision – für diesen Schabbat während des Festes ausgewählt? Immerhin wird darin die Wüstenwanderung überhaupt nicht erwähnt. Auch der Bezug zur Wallfahrt nach Jerusalem ist kaum erkennbar. Im Allgemeinen sollte die Haftara das Thema der Sidra oder besondere Verse darin reflektieren – aber wo ist hier die Verbindung? Sukkot wird im 5. Buch Moses 16,13-15 als ein Fest der Freude bezeichnet – aber welche Freude finden wir in diesem Text?

Exil Im Talmud diskutieren die Rabbiner, was an bestimmten Tagen gelesen werden soll. In Megilla 31a heißt es: »Rabbi Hona sagte im Namen Ravs: An einem Schabbat, der in die Chol-Hamoed-Zeit fällt, ob an Pessach oder an Sukkot, lese man ›Siehe Du‹ (2. Buch Moses 33,12) und als Schlussabschnitt an Pessach ›Die verdorrten Gebeine‹ (Ezechiel 36,37–37,17) und an Sukkot ›An dem Tage, da Gog kommt‹ (Ezechiel 38,18–39,16)«. Aber kein Grund wird dafür angegeben. Interessant ist auch, dass diese beiden Haftarot aus dem Buch Ezechiel stammen. Aber wäre nicht eine Haftara mit den Versen von Nehemia 8,13-18, wo die Israeliten aus dem Exil zurückkehren und Sukkot verspätet, aber mit Eifer feiern, passender für diesen Schabbat Chol Hamoed gewesen?

Ganz offensichtlich greift die Haftara das Thema auf, das schon die Prophetenlesung vom Ersten Tag Sukkot aus Secharia 14 gesetzt hatte. Auch hier geht es um einen endzeitlichen Kampf, den Gott um Jerusalem führt und an dessen siegreichem Ende Er von den Völkern verherrlicht und als König der Welt anerkannt wird. Und nicht allein die Israeliten, sondern die Gottesfürchtigen aller Völker werden nach Jerusalem ziehen, um dort das Laubhüttenfest zu feiern. Die universalistische Botschaft des Verses lautet: »Und der Ewige wird König sein über die ganze Erde; an selbigem Tage wird der Ewige einzig sein und sein Name einzig« (Secharia 14,9). Sie hat eine prominente Stellung in unserer Liturgie erhalten, weil wir den Vers stets am Ende des Alejnu-Gebets singen. Es ist nun Raschi, der den in Ezechiel 38 beschriebenen Krieg gegen Gog und Magog mit der eschatologischen Schlacht identifiziert, die in Secharia 14 beschrieben wird. Die Haftara wird also als die Fortschreibung der Erzählung gesehen, die endzeitliche Erwartungen mit dem Laubhüttenfest verknüpft. Man blickt vorwärts, nicht zurück.

Gericht Das wirkt befremdlich, wenn wir Sukkot vor allem als ein fröhliches Fest begehen, an dem die bunt geschmückten Hütten an die provisorischen Behausungen während der Wüstenwanderung erinnern sollen. Wir sind erleichtert, dass Jom Kippur vorüber ist, und übersehen dabei aber, dass Sukkot noch immer in den Kontext der Gerichtstage gehört.

Die Zeit von Beginn des Monats Elul an bis hin zu Schemini Azeret wird zusammenhängend als eine Zeit der Umkehr und des Gerichts gesehen. Den Gerichtsgedanken finden wir im Mischnatraktat Rosch Haschana 1,2, wonach die Welt zu Sukkot hinsichtlich des Wassers gerichtet wird, also auch in ganz existenzieller Weise über die Lebensqualität des kommenden Jahres entschieden wird. Und der letzte Tag von Sukkot ist Hoschana Rabba, der auch Jom Hachotam, Tag der Besiegelung, genannt wird. Obwohl sich die Himmlischen Tore schon wenige Tage zuvor zu Neila geschlossen haben, bleibt doch noch ein kleines Türchen offen für eine wirklich allerletzte Chance zur Umkehr.

Darum erinnert der Gottesdienst an diesem Tag in mancher Hinsicht an Jom Kippur – Melodien ähneln sich, der Chasan betet ganz in weiß vor, die archaischen Hoschanot erflehen mit besonderer Inbrunst das Erbarmen Gottes im Gericht. Mehrere der Gebete nehmen ausdrücklich Bezug auf eine endzeitliche Erlösung, der traditionelle Pijut »Kol mewasser mewasser weomer« ist praktisch eine poetische Vertonung von Secharia 14. Und da passt es dann, dass am Schabbat Chol Hamoed, also am Schabbat vor Hoschana Rabba, die Vision Ezechiels vom kommenden Gottesgericht gelesen wird.

Doch auch, wenn wir uns auf diese Weise die Intention der Haftara erschließen können, sollten wir uns den Text noch einmal genauer ansehen. An wen richtet Ezechiel seine Rede, und wer sind eigentlich die hier zu eschatologischer Bedeutung gelangten Gestalten von Gog und Magog?

Ezechiel ist ein Prophet im Exil. Ein Priester, der jetzt ohne Status und Funktion ist. Er ist traumatisiert, denn er war Augenzeuge von Gottes Zorn über die Israeliten. Ezechiel war unter den Ersten, die nach einem niedergeschlagenen Aufstand ins babylonische Exil weggeführt worden waren – schon zehn Jahre vor der endgültigen Zerstörung des Tempels, des Churban. Das wird selbstkritisch als wohlverdiente Strafe für den Abfall und die Götzenanbetung Israels definiert. Doch neben seinen Mahn- und Scheltworten für das eigene Volk kündigt er auch den Feinden Israels den Untergang an. Den Exilierten spendet er Trost, indem er den Wiederaufbau Jerusalems und des Tempels sowie die machtvolle Rückkehr Gottes ankündigt.

Massaker In diesem Kontext steht die Haftara aus den Kapiteln 38 und 39, die eine furchtbare Niederlage für Israels Feinde schildert. Es wird ein Massaker von solchem Ausmaß sein, dass das Land noch monatelang verunreinigt sein wird, bis alle Knochen und Leichenüberreste eingesammelt sind. Gog wird aus dem Norden angreifen, um die wehrlosen Dörfer Israels zu erobern. Aber Gott wird Israel helfen und Gog zerstören – vor aller Augen, damit alle sehen und (hoffentlich) daraus lernen. Gott schickt Erdbeben, Pest und Naturkatastrophen. In akribischen Details wird beschrieben, wie die Israeliten nachher allein sieben Monate brauchen werden, um die Leichen ihrer Feinde in einem riesigen Massengrab zu bestatten (39,11–13). Anschließend werden Menschen beauftragt, noch einmal das Land zu durchstreifen und die übrig gebliebenen Knochen ausfindig zu machen und einzusammeln (39,14–16). Sieben Jahre lang wird man genug Brennholz nur von den alten Kriegsgeräten und Waffen haben, es wird nicht nötig sein, Bäume abzuholzen (39,9f). Aber diese finale Schlacht wird der Beginn einer messianischen Zeit sein.

Bei seinen Weissagungen gegen die Feinde Israels (genauer eigentlich: Judas, denn das Nordreich Israel war schon lange zerschlagen) führt Ezechiel verschiedene Völker an. Aber es ist auffällig, dass dabei Babylonien als der tatsächliche Zerstörer Jerusalems nicht erwähnt ist. Das hat zu zahlreichen Mutmaßungen Anlass gegeben, ob vielleicht Gog und Magog verschlüsselte Bezeichnungen dieser nahöstlichen Supermacht sein könnten. Zum einen können die Archäologen keine tatsächlichen Königreiche oder Völker zuordnen. Die Namen aus Vers 38,2 – Magog, Meschech und Tubal – werden im 1. Buch Moses 10,2 als Söhne Japhets genannt. Es ist unklar, ob die dort genannten Personen aus der mythischen Vorzeit der Geschichte Israels nun als Stammväter dieser neuen Supermacht angesehen werden sollen.

Von manchen Forschern wurde der Name Gog als Hinweis auf Gegu oder Gyges, den König von Lydien, verstanden. Dieses sagenumwobene reiche Land lag aber in Kleinasien, im westlichen Teil der heutigen Türkei.

Eine andere Theorie besagt, dass sich hinter Magog eine Verschlüsselungstechnik verbirgt: Liest man die hebräischen Buchstaben Mem-Gimel-Gimel rückwärts (G-G-M) und rückt sie um eine Stelle im Alphabet vor, erhält man Bet-Bet-Lamed, also Bawel (Babylonien). Die Emigranten mögen eine solche kodifizierte (Sklaven-) Sprache verstanden haben. Zu wirklich mythologischen Figuren sind Gog und Magog erst in der rabbinischen Literatur und vor allem durch die christliche Interpretation in Offenbarung 20 geworden – eine gewaltsame Endzeitvorstellung, die anderen, friedlicheren Bildern aus der Bibel, wie etwa in Jesaja 66, völlig entgegensteht.

Verunreinigung Es bleibt ein schwieriger und unbequemer Text. Wir können nur versuchen, in diesem Akt der Reinigung des Landes von den vielen herumliegenden Leichen auch das Konzept von der Heiligung des Lebens zu erkennen. Diese Verunreinigung entsteht ja nicht dadurch, dass der Anblick von so vielen Toten, von Blut und Körperteilen so ekelerregend ist, sondern weil Leben geheiligt ist. Warum? Das Grundprinzip lautet: Menschen sind heilig, auch wenn sie tot sind. Oder: Das Leben ist heilig, auch wenn es vorbei ist. Die Auffassung, die sich dahinter verbirgt, ist manchmal schwer zu akzeptieren, aber fast jeder versteht das. Auch die Feinde waren einmal Menschen und sollen bestattet werden und sei es nur in anonymen Massengräbern.

Es ist auch heutzutage wichtig, dass man nach Schlachten versucht, die Gefallenen zu identifizieren und zu bestatten. Besondere Militäreinheiten sind für die Registrierung von Toten zuständig. Sie sammeln die Gefallenen und – soweit möglich – identifizieren sie. Sie bringen sie zu den Militärfriedhöfen, wo sie beigesetzt werden. In Israel werden sogar die abgerissenen Körperteile von Selbstmordattentätern, und nicht nur die ihrer Opfer, gesammelt – alles wird bewahrt und dann an die Angehörigen zur Beerdigung übergeben. Viele kennen die Arbeit der Freiwilligen von ZAKA, die nach jedem Attentat nach den kleinsten Überresten menschlicher Körper suchen.

Also hat diese Haftara mit Freude oder Festen wenig am Hut – oder »in Hütten«. Wir sollten trotzdem feiern. Und nicht zu viel über Kriege, Massengräber und Knochen nachdenken.

Der Autor ist Landesrabbiner von Schleswig-Holstein.

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