Recht

Ohne Ansehen der Person

Es geht hier um das Recht eines jeden Einzelnen – unabhängig von seinem Stand, seinem Reichtum oder seiner Zugehörigkeit. Foto: Thinkstock

Recht

Ohne Ansehen der Person

Die Gesetzgebung der Tora bedeutete einen großen zivilisatorischen Fortschritt

von Rabbiner Boris Ronis  16.07.2018 20:58 Uhr

Wir leben heute in der westlichen Welt in einem wohldurchdachten Rechtssystem, das uns Schutz und Sicherheit geben soll. So müssen wir uns wenig Sorgen machen, nachts auf die Straße zu gehen, und werden nicht gleich von Wegelagerern überfallen.

Doch es waren Tausende Jahre nötig, um die Stabilität eines solchen Rechtssystems zu etablieren, das uns heute die Sicherheit gibt, in einem Land zu leben, in dem wir beschützt werden. Natürlich wird jetzt der eine oder andere aufschreien und sagen: Das reicht nicht aus, angesichts der furchtbaren Terroranschläge, deren Zeugen wir weltweit werden. Aber dennoch leben wir mehr oder weniger in sicheren Zeiten.

Besonders gut können wir das sehen, wenn wir unseren Blick in nichtwestliche Länder richten: Umbrüche, Revolutionen, Unruhen und vielerlei Veränderungen in den jeweiligen Staatssystemen. Es geht dort um Macht und Machterhalt – man scheint keine Rücksicht auf Menschen zu nehmen.

In vielen Regionen der Erde sind solche staatlichen Systeme, wie wir sie in der westlichen Welt kennen, nicht selbstverständlich. Noch vor einigen Jahrzehnten war dies auch bei uns nicht der Fall.

Antike Die Tora gibt uns dazu einen sehr interessanten, fast schon fortschrittlichen Gedanken mit auf den Weg. Klar ist – dessen sollten wir uns bewusst sein –, dass die Realität der Rechtsprechung in der Antike um einiges schwieriger war als heute. Das Recht eines Individuums zählte damals weitaus weniger. Und doch besteht die Tora auf dem Recht des Einzelnen.
Wir erkennen dies unter anderem an den grundlegenden Bestimmungen, die wir in den Wochenabschnitten Massej (4. Buch Mose 35, 1–8) und Dewarim (5. Buch Mose 1, 16–17) finden.

In Paraschat Massej haben wir darüber gelesen, dass ein Mensch, der einen anderen unbeabsichtigt getötet hat, in eine der sechs Levitenstädte fliehen und sich dadurch in Sicherheit bringen kann. Ein naher Verwandter des Getöteten, auch als Bluträcher betitelt, der die Aufgabe hatte, den unglücklichen Schuldigen zu verfolgen und ihn zur Rechenschaft zu ziehen, durfte die Heiligkeit dieser sechs Levitenstädte nicht antasten. Sprich, es erfolgte ein Prozess, ein Gerichtsverfahren. Und wenn man dem Täter keine böse Absicht nachweisen konnte, so durfte er in der Abgeschiedenheit der Levitenstädte weiterleben. Die Einrichtung solcher Zufluchtsorte ist einer der ältesten Hinweise auf eine Art Asylstätte.

Gleichheit Im 5. Buch Mose 1, 16–17 hören wir als Erweiterung: »Diesen euren Richtern gab ich damals folgende Verhaltensmaßregeln: Hört genau an, was zwischen euren Brüdern vorgefallen ist, und urteilt nach Gerechtigkeit zwischen jedem Mann, der mit seinem Bruder oder mit seinem Fremdling eine Streitsache hat. Lasst kein Ansehen der Person im Gericht gelten. Hört den Geringen so gut wie den Vornehmen!«
Es geht hier um das Recht eines jeden Einzelnen – unabhängig von seinem Stand, seinem Reichtum oder seiner Zugehörigkeit.

Auge um Auge Wer von uns kennt in diesem Zusammenhang nicht den Ausdruck »Auge um Auge, Zahn um Zahn«? Wir wissen alle, dass dieser Ausdruck immer falsch interpretiert wurde – und wird.

Denn was möchte uns die Tora mit dieser Aussage eigentlich verdeutlichen? Es geht nicht um Rachegedanken, sondern die Tora formuliert hier eine Ersatzleistung: Es geht darum, den Wert eines »Auges für ein Auge« zu ersetzen.

Es handelt sich also um die geniale Idee, das private Recht, die Selbstjustiz, in Richtung öffentlicher Gesetzgebung zu verschieben. Damit war bereits in der Antike unter den Kindern Israels das Stammesrecht ersetzt worden durch eine für alle allgemein verbindliche Gesetzgebung, so wie wir sie heute kennen.

In der Antike waren Gedanken der Blutrache im Volk derart tief verankert, dass es einer Gemeinschaft nicht leichtfiel, sich von diesen primitiven Aspekten zu trennen. Es waren Gedanken des Ausgleichs, die im Vordergrund der Gemeinschaft ei­ne Rolle spielten.

Zu verstehen ist das folgendermaßen: Hat jemand Blut vergossen und einen anderen Menschen umgebracht, musste ein Ausgleich geschaffen werden – durch Blutvergießen in der Familie des Täters. Der Auftrag war somit nicht Rache, sondern es ging darum, eine Balance wiederherzustellen.

Tora Gott hat hier in der Tora auf faszinierende Art und Weise die Vernunftlosigkeit eines solchen barbarischen Ausgleichs aufgehoben. Die Tora bricht also mit dieser blutrünstigen Tradition und schuf dadurch die Perspektive einer zivilisatorisch höher stehenden Gesellschaft.

Traditionen Eines muss uns klar sein: So fortschrittlich diese Gesetze seinerzeit waren, sind doch auch die Traditionen unserer Vorfahren tief verankert gewesen. Dementsprechend musste das private Strafrechtssystem ganz allmählich zu einem öffentlichen umgestaltet werden. Das können wir auf wunderbare Weise verfolgen bis in unsere Zeit, in unser Rechtssystem.

Im Wochenabschnitt Dewarim können wir die Wirkung göttlicher Gesetzgebung regelrecht erkennen. Auch wenn Menschen selbst heute das System »Auge um Auge und Zahn um Zahn« noch teilweise falsch interpretieren, so wissen wir doch, was die Tora uns auf ihre Art mitgegeben hat: einen zivilisatorischen Neuanfang und ein gerechteres Leben für uns und unsere Kinder.
g Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK).
inhalt

INHALT
In der Paraschat Dewarim wird beschrieben, wie Mosche kurz vor der Überquerung des Jordans auf die Wanderung durch die Wüste zurückblickt. Er erinnert an die schlechten Nachrichten der Spione und sagt, dass Jehoschua an seine Stelle treten wird. Dann erinnert Mosche an die 40-jährige Wanderung und die Befreiung der ersten Generation aus Ägypten. Seiner Meinung nach gehört das, was die Eltern erlebt haben, zum Schicksal ihrer Kinder. Wozu sich die Vorfahren am Sinai verpflichtet haben, ist auch für die Nachkommen bindend. Es wird bestimmt, mit welchen Völkern sich die Israeliten auseinandersetzen dürfen und mit welchen nicht. Mosches Bitte, das Land Israel doch noch betreten zu dürfen, lehnt Gott ab.
5. Buch Mose 1,1 – 3,22

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