Schawuot

Nur kein Neid

Foto: Getty Images/ Montage: Marco Limberg

Am Sonntagabend beginnt Schawuot, das Wochenfest. Der jüdischen Tradition zufolge haben wir an Schawuot die Tora erhalten. In den Synagogen werden zum Fest die Zehn Gebote, die »Asseret HaDibrot«, vorgetragen. So auch in diesem Jahr – obwohl in der Pandemie vieles anders ist. Aber vielleicht liest diesmal der ein oder andere das zehnte Gebot mit besonderer Aufmerksamkeit, denn da geht es um Neid (»Du sollst nicht begehren … was deinem Nächsten gehört«).

Derzeit ist ein ganz bestimmter Neid angesagt: der Impfneid. Klar, der Impfstoff ist noch knapp, alles, was knapp ist, weckt Begehrlichkeiten. Aber Missgunst empfinden gegenüber Geimpften, weil sie demnächst in den bayerischen Bergen oder an der Ostsee Urlaub machen oder womöglich bald nach Israel fliegen können, weil für sie die Einschränkungen beim Einkauf oder Familientreffen entfallen?

medien Auch die Medien widmen sich ausführlich dem Thema. Der Berliner »Tagesspiegel« berichtete, dass sich Impfneid breitmache und einer Forsa-Umfrage zufolge rund 40 Prozent der Befragten neidisch auf ihre geimpften Mitbürger seien. Das Blatt fragte, ob wir in einer »Neidrepublik Deutschland« leben und was der Umgang mit dem Glück der anderen über uns verrät. Die BZ meinte: »Viele, die wollen, dürfen nicht. Viele, die dürfen, melden sich nicht. Viele, die sollen, wollen nicht« und gab sich besorgt: »Spaltet Impfneid die Gesellschaft?«

Die Deutsche Presse-Agentur schrieb, viele Forscher seien der Ansicht, dass der Vergleich mit anderen zur menschlichen Evolution gehört, und zitierte Isabella Heuser, Direktorin der Klinik und Hochschulambulanz für Psychiatrie und Psychotherapie an der Berliner Charité, die im Impfneid ein Gefühl von Zurücksetzung erkennt: »Dahinter steckt die Angst, dass man zu kurz kommt und an Covid erkrankt, auch schwer.« Diese Angst ist verständlich – der Impfneid hingegen ist es nicht.

Neid ist kein Phänomen unserer Zeit, es ist aber schon immer Grundlage vielfältigen Übels.

Von Impfneid war in der Tora noch nicht die Rede, aber von Missgunst in Bezug auf Besitz, Familienglück, Wohlstand und Erfolg des anderen.
Neid ist ein starkes Gefühl. Man muss auch gönnen können, sagen die einen. Unsere jüdische Tradition lehrt uns, dass wir uns bemühen müssen, Gefühle zu beherrschen, und uns klarmachen, dass G’tt Ursprung allen Seins ist, dass er jeden mit dem versorgt, was er physisch und spirituell braucht. Das bedeutet nicht, dass wir uns nicht um etwas bemühen und unsere Ziele verfolgen sollten. Auch können wir uns an anderen orientieren. Aber eben ohne Missgunst.

kain und abel Neid ist kein Phänomen unserer Zeit, es ist aber schon immer Grundlage vielfältigen Übels – davon ist in der Tora zu lesen. Das beginnt bereits bei Kain und Abel, die um Anerkennung und Zuwendung der Eltern rangen. So etwas muss nicht immer in einem Mord enden, wie in der biblischen Geschichte. Aber auch der talmudische Weise Rabbi Elazar Ha-kappar hat schon in den »Sprüchen der Väter« (4,1) festgestellt, dass der Neid »einen Menschen aus dieser Welt bringt«. Und König Salomon schrieb in Mischlei (14,30): »Ein gütiges Herz ist des Leibes Leben; aber Neid ist Knochenfraß.«

Gerade in einer solchen Naturkatas­trophe, die wir mit der Corona-Pandemie erleben, brauchen wir das »Wir« so dringend, die Gemeinsamkeit, die Solidarität.

Der ehemalige britische Oberrabbiner Jonathan Sacks sel. A. hat in einem seiner Essays geschrieben, dass wir einen moralischen Kompass brauchen, ein Navigationssystem, das uns den richtigen Weg durch die Zeiten weist. Und so feiern wir an Schawuot den Moment vor rund 3300 Jahren, als unsere Vorfahren den Bund mit G’tt schlossen und die Verkündung der Zehn Gebote hörten. Diese und die weiteren Gesetze der Tora sind der moralische Kompass. Und der zeigt uns, so Sacks, dass wir in der Gesellschaft unbedingt wieder vom »Ich« zum »Wir« kommen müssen.

Gerade in einer solchen Naturkatas­trophe, die wir mit der Corona-Pandemie erleben, brauchen wir das »Wir« so dringend, die Gemeinsamkeit, die Solidarität. Das war und ist in dieser Situation zuallererst die Solidarität mit den Älteren und Vorerkrankten. Und auch, wenn es manche Irritation bei den Impfprioritäten gibt, so ist die Reihenfolge und die Absicht, sich erst um die Schwachen zu kümmern, gut und richtig.

ideal Dieses Ideal findet sich auch in einer tiefgründigen Interpretation eines ande­ren Spruchs der Väter (4,1): »Wer ist reich? Wer sich an seinem Anteil erfreut.« Statt ihn so zu verstehen, dass jeder sich mit dem für ihn oder sie beschiedenen Anteil zufriedengeben und sich damit glücklich schätzen soll, kann man den Satz auch so lesen: Wer ist reich? Wer sich an seinem, also dem des Nächsten, Anteil erfreut! Mein Reichtum drückt sich also über meine Freude aus, dass andere etwas bekommen haben.

Freuen wir uns mit den bereits Geimpften, dass sie geschützt sind. Und den derzeit noch Ungeimpften kann es ein Trost sein zu wissen, dass die Impfung jedes anderen das Infektionsrisiko für alle senkt. Und wenn sich nun so viele über die Immunisierung Gedanken machen, scheint doch auch die Impfbereitschaft derart schnell gestiegen zu sein, dass wir hoffentlich bald – mit G’ttes Hilfe – die Pandemie hinter uns lassen können.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Frankfurt/Main und Mitglied des Vorstandsbeirats der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD).

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