Moral

Nicht alles ist relativ

»Und es wandeln Nationen in deinem Lichte und Könige bei deinem Sternenglanz.« (Jesaja 60,3) Foto: Fotolia

Es ist gut ein Jahrhundert her, da revolutionierte ein jüdischer Wissenschaftler unser Verständnis von Raum und Zeit. Und mit dem physikalischen Nachweis der von Albert Einstein zu Beginn des 20. Jahrhunderts erarbeiteten Relativitätstheorie sickerte eine weitere vermeintliche Erkenntnis in die Köpfe der Menschen ein, nämlich die, wonach alles in der Welt relativ sei.

Dabei ging es Einstein nicht im Entferntesten darum, die Relativitätstheorie als Nachweis für die Eingeschränktheit gesellschaftlicher, politischer, kultureller oder religiöser Modelle zu gebrauchen. Vielmehr bezog sich seine Theorie ausschließlich auf die Relativität von Zeit und Raum unter Berücksichtigung unterschiedlicher Standpunkte des Beobachters.

Das änderte jedoch nichts daran, dass fortan eine Form des Denkens Einzug hielt, die alles als relativ, als Frage des Standpunktes erachtete: Politische Modelle sind relativ, kulturelle Errungenschaften sind relativ, und Schönheit liegt erst recht im Auge des jeweiligen Betrachters, wie wir alle wissen.

standpunkt Und was ist mit den zumindest in der westlichen Welt so viel gepriesenen unveräußerlichen Menschenrechten? Alles eine Frage des Standpunktes. Das dürften auch die theokratischen oder diktatorischen Herrscher der meisten arabischen oder afrikanischen Staaten unterschreiben. Und da wir ja alle so tolerant und weltoffen sind, tolerieren wir das natürlich auch.

Und wo bleibt die Moral? Gibt es denn keine universellen Werte? Sofern Sie die Relativisten fragen, können Sie sich die Antwort selbst geben. Alles ist eben relativ, richtig?

Stellen Sie diese Frage hingegen einem traditionellen Juden, erhalten Sie als Antwort ein vehementes »Falsch!«. Für einen Juden sind diese Ideen, Konzepte und Erklärungsversuche vollkommen abwegig. Denn für uns gibt es ein elementares und tiefgreifendes Konzept, das im krassen Widerspruch zu allen Relativierungsversuchen steht. Es ist absolut und unteilbar, zeitlos und universell: der ethische Monotheismus.

Es ist die untrennbare Verknüpfung des Glaubens an den einen und einzigen G’tt und seine ethische und sittliche Ausprägung. Der Ewige ist einzig, allmächtig und unendlich und deshalb nicht nur Schöpfer des Universums, der Welt und alles Lebenden, sondern konsequenterweise auch Schöpfer und Quelle einer absoluten Moral.

Kritiker und Relativisten dieser jahrtausendealten Vorstellung führen allerlei Erklärungsmodelle, Ideologien und Philosophien ins Feld, um die Idee von absoluten Werten, von unveräußerlichen Rechten und von G’tt als dem einzigen Ursprung moralischer Grundüberzeugungen zu torpedieren und für veraltet zu erklären.

Ursprung Doch um ehrlich zu sein, ist mir bis heute noch keine Erklärung zu Ohren gekommen, die in der Lage gewesen wäre, ernsthafte Zweifel an den Grundfesten dieser universellen Idee zu wecken. Denn wenn wir den ethischen Mono-
theismus ablehnen, woher kommt dann Moral?

Sicher, es gibt Erklärungsversuche. Etwa diesen, wonach Moral sich während der Evolution entwickelt habe, also quasi eine evolutionäre Begleiterscheinung sei. Oder den, wonach Moral ein dem Menschen schon seit jeher innewohnender Wert sei.

Doch wenn sie sich entwickelt hat, woraus ist sie dann hervorgegangen? Und wenn sie ein dem Menschen innewohnender Wert ist, wie und weshalb ist sie dort entstanden? Woher wissen wir, was gut oder schlecht, was richtig oder falsch ist?

Ein Mensch, der nicht an eine absolute Moral glaubt, kann unmöglich an »das Richtige« und »das Falsche« glauben. Er kann sich Meinungen darüber bilden, was er für richtig oder falsch hält. Er kann etwas subjektiv für gut oder schlecht erachten, aber es gibt für ihn keine objektive Wirklichkeit, die ihm absolute Werte vermittelt.

Ob etwas für gut oder schlecht erachtet wird, hängt dann nämlich von persönlichen Empfindungen, von Meinungen und gesellschaftlichen Stimmungen ab. Die Geschichte aber hat uns gelehrt, dass wir uns auf die Gesellschaft in dieser Frage nicht verlassen können. Totalitäre Ideologien wie der Kommunismus und insbesondere der Nationalsozialismus haben uns im vorigen Jahrhundert auf erschreckende Weise vor Augen geführt, wozu Gesellschaften fähig sind, deren Moral auf einem eigenen Welt- und Werteverständnis beruht.

Amoralisch Aus Sicht der Nazis und ohne objektives Werte-Korrelativ fühlten sie sich im Recht, als sie damit begannen, den größten industrialisierten Völkermord der Geschichte auszuführen.

Sie bewerteten die Reinheit der »arischen Rasse« schlicht höher als das Recht eines Juden auf Würde, körperliche Unversehrtheit und Leben. Warum auch nicht, wenn es keinen objektiven moralischen Maßstab gibt, an dem sich diese Entscheidung messen muss? Und obwohl Deutschland seinerzeit als Kulturnation galt, hinderte das die deutsche Gesellschaft nicht daran, alle Grundlagen zivilisierten Zusammenlebens durch millionenfachen Mord über Bord zu werfen und diese Monstrosität schließlich auch noch vor sich selbst und der Welt zu rechtfertigen. Warum auch nicht, wenn es kein anerkanntes und als absolut verstandenes g’ttliches Gebot gibt, das uns das systematische Morden von Unschuldigen verbietet?

Kultur, Zivilisation und eine hochgebildete Gesellschaft allein sind keine Garanten dafür, das Gute, das Richtige zu tun. Oft wird noch bis heute die Frage gestellt, wie eine Kulturnation wie Deutschland, die Goethe und Schiller hervorgebracht hat, etwas wie Auschwitz habe schaffen können. Eine Antwort lautet, dass Auschwitz gerade deshalb möglich war.

Denn Kultur und Bildung sind nicht gleichbedeutend mit Moralität und ethischem Verhalten. Kultur, Bildung und Wissen sind nicht aus sich heraus moralisch. Oder wie es Rabbi Joseph Soloveitchik, einer der bedeutendsten Rabbiner des vorigen Jahrhunderts ausdrückte: »Die größte Lektion des 20. Jahrhunderts ist, dass wir aufhören müssen, Zivilisation mit Anstand, Wissen mit Weisheit und Kultur mit Moral zu verwechseln.«

Wir Juden haben dies seit Tausenden von Jahren verinnerlicht und wissen, dass wir in dem Moment, in dem wir den Ursprung moralischer Werte von seiner eigentlichen Quelle trennen, der Amoralität Tür und Tor öffnen.

Fundament Der amerikanische Theologe Will Herberg schrieb darüber in seinem Buch Judaism and Modern Man: »Der Versuch, der in den letzten Jahrzehnten von säkularen Denkern gemacht wurde, die moralischen Prinzipien der westlichen Zivilisation von ihrem auf den Schriften basierenden religiösen Kontext zu lösen, in der Gewissheit, sie könnten ein Eigenleben als humanistische Ethik leben, hat zu unserer sogenannten Schnittblumen-Kultur geführt. Schnittblumen behalten ihre ursprüngliche Schönheit und ihren Duft zunächst. Allerdings nur so lange, wie sie die Lebenskraft behalten, die sie aus ihren mittlerweile abgeschnittenen Wurzeln ziehen. Wenn diese erschöpft ist, verwelken und sterben sie. Genau so ist es mit Freiheit, Brüderlichkeit, Gerechtigkeit und persönlicher Würde – die Werte, die das moralische Fundament unserer Zivilisation darstellen. Ohne die belebende Kraft des Glaubens, aus der sie entstanden sind, besitzen sie weder Sinn noch Vitalität.«

Ein Jude, zumindest ein traditioneller, läuft so schnell nicht Gefahr, die ethischen Grundlagen unserer Zivilisation abzustreifen und deren Ursprung zu verleugnen. Dafür sorgt nicht nur sein unbedingtes Vertrauen in den Schöpfer, sondern auch ein weiteres Werkzeug, dessen er sich dauernd bedienen kann, um die moralischen Grundlagen unserer Zivilisation nicht zu verwässern.

Denn mit der Tora hat G’tt uns ein Handbuch mit auf den Weg gegeben, um ein moralischer Mensch zu werden. Eine Anleitung, um uns und der Welt ethisches Verhalten zu vermitteln. Oder einfacher gesagt: ein guter Mensch zu sein. Denn »Gutsein« erklärt sich nicht aus sich selbst heraus. Um wirklich gut zu sein und Gutes zu tun, bedarf es einer Gebrauchsanweisung. Das heißt nicht, dass es nicht auch möglich wäre, abseits der Kenntnis der Tora und sämtlicher g’ttlicher Gebote moralisch zu handeln und Gutes zu tun.

Doch um eine konsequente Umsetzung dieser Ideale und Prinzipien zu erreichen, ist es einfach notwendig, dass diese zusammengefasst, systematisiert und als Gesetze mit verbindlichem Charakter verstanden werden.

Leuchtfeuer Als G’tt mit uns Juden den Bund am Berg Sinai schloss und uns sein Gesetz offenbarte, hat er uns gleichzeitig den Auftrag erteilt, uns auf eine Mission zu begeben: Die g’ttlichen Gesetze zu leben und zu verkünden; als Vorbild für die Menschheit zu dienen und die Vision eines friedlichen Zusammenlebens zu fördern; ein Licht unter den Nationen zu sein und so elementare Werte wie das Verbot des Mordens oder des Stehlens zu verbreiten. Und wir Juden verpflichteten uns, die Idee des ethischen Monotheismus in die Welt zu tragen. Als Leuchtfeuer für die ganze Menschheit.

Sicher, es lässt sich kaum leugnen, dass es auch unter Juden Mörder und Diebe gibt. Deshalb: Wenn Sie sich mit einem Blick auf unsere Welt nun fragen, wie weit wir mit der Verbreitung unseres jüdischen Leuchtfeuers bisher gekommen sind, so kann die Antwort nur lauten: noch nicht weit genug. Relativ gesehen zumindest.

Der Autor ist Geschäftsführer des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen.

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