Schabbat

Nachts, wenn alles schläft

Marc Chagall: »Jakobs Traum« (1960–1966), Öl auf Leinwand, Musée national Marc Chagall Nizza Foto: Ullstein

Stellen Sie sich vor: Sie schlafen und träumen, dass Sie eine Million Euro gewinnen. Würden Sie sich am gleichen Tag einen Lottoschein besorgen? Werden Sie Ihrer Familie und Freunden davon erzählen? Oder vergessen Sie den Traum, weil Sie davon ausgehen, dass Träume meist nicht wahr werden?

Meine Großmutter hatte manchmal sehr reale Träume und erzählte uns davon. Ich stellte mir daraufhin oft die Frage, woher unsere Träume eigentlich kommen, welche Rolle ihre Deutung spielt und wie man zwischen einem realen und einem gewöhnlichen Traum unterscheidet.

Unser Wochenabschnitt beginnt und endet mit Träumen. Zu Beginn träumt Josef und erzählt seiner Familie davon. Am Ende deutet Josef erfolgreich die Träume von zwei Ministern des Pharaos. Dieser Wochenabschnitt könnte uns dabei helfen, das Geheimnis der Träume zu begreifen.

Konflikt Die Tora erzählt uns, dass Jakow Josef mehr als seine anderen Söhne liebte und für ihn besondere Kleidung anfertigte. Dies führte zu Spannungen zwischen Josef und seinen Brüdern. Dass Josef ihnen den Traum dann auch noch erzählte, verstärkte den Konflikt.

Josef sprach zu seinen Brüdern: »Hört bitte diesen Traum, den ich geträumt habe: Und siehe, wir banden Garbenbünde auf dem Feld, und siehe, es erhob sich mein Garbenbund und blieb stehen. Und siehe, ringsum stellten sich eure Garbenbünde und beugten sich vor meinem Garbenbund« (1. Buch Mose 37, 6–7).

Rabbiner Chaim ibn Atar (1696–1743), der nach seinem Torakommentar auch Or HaChaim genannt wird, fragt, warum Josef seinen Brüdern den Traum erzählte. Er hätte doch wissen müssen, dass dies die Spannungen zwischen ihnen verstärken würde. Der Or HaChaim antwortet: Im Talmud (Brachot 55b) stehe, ein Traum gehe gemäß der Deutung in Erfüllung, und man solle zu einer gut gesinnten Person gehen, um sich den Traum deuten zu lassen. Deshalb ging Josef zu den Brüdern und erzählte ihnen den Traum. Er glaubte, sie würden verstehen, dass er ihnen gegenüber keinerlei negative Gefühle hat und sie liebt und so Frieden mit ihnen schließen könnte.

Weiterhin erklärt der Or HaChaim: Josef wollte, dass seine Brüder den Traum noch am selben Tag hören. Denn im Talmud steht, dass die Deutung eines Traumes am selben Tag erfolgen soll (Schabbat 11a).

Übertreibung Der Or HaChaim macht uns darauf aufmerksam, dass Josef dreimal »und siehe« sagt, und erklärt uns, wie man zwischen einem wahren Traum und einem gewöhnlichen Traum unterscheiden kann. Er schreibt, ein wahrer Traum werde so klar und deutlich, dass es dem Menschen so vorkomme, als träume er gar nicht. Ein Traum hingegen, der von Übertreibung und ständig wechselnder Umgebung geprägt ist, sei ein gewöhnlicher Traum. Josef sagt dreimal »und siehe«, weil er zum Ausdruck bringen möchte, dass sein Traum wahr ist, denn so deutlich und klar war er, dass Josef den Eindruck hatte, er würde gar nicht träumen.

Doch seine Brüder glaubten ihm nicht. Woran könnte das liegen? Der Or HaChaim bezieht sich auf die Gemara Brachot 55b, welche die Worte von Rabbi Schmuel bar Nachmani im Namen von Rabbi Jochanan zitiert, basierend auf Daniel 2,29, wonach der Inhalt des Traumes das beinhaltet, was der Mensch im wachen Zustand im Sinn hat.

Die Brüder dachten, dass Josef über die Macht nachdenkt und wohl aus diesem Grund solch einen Traum hatte – einen gewöhnlichen und keinen wahren Traum.

Wir sehen an dieser Stelle in der Gemara, dass ein Traum einfach die Folge unserer Gedanken sein kann. Wenn wir also herausfinden wollen, ob ein Traum wahr sein könnte, sollten wir erst einmal prüfen, ob er etwas beinhaltet, worüber wir zuvor nachgedacht haben. In diesem Fall wäre es ein gewöhnlicher Traum. Meistens handelt es sich um solche Träume.

Engel Doch manchmal haben wir auch wahre Träume. Laut der Gemara kommen sie von Engeln. Diese Träume können teilweise Wahres enthalten. Rabbi Jochanan beschreibt, ebenfalls in Brachot 55b, drei Arten von Träumen, die in eine solche Kategorie passen könnten: 1) einen Traum, den man am Morgen vor dem Aufwachen hat; 2) einen Traum, den eine andere Person von jemandem hat; 3) einen Traum, der in demselben Traum erklärt wird.

Des Weiteren gibt es eine zusätzliche Meinung, die besagt, dass ein Traum als wahr gilt, wenn dieser mehrere Male wiederkehrt. Rabbiner Schmuel Edels, der Maharscha (1555–1631), lehrt, dass diese vier Arten von Träumen keine Deutung brauchen.

Andere Träume hingegen bedürfen fast immer einer Deutung, wie der Talmud lehrt: »Ein nicht analysierter Traum ähnelt einem ungelesenen Brief.« Und man muss den Traum zum Guten deuten.

Der Talmud (Brachot) erzählt hierzu eine interessante Geschichte: Zwei Talmudgelehrte, Abaje und Rawa, hatten den gleichen Traum und gingen zu einem Traumdeuter namens Bar Chedia. Abaje bezahlte für die Traumdeutung und erhielt eine positive Deutung des Traums, während derselbe Traum für Rawa, der nicht bezahlte, schlecht ausgelegt wurde.

Alle Träume gingen entsprechend der jeweiligen Deutung in Erfüllung: Abaje widerfuhren gute Dinge und Rawa schlechte. Später, nach einem anderen Traum, ging Rawa allein zu Bar Chedia und zahlte diesmal für die Deutung. Er erhielt eine positive Deutung, die sich auch erfüllte.

Und eines Tages waren Rawa und Bar Chedia zusammen auf einem Schiff, und als Bar Chedia das Schiff verließ, verlor er ein Buch. Rawa fand das Buch und las darin, dass alle Träume gemäß der Traumdeutung in Erfüllung gehen.

Ein Traum kann also unterschiedlich interpretiert werden. Der Talmud (Brachot 55b) erzählt von Rabbi Banaa, der einen Traum hatte und zu allen 24 Traumdeutern ging, die es in Jerusalem gab. Und jeder von ihnen interpretierte seinen Traum anders. Aber am Ende verwirklichten sich alle 24 Deutungen des Traums.

Auch Josefs Träume gingen in Erfüllung, wie uns die Tora in den nächsten Kapiteln erzählen wird. Allerdings musste er 22 Jahre darauf warten. Doch die Erfüllung der Träume brachte letztendlich Frieden zwischen den Brüdern und Josef und zeigte, dass sich alles zum Guten wendet.

Der Autor studiert am Rabbinerseminar zu Berlin.

Inhalt
Der Wochenabschnitt Wajeschew erzählt, wie Josef – zum Ärger seiner Brüder – von seinem Vater Jakow bevorzugt wird. Zudem hat Josef Träume, in denen sich die Brüder vor ihm verneigen. Eines Tages schickt Jakow Josef zu den Brüdern hinaus auf die Weide. Die Brüder verkaufen ihn in die Sklaverei nach Ägypten und erzählen dem Vater, ein wildes Tier habe Josef gerissen. Jakow glaubt ihnen. In der Sklaverei steigt Josef zum Hausverwalter auf. Doch nachdem ihn die Frau seines Herrn Potifar der Vergewaltigung beschuldigt hat, wird Josef ins Gefängnis geworfen. Dort lernt er den königlichen Obermundschenk sowie den Oberbackmeister des Pharaos kennen und deutet ihre Träume.
1. Buch Mose 37,1 – 40,23

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