Tradition

Nach außen leuchten

Sonne ist Licht Foto: fotolia

Tradition

Nach außen leuchten

Warum wir zum Versöhnungsfest Kerzen entzünden und an Hoschana Raba unseren Schatten entdecken

von Rabbiner Schlomo Afanasev  13.09.2010 10:49 Uhr

Sind Licht und Schatten Gegensätze? Bedeutet die Präsenz des einen automatisch die Abwesenheit des anderen? Die jüdischen Weisen erklären, dass jedes Phänomen, jede noch so einfache und selbstverständliche Sache, die in dieser Welt existiert, gemacht wurde, um uns heute etwas zu lehren.

Widmen wir uns also zunächst der Frage: Was ist Licht? Es ist wohl das Spirituellste des Physischen. Unfassbar und unerklärlich mit nur einer Theorie, lebensnotwendig und mystisch, obwohl so alltäglich.

Es ist eine religiöse Tradition, in hebräisch geschriebenen Briefen nach dem Namen des Empfängers die Buchstaben Jud und Nun hinzuzufügen. Dies ist eine Abkürzung von »Je’ir Nero«, sein Licht soll leuchten. Damit wird der Wunsch ausgedrückt, dass das Lebenslicht des Adressaten weiter leuchten, er also weiter leben möge. Doch woher stammt der Wunsch, dass das Licht lange leuchten soll? Was genau wird damit gewünscht, und warum wird das Licht dem Leben selbst gleichgesetzt?

Geschichte Es ist ein uralter Brauch, vor Jom Kippur ein Licht in die Synagoge zu bringen. Erlischt es noch am selben Tag, dann gilt dies als böses Omen für den Spender. Es gibt aus dem 13. Jahrhundert die Geschichte von Rabbi Jechiel, dem Vater der Roschs (Asher ben Jechiel), dessen Kerze noch am Abend von Jom Kippur in der Synagoge erlosch. Rabbi Jechiel erschrak so heftig, dass er bald darauf während des Laubhüttenfestes verstarb.

Im Talmud wird berichtet, wie der letzte Hohepriester an Yom Kippur das Allerheiligste im Jerusalemer Tempel betrat und sah, dass das Ewige Licht nicht mehr brannte. Er deutete dies richtig mit dem bevorstehenden Untergang des Heiligtums.

Taten Aus diesen Geschichten könnten wir verstehen, dass das Licht das Leben selbst ist. Doch das täuscht. Das wird durch die parabelhaften Erklärungen unserer Weisen deutlich. Denn dort wird der lichte Tag mit den Taten guter Menschen verglichen und die Nacht mit den Taten schlechter Menschen. Das Licht ist also nicht nur das Leben. Denn schlechte Menschen leben auch. Vielmehr ist das Licht das Gute, das wir aus unserem Leben machen. Wir wünschen einander somit nicht nur das biologische Leben, sondern ein Leben, das nach außen leuchtet, ein Leben, das andere wie eine Kerze inspiriert und begeistert.

Dann sollte doch der Schatten, die Dunkelheit das unerwünschte Gegenteil sein. In der Halacha, der jüdischen Gesetzgebung, ist nur zweimal vom Schatten die Rede: Einmal heißt es, dass die Heiligung des Neumondes zu einer Zeit stattfinden soll, wenn die durch den Mondschein erzeugten Schatten sichtbar sind. Und dann heißt es noch, dass es ein schlechtes Zeichen ist, wenn man in der Nacht von Hoschana Raba seinen eigenen Schatten nicht sieht.

Schlussfolgerung Stellt sich die Frage, warum der Schatten gesehen wird, wenn unser Ziel doch das Licht ist? Das Fest von Hoschana Raba ist eine Fortsetzung der Hohen Feiertage und wird in einigen Aspekten Jom Kippur gleichgesetzt. Am Jom Kippur konzentrieren wir uns unter anderem auf unsere Schattenseiten, in dem wir sie benennen und um Vergebung bitten. Wer aber an Hoschana Raba keinen Schatten an sich entdeckt, in dieser dem Jom Kipur gleichgestellten Nacht sich also als makellos wahrnimmt, für den ist es ein böses Zeichen. Es ist der Hinweis darauf, dass er die Bedeutung dieser Nacht nicht verstanden hat. Und es macht deutlich, dass er es nicht gewohnt ist, an sich selbst zu arbeiten, seinen Charakter zu verbessern. Man muss schon seine Schattenseiten erkennen. Denn erst durch das aufrichtige Bereuen der Fehler und die Schlussfolgerungen daraus können wir, verbunden mit den guten Vorsätzen, die Schatten- zu Sonnenseiten machen.

Jeder von uns hat seine Schwächen. Wir sind hier, um bessere Menschen zu werden, um Hürden zu nehmen. Ein Schatten existiert nur, wenn auch eine Lichtquelle da ist. Nur wenn ich meine Schwächen im Verhältnis zum Licht sehe, wenn die Lichtquelle die Orientierung und der Maßstab ist, kann ich diese erkennen und mich daran orientiern. Wir sollten alle mehr Licht nach innen und nach außen bringen.

Der Autor war Student des Rabbinerseminars zu Berlin und wurde am 31. August in Leipzig ordiniert.

Schemot

Mutige Hebammen

Die Tora lehrt, dass Zivilcourage oft im Verborgenen beginnt – bei Menschen, die keine Chronik nennt

von Rabbiner Joel Berger  09.01.2026

Talmudisches

Fledermaus

Unsere Weisen diskutieren: Handelt es sich um ein Kriechtier unter den Vögeln oder einen Vogel unter den Kriechtieren?

von Rabbinerin Yael Deusel  09.01.2026

Piraten

Ahoi vey!

Entführte Rabbiner und Sefarden auf Kaperfahrt: Ein unbekanntes Kapitel jüdischer Geschichte

von Sophie Goldblum  08.01.2026

Wajechi

Wenn Taten Segen bringen

Wie jeder einzelne Mensch durch sein Tun Engel erschaffen kann

von Vyacheslav Dobrovych  02.01.2026

Talmudisches

Sorge dich nicht!

Was unsere Weisen über den Umgang mit Angst und innerer Unruhe lehren

von Detlef David Kauschke  02.01.2026

Begegnung

»Ich sehe keinen Gegensatz zwischen Toralernen und dem Militärdienst«

Die politische Lage in Israel wirft viele halachische Fragen auf. Rabbiner Ofer Livnat versucht, differenzierte Antworten zu geben

von Peter Bollag  02.01.2026

Neujahr

Am achten Tag

Auch Jesus wurde beschnitten – für die Kirchen war das früher ein Grund zum Feiern

von Rabbiner Walter Rothschild  01.01.2026 Aktualisiert

Brauch

Was die Halacha über Silvester sagt

Warum man Nichtjuden am 1. Januar getrost »Ein gutes neues Jahr« wünschen darf

von Dovid Gernetz  01.01.2026

Tradition

Jesus und die Beschneidung am achten Tag

Am 1. Januar wurde Jesus beschnitten – mit diesem Tag beginnt bis heute der »bürgerliche« Kalender

von Rabbiner Jehoschua Ahrens  01.01.2026 Aktualisiert