Geschichte

Mythen und Makkabäer

Judas, der Makkabäer, besiegt die Feinde und reinigt den Tempel: Holzschnitt von Julius Schnorr von Carolsfeld 1860 Foto: dpa

Der britisch‐amerikanische Journalist Christopher Hitchens (1949–2011) war ein Kampfatheist. Jedes Jahr im Dezember schrieb er einen furiosen Artikel über jenen »moralischen und ästhetischen Albtraum«, der Weihnachten heißt und die Vereinigten Staaten einen Monat lang in einen kitschtriefenden Einparteienstaat verwandelt, dessen Hymne I’m dreaming of a White Christmas lautet.

Weil Hitchens aber ein Mann war, der seine Wutanfälle schön gleichmäßig über die Landschaft zu verteilen pflegte, ließ er es nicht bei seinem Anti‐Weihnachtsartikel bewenden. Er stellte ihm alle Jahre wieder einen Frontalangriff auf Chanukka zur Seite. Dieser Angriff machte ihm umso mehr Spaß, seit er spät in seinem Leben herausgefunden hatte, dass seine englische Mutter in Wahrheit eine Wiener Jüdin gewesen war.

theokratie Was also sprach in den Augen von Hitchens gegen Chanukka, das schöne Familienfest, bei dem man Kerzen anzündet und es sich anschließend mit Latkes wohlergehen lässt? Kurz gesagt: Alles. Schließlich wird hier ein Aufstand gegen den Hellenismus gefeiert, also gegen den Fortschritt. Den Erben von Alexander dem Großen, schrieb Hitchens, sei es glücklicherweise gelungen, viele Juden von der Religion ihrer Väter wegzulocken – also »den Opfern, den Beschneidungen, dem Glauben an eine ganz besondere Beziehung mit Gott und anderen reaktionären Erscheinungsformen eines uralten und grausamen Kultes«.

Endlich konnten die Juden auf Griechisch die Schriften von Platon und Aristoteles lesen, statt sich mit den »düsteren alten Prozeduren der Tora« den Alltag zu vermiesen. Doch dann kamen Judas Makkabäus und seine Bande von engstirnigen jüdischen Nationalisten daher und machten alles kaputt. Sie metzelten die Hellenisten nieder und weihten den Tempel mit seinen Tieropfern wieder ein.

Die Kerzen von Chanukka, schrieb Hitchens, verbreiteten deshalb nicht Licht, sondern Dunkelheit – sie seien Symbole einer finsteren Theokratie. Dass man im Winter überall in Amerika riesige achtarmige Leuchter aufstellt, hielt er deshalb für einen blanken Skandal: »Die Zurschaustellung der Menora zu dieser Jahreszeit … hat eine exakte Bedeutung, sie feiert schamlos den ursprünglichen Triumph des blutrünstigen Glaubens über die Vernunft und die Aufklärung.« Also: weg damit!

tyrannei Was soll man dazu sagen? Hatte Hitchens nicht ganz einfach Recht? Gibt es einen anderen Grund, Chanukka zu feiern, als die schlichte Gewohnheit? Wo steckt der Fehler in seinem Argument?

Zunächst einmal sollte in diesem Zusammenhang erwähnt werden, dass Christopher Hitchens anno 2003 – zum Entsetzen seiner linken Freunde – den Krieg der Amerikaner gegen den Irak des Saddam Hussein unterstützte. Gegenargumente à la »Kein Blut für Öl« konnten ihn nicht beeindrucken: Hitchens war dafür, dieses Régime mit Gewalt zu stürzen, das lange genug die Kurden geschlachtet, die schiitischen Araber malträtiert und die Sunniten unterdrückt hatte.

Im Lichte seines Anti‐Chanukka‐Artikels fragt man sich allerdings, warum Hitchens diese Meinung vertrat. Schließlich war Saddam Hussein alles andere als ein religiöser Fundamentalist. Ihm ging es um die Macht, nicht um Allah. Und nach seinem Sturz lebten reaktionäre Bräuche wieder auf: Die Schiiten pilgern seither wieder zu ihrem Aschura‐Fest, um sich bis aufs Blut zu geißeln und des dritten Imams zu gedenken, der in der Schlacht von Kerbela den Märtyrertod fand. Unter Saddam war diese öffentliche Orgie der Trauer verboten gewesen. Hätte Christopher Hitchens den irakischen Diktator nicht als Helden der Aufklärung feiern müssen, als mächtigen Bündnisgenossen, statt seinen Sturz zu fordern?

gegengott Antiochus IV. Epiphanes, jener Seleukidenherrscher, gegen den sich der Makkabäeraufstand richtete, war keine Lichtgestalt. Er hat weder ein Toleranzpatent verkündet noch die Trennung von Staat und Religion. Er war so etwas wie ein antiker Saddam Hussein. Der Beiname »Epiphanes«, den er sich selbst gab (»der Erscheinende«), bedeutete, dass er wie ein Gott verehrt werden wollte und keine anderen Götter neben sich duldete; schon gar nicht den Gott eines Sklavenvolkes, der ebendiesem Volk die Freiheit versprochen hatte.

Dieser Herrscher des Seleukidenreiches hat den Tempel in Jerusalem nicht in eine Akademie verwandelt, in der Gelehrte in weißen Gewändern herumwandelten und die Schriften von Platon und Aristoteles studierten. Stattdessen hat er dort eine Zeusstatue aufstellen und Schweine schlachten lassen. Juden, die an der Beschneidung und an den Geboten der Kaschrut festhielten, wurden nicht mit sanften Worten von den überlegenen Werten des Hellenismus überzeugt. Sie wurden hingerichtet, oft mit ihren gesamten Familien.

Überhaupt muss man feststellen, dass jenes Bild des antiken Griechenland, das Hitchens in seinem Artikel pflegt, ungefähr dem Forschungsstand von 1755 entspricht. Damals veröffentlichte Johann Joachim Winckelmann eine Schrift, in der er verbreitete, das Ideal des Griechentums sei »edle Einfalt, stille Größe« gewesen.

Natürlich war das schon damals Blödsinn. Wer Quellen kennt, der weiß, dass es bei den alten Griechen ebenso Massaker und Genozide gab wie bei den anderen Völkern; dass die griechischen Götter gelegentlich Menschenopfer forderten; dass es in dieser Kultur als normal galt, kleine Jungen zu vergewaltigen; dass seine Mitbürger den größten griechischen Philosophen zum Tode verurteilten, weil er Monarchist war; dass – davon handelt der Ödipus des Sophokles – die Geburtenkontrolle durch Mord an Babys praktiziert wurde.

Und wer jemals Platons Staat gelesen hat (dieses Werk also nicht nur durch lobende Erwähnung kennt), der weiß, dass dort schon das gesamte Programm des modernen totalitären Staates skizziert ist: Euthanasie und Dauerberieselung durch militaristische Propaganda inklusive.

gewaltliteratur Gewiss doch, die Makkabäerbücher der Bibel sind eine verstörende Lektüre. Sie handeln von Selbstmordattentaten, der Hinrichtung von Verrätern, einem Krieg gegen einen äußeren Feind, der zu einem Bürgerkrieg führt. Auch aus diesem Grund haben die Rabbiner – die eben gerade keine religiösen Fanatiker waren – die Makkabäerbücher nicht in den Kanon der heiligen Schriften aufgenommen: Die Juden sollten nicht auf dumme Gedanken gebracht werden.
Doch wovon handeln die Makkabäerbücher, wenn man sie kalt und vorurteilslos in den Blick nimmt? Von einem nationalen Befreiungskrieg.

Manche Geschichten, die dort verzeichnet sind, könnte auch ein Ire erzählen, der 1916 am Osteraufstand gegen die britische Fremdherrschaft teilgenommen hat. Der große Poet William Butler Yeats schrieb nach jenem Aufstand ein Gedicht, das davon handelt, wie noch der langweiligste Zeitgenosse durch die Bereitschaft verwandelt worden sei, für die irische Nation in den Tod zu gehen: »All changed, changed utterly:/A terrible beauty is born.« Von dieser grundlegenden Verwandlung und »terrible beauty«, dieser schreckenerregenden Schönheit, handelt in seinem Kern das Chanukkafest.

Nun gibt es allerdings gute Gründe, nationalen Befreiungskriegen mit Skepsis zu begegnen. Meistens führen sie nicht dazu, dass man hinterher glücklich unter seinem Feigenbaum sitzt und das Leben genießt; oft bringen sie kriminelle Banden an die Macht. So war es auch nach dem Makkabäeraufstand. Die Hasmonäer erwiesen sich als denkbar korrupte und unfähige Herrscher, denen es binnen 100 Jahren gelang, die nationale Unabhängigkeit der Juden wieder zu verspielen und die Römer ins Land zu holen.

Allerdings haben solche trüben Nachgeschichten die Völker noch nie davon abgehalten, Nationalfeiertage zu begehen. Warum sollten ausgerechnet wir Juden eine Ausnahme sein? Und immerhin richtete der jüdische Befreiungskrieg sich (wie schon erwähnt) gegen einen König, der als Gott verehrt wurde. Wie Lenin, wie Stalin, wie Mao Tse‐tung. Der jüdische Gott dagegen thront hoch über allen Tyrannen, und er nimmt niemals Menschengestalt an. Zur Feier dessen kann man selbst als Atheist ruhigen Gewissens die eine oder andere Kerze anzünden, wenn es rundherum dunkel ist.

Nasso

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