Talmud

Mücken

»Es gibt keine Mücke, die einen Tag alt wird« (Chullin 58b). Foto: Getty Images/iStockphoto

Das Surren der Mücken ist ein Geräusch, das den Sommer begleitet. Dort, wo es heiß ist und es ein Gewässer gibt, vermehrt sich die Mücke. Zwischen Euphrat und Tigris, im Land des Babylonischen Talmuds und am Jarden, dem Jordan, dem Land des Talmud Jeruschalmi, war dies auch so. Damit ist eine Botschaft verbunden. So schreibt es der Talmud.

Im Traktat Sanhedrin (38a) wird erklärt, warum Gʼtt die Tiere vor den Menschen erschaffen hat: Weil dem Menschen, sollte er jemals hochmütig werden, damit gesagt wurde, »dass sogar die Mücke dir vorausging«. Ein »niedriges« Geschöpf, das durchaus in der Lage ist, auch auf Größeres Einfluss zu nehmen. Das ist nicht nur den Menschen der heutigen Zeit klar, wenn man an die vielen Krankheiten denkt, die der Stich einer Mücke verbreiten kann.

Kaiser Titus Im Traktat Gittin (56a) wird uns von Kaiser Titus erzählt, der im Tempel auf einer Torarolle Sex mit einer Prostituierten gehabt haben soll. Damit ist eingeordnet, wie sich Titus dem Judentum gegenüber verhalten hat. Es heißt dann: »Von Titus wird weiter berichtet, dass er einmal auf dem Meer unterwegs war und eine Welle sich gegen ihn erhob und ihn zu ertränken drohte. Titus sprach: Es scheint mir, dass euer Gʼtt nur im Wasser über Macht verfügt. Der Pharao erhob sich und wurde im Wasser ertränkt.

Sisera erhob sich und wurde im Wasser ertränkt. Hier ist er auch gegen mich aufgestanden, um mich im Wasser zu ertränken. Wenn er wahrhaftig mächtig ist, soll er auf dem Land Krieg gegen mich führen. Da ertönte eine gʼttliche Stimme und sagte zu ihm: Böser, Sohn eines Bösen, Enkel Esaws, des Bösen, ich habe ein niedriges Geschöpf in meiner Welt, und es wird Mücke genannt.«

Hier wird übrigens erklärt, warum die Mücke ein »niedriges« Geschöpf ist: »Sie wird so genannt, weil sie einen Eingang zur Nahrungsaufnahme hat, aber keinen Ausgang zur Ausscheidung.«

Dann fährt der Talmud fort mit der Erzählung. Die Stimme ruft: »Steig auf das trockene Land und führe Krieg mit ihr.« Titus tat das: »Eine Mücke kam, drang in sein Nasenloch ein und stach sieben Jahre lang in sein Gehirn – bis er eines Tages am Tor einer Schmiede vorbeikam. Die Mücke hörte den Klang eines Hammers und war still und ruhig. Titus sprach: Das ist ein Mittel gegen meine Schmerzen.

Jeden Tag brachten sie einen Schmied, der vor ihm hämmerte. Einem nichtjüdischen Schmied gab er vier Dinare, zu einem Juden sagte er einfach: Es genügt, dass du deinen Feind mit so viel Schmerzen siehst. Das tat er 30 Tage lang. Da sich die Mücke daran gewöhnt hatte, begann sie erneut, an seinem Gehirn herumzupicken.

Es wird gelehrt, dass Rabbi Pinchas ben Arowa erzählte: Ich war zu jener Zeit unter den Edelleuten von Rom, und als Titus starb, spalteten sie seinen Kopf und fanden, dass die Mücke auf die Größe eines Sperlings angewachsen war, der zwei Sela wog.«

Die Mücke im Kopf des Titus scheint etwas länger gelebt zu haben, denn an anderer Stelle (Chullin 58b) heißt es laut Rav: »Es gibt keine Mücke, die einen Tag alt wird.«

weibchen Rav Papa hingegen sprach zu Abajje (auf demselben Blatt): »Die Leute pflegen ja zu sagen: Sieben Jahre grollte das Mückenweibchen dem Männchen, indem es zu ihm sprach: Du hast einen Mann aus Machosa gesehen, wie er im Wasser badete, heraufstieg und sich in Laken wickelte, dann hast du an ihm gesaugt, ohne es mir mitzuteilen.«

An anderer Stelle (Schabbat 77b) erzählt uns Rabbi Jehuda im Namen Ravs, dass die Mücke darüber hinaus ihre Funktion im Weltgefüge hat: »Von allem, was der Ewige in seiner Welt erschuf, hat er nichts unnötig erschaffen. Er erschuf die Schnecke gegen die Wunde; die Fliege gegen die Wespe; die Mücke gegen die Schlange; die Schlange gegen Krätze; die Spinne gegen den Skorpion.«

Surrt also eine Mücke im Zimmer, können wir uns daran erinnern, dass sie mehr ist als nur eine lästige Begleiterscheinung.

Der Eruv kann auch teilweise aus ergänzten bei der Sigi-Feigel-Terrasse

Schweiz

Ein Eruv für Zürich

Unsichtbar im Stadtbild, spürbar im religiösen Alltag. Die größte jüdische Gemeinschaft der Schweiz spannt einen symbolischen Faden – und macht jüdisches Leben sichtbarer

von Nicole Dreyfus  16.01.2026

Talmudisches

Schlechter Atem als Scheidungsgrund

Was unsere Weisen über Mundgeruch wussten

von Detlef David Kauschke  16.01.2026

Rabbi Schalom Scharabi

Jedes Wort eine Intention

Der jemenitische Raschasch ist in unseren Breitengraden kaum bekannt. Dabei hat er schon im 18. Jahrhundert gelehrt, was auch heute wieder gefragt ist: ganz bewusst zu leben – und zu beten

von Vyacheslav Dobrovych  16.01.2026

Waera

Wahre Größe

Mosche blieb stets bescheiden – und ist damit ein Vorbild an vollkommener Demut

von Aviezer Kantor  15.01.2026

Schemot

Mutige Hebammen

Die Tora lehrt, dass Zivilcourage oft im Verborgenen beginnt – bei Menschen, die keine Chronik nennt

von Rabbiner Joel Berger  09.01.2026

Talmudisches

Fledermaus

Unsere Weisen diskutieren: Handelt es sich um ein Kriechtier unter den Vögeln oder einen Vogel unter den Kriechtieren?

von Rabbinerin Yael Deusel  09.01.2026

Piraten

Ahoi vey!

Entführte Rabbiner und Sefarden auf Kaperfahrt: Ein unbekanntes Kapitel jüdischer Geschichte

von Sophie Goldblum  08.01.2026

Wajechi

Wenn Taten Segen bringen

Wie jeder einzelne Mensch durch sein Tun Engel erschaffen kann

von Vyacheslav Dobrovych  02.01.2026

Talmudisches

Sorge dich nicht!

Was unsere Weisen über den Umgang mit Angst und innerer Unruhe lehren

von Detlef David Kauschke  02.01.2026