Symbolik

Monat der Feiertage

Magisch oder verflixt? Foto: Frank Albinus

Insgesamt 34 Gebote und Traditionen im Judentum können mit der Zahl sieben in Verbindung gebracht werden. Was hat es auf sich mit diesem Zahlenwert? Die Antwort gibt uns Rabbi Jehuda Löw, der Maharal von Prag (um 1520–1609). Die materielle Welt erstreckt sich in vier Himmelsrichtungen (Norden, Osten, Süden, Westen) sowie Oben und Unten. So kommen wir zur Zahl sechs. Sie ist das Symbol für die materielle Welt. Jetzt brauchen wir einen Mittelpunkt, der der physischen Welt seinen Sinn gibt. Es ist die sieben. Nach sechs Arbeitstagen folgt der Schabbat, nach sechs Jahren kommt das Brachjahr, und nach sechs Monaten folgt der Tischri, der siebte Monat, der durch eine Vielzahl von Feiertagen erhellt wird.

Einordnen Wir benötigen eine historische Blickweise, um das Laubhüttenfest im Kontext der anderen Festtage besser verstehen zu können. Am 15. Tag des Monats Nissan zogen die Kinder Israels hinaus, weg von der niederdrückenden Sklaverei Ägyptens. Die Reise durch die Wüste wurde von den Wolken der g’ttlichen Herrlichkeit begleitet. Sie wiesen ihnen den Weg und gewährten der Nation eine schützende Hülle.

49 Tage später, am sechsten Siwan standen die Kinder Israels am Fuße des Berges Sinai, wo sich der Himmel öffnete und alle G’ttes Wort vernahmen. Anschließend stieg Mosche auf den Berg, wo er 40 Tage verweilte, um dort die Tora zu empfangen und die Tafeln mit den zehn Geboten.

Das Volk Israel meinte unterdessen, Mosche sei tot, und es beging die Sünde des goldenen Kalbs. Am 17. Tamus stieg Mosche hinab, sah das goldene Kalb und zerbrach die Gesetzestafeln. Aus diesem Grund verschwanden die beschützenden Wolken.

40 Tage Am 18. Tamus stieg Mosche wieder auf den Berg und bat 40 Tage lang um Vergebung für sein Volk. Am 29. Aw stieg er hinunter, um die zweiten Gesetzestafeln zu hauen. Am 30. Aw stieg er zum dritten Mal für 40 Tage auf den Berg. Am Jom Kippur, dem zehnten Tischri, kehrte Mosche mit G’ttes Botschaft zum Volk zurück: »Salachti – ich habe vergeben.«

Am folgenden Tag versammelte Mosche die Kinder Israels und forderte sie auf, verschiedene Materialien für den Bau des Stiftszeltes zu spenden. Das taten sie am zwölften und 13. Tischri. Am 14. wurden die Baustoffe, die Mosche erhalten hatte, den Handwerkern übergeben, die am Bau des Stiftszeltes beteiligt waren. Und am 15. Tischri begann der eigentliche Bau.

An diesem Tag kehrten die schützenden Wolken zurück und dienten als Sukka, als liebevoller Schutz, den Haschem Seinen Kindern gewährte. Wir wiederholen diese Darstellung von Liebe und Nähe dadurch, dass wir am 15. Tischri unsere Häuser verlassen und die Sukka zu unserem Wohnort erklären.
Entdeckung Eine der bewegendsten Geschichten, die ich je gehört habe, handelt von einem jungen Mädchen namens Ida. 1944 wurde sie zusammen mit ihrer Familie und dem Rest ihrer tschechoslowakischen Stadt nach Auschwitz deportiert. Auf dem Bahnsteig sah sie ihre Familie zum letzten Mal, weil nachher nur sie und ihre Schwester die Selektion überstanden. Sie erhielt die Aufgabe, die Kleider der Opfer der Vergasung der Größe nach zu sortieren und sie für den Gebrauch deutscher Zivilpersonen vorzubereiten.

Eines Nachts vernahm Ida ein fremdartiges Geräusch unter der dreistöckigen Pritsche, auf der sie zusammen mit 35 weiteren Mädchen hauste. Die anderen elf mussten wegrutschen, damit Ida hinaussteigen konnte, um den Grund für das Geräusch herauszufinden. Sie fand unter dem Bett ein angstvoll zusammengerolltes kleines Mädchen, das der Kinderaktion entkommen war. Es hatte sich zuerst in der Latrine versteckt und hielt sich nachher in den Baracken verborgen.

Der Name des Mädchens war Estherke. Sie hatte große, verschreckte Augen und wunderschöne blonde Locken. Ida war hingerissen von Estherke, ihr Leben bekam einen neuen Sinn und eine neue Aufgabe: Estherkes Leben zu retten. Ida teilte ihre mageren Rationen mit der Kleinen, und irgendwie vermochten sie es, beide am Leben zu erhalten.

Päckchen Ida wusste, dass Estherke bei einer Evakuierung des Lagers niemals die Selektion überstehen würde. Sie bereitete deshalb einen Plan vor. Estherke wurde, in eine Decke gewickelt, über den Elektrozaun in die wartenden Arme eines männlichen Insassen des benachbarten Männerlagers geworfen. Im Laufe des späteren Nachmittags gelangte das Päckchen auf gleichem Wege zurück in Idas wartende Arme – nunmehr im neuen Lager.

Im Januar 1945 wurde das Lager wieder evakuiert, und Ida hatte Estherke in einem Rucksack auf ihrem Rücken, als sie zum berüchtigten Todesmarsch aufbrachen. Ida wanderte mit ihrer wertvollen Fracht durch Wind und Schnee, bis sie Bergen‐Belsen erreichten.

Im April 1945, nach weiteren Schreckensmonaten, wurden Ida, ihre Schwester, Estherke und alle, die überlebt hatten, von den Engländern befreit. Alle wollten in ihre Heimat zurück, um herauszufinden, wer von den Verwandten am Leben geblieben war. Zum ersten Mal nach der schicksalhaften Nacht in Auschwitz musste sich Ida von Estherke trennen. Sie vereinbarten, dass sie sich, ohne Rücksicht auf das Ergebnis ihrer Suche, in genau zwei Wochen in Prag wiedersehen würden und machten sich auf den Weg.

Zwei Wochen vergingen, und Ida kehrte nach Prag zurück. Aber Estherke tauchte nicht auf. Monate intensiver Suche halfen nichts. Estherke schien vom Erdboden verschwunden zu sein.

Ida lernte einen Überlebenden kennen, heiratete und zog nach Amerika. Ihre Schwester konnte die britische Blockade umgehen und begann in Eretz Israel ein neues Leben.

Hochzeit Anfang der 50er‐Jahre reiste Ida nach Israel, um ihre Schwester zu besuchen. An einem überaus heißen Tag wurde sie ohnmächtig und von zwei jungen Soldaten in ein Spital eingeliefert. Sie freundete sich mit ihnen an, und sie besuchten sie jeden Tag. Am Tag ihrer Entlassung fragte Ida, wie sie ihnen ihre Güte zurückzahlen könne. Einer von ihnen sagte, dass er am folgenden Tag heirate und er sich wünsche, dass sie an seiner Hochzeit teilnehme.

Und so fand sich Ida bei einem leichten Wind, der von den Hügeln Jerusalems herüberwehte unter den anderen Gästen ein. Sie versuchte, ein bekanntes Gesicht zu entdecken, als neben ihr jemand sagte: »Die Braut kommt.« Ida bewegte sich nach vorn, um einen Blick von dem Mädchen zu erhaschen, das ihr so liebevoll beschrieben worden war. Die Tür öffnete sich, und voll Erstaunen sah sie ihre geliebte Estherke hereinschreiten.

So kam es, dass Ida, unter den Sternen, die über der Heiligen Stadt leuchteten, nach vorn trat und ihre Estherke unter die Chuppa führte. Nähe, Entfernung und noch größere Nähe. Die Irrfahrt von Ida und Estherke war mit ihrem glücklichen Zusammentreffen in Jerusalem zu Ende.

Möge dieses Jahr ein Jahr des Segens und der Erlösung werden, ein Jahr, in dem wir nach einer gewissen Entfernung wieder näherkommen zu G’tt. Chag Sameach.

Der Autor ist Jugendrabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde München.

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