Gottesdienst

Mobiles Heiligtum

Holzverkleidet: Oldtimer mit einem Tempelmodell auf dem Dach (Jerusalem 2011) Foto: Flash 90

In dieser Parascha lesen wir über den genauen Aufbau des Mischkan, des Stiftszelts in der Wüste. Dieses Zelt ist der Ort der Begegnung mit Gott, in ihm werden die Luchot HaBrit, die Bundestafeln, aufbewahrt. Er ist das zentrale Heiligtum des Volkes Israel und Vorgänger des Ersten und Zweiten Tempels.

Schauen wir uns die Bedeutung dieses Zentralheiligtums für das Leben der Menschen etwas genauer an. Nachdem zu freiwilligen Gaben für den Bau des Zeltes aufgerufen wurde, bringen die Menschen ihre Spenden. Doch sie tun es derart enthusiastisch, dass Mosche darum gebeten werden muss, dem Spenden Einhalt zu gebieten (2. Buch Mose 36, 5–7).

Wie Brachi Elitzur, Dozentin am Herzog‐Kolleg in Alon Schewut, in einem Schiur über den Stellenwert der Tempel bemerkt, werde vom Mischkan während der 40 Jahre Wüstenwanderung nur berichtet als dem Ort, an dem die Kohanim und Levi’im Dienst tun. Auch sein Abbau und Transport würden beschrieben, aber über die Bedeutung dieses Heiligtums für das Volk sage die Tora nichts, so Elitzur.

Mischkan Nach der Wüstenwanderung, während der der Mischkan stets in der Mitte des Lagers aufgebaut wurde, musste nun ein Ort im wiederbesiedelten Land gefunden werden, der der Bedeutung des Mischkan würdig war. Im Buch der Richter lesen wir: »Darum sprachen sie: Siehe, es ist alljährlich ein Fest des Ewigen in Schilo, das nördlich von Bet‐El liegt, östlich der Straße, die von Bet‐El nach Schchem hinaufführt, und südlich von Levona« (21,19).

Die Notwendigkeit, die geografische Lage von Schilo so genau zu beschreiben, deutet darauf hin, dass der Ort, an dem sich das Heiligtum mit der Bundeslade befand, nicht allgemein bekannt war. Dies wiederum lässt vermuten, dass Zelt und Lade für das sozioreligiöse Leben des Volkes eher belanglos waren.

König David Nachdem man lange nicht mehr viel von der Lade hört, rückt sie zur Zeit Davids wieder in den Mittelpunkt des Interesses: Der König beschließt, die Lade nach Jerusalem zu bringen, seinem neuen Wohnsitz. Als er dies geschafft hat, ruht die Lade in einem eigens erbauten Zelt. David aber ist noch nicht zufrieden, er möchte der Lade, und damit Gottes Gegenwart, ein Haus errichten. Sein Sohn Schlomo wird den Bau des Tempels beginnen und vollenden (1. Könige 5–9).

Der Bau dieses ersten Tempels war ein nationales Projekt. Es wurden Steuern dafür erhoben und Arbeiter angefordert. Nach der Spaltung des Reichs waren die Könige von Jehuda mit der Renovierung und Instandhaltung befasst. Man sieht hier, dass der erste Tempel eine zentrale Rolle im religiösen, sozialen und wirtschaftlichen Leben des jüdischen Volkes spielte. Die Propheten Jeschajahu, Micha und Jirmijahu begannen sogar, den Tempelkult zu verurteilen, weil er nicht mehr dem ursprünglich gedachten Zweck diente, sondern zum Selbstzweck verkommen war. Der Tempelkult stand nun über den Idealen der Tora wie etwa sozialer Gerechtigkeit.

Vielleicht ist das auch der Grund dafür, dass die aus dem babylonischen Exil zurückkehrende Élite, die Mahnungen der Propheten noch im Ohr, sich nicht um den Wiederaufbau kümmerte, bis der Prophet Chaggai sie dazu vehement aufforderte.

Zerstörung Über das Leben während des Zweiten Tempels erfahren wir nicht viel. Und die mögliche Bedeutung des Heiligtums wird auch erst klar, wenn man sich ansieht, wie um seinen Verlust getrauert wurde. Es gab Rabbiner, die meinten, nach der Tempelzerstörung weder Fleisch essen noch Wein trinken zu dürfen (Tossefta zu Sota 15). Der 9. Tag des Monats Aw, an dem der Tempel zerstört worden war, wurde zu einem Fasten‐ und Trauertag.

Viel gravierender aber war die Tatsache, dass der Gottesdienst, das tägliche Morgen‐ und Nachmittagsopfer, nicht mehr stattfinden konnte. Die Weisen um Rabbi Jochanan ben Sakai mussten, um den Fortbestand des jüdischen Kultus zu gewährleisten, das Judentum neu erfinden. Die täglichen Opfer wurden durch das verpflichtende Gebet abgelöst, doch erst rund 800 Jahre später formulierte Rav Amram Gaon das erste Gebetbuch.

Während der Zerstreuung des Volkes über die ganze Welt wurde der Zerstörung Jerusalems ständig gedacht – und ständig heißt in diesem Fall: mehrmals täglich. In orthodoxen Gebetbüchern finden wir ziemlich zu Beginn des Morgengebets einen Teil, der den täglichen Opferdienst im Tempel beschreibt. Vom Bekleiden der Priester bis zum Verbrennen des Opfertiers wird der gesamte Vorgang gelesen und gipfelt in der Bitte, »dass der Tempel bald in unseren Tagen erbaut werde«. Dreimal täglich finden wir an Wochentagen die Bitte »und bringe den Dienst wieder in die Halle Deines Hauses zurück, und die Feueropfer Israels nimm (…) an«.

Wiederaufbau Heute, fast 2000 Jahre nach der Zerstörung des zweiten Tempels durch die Römer, gibt es Gruppierungen innerhalb der Orthodoxie, die aktiv am Wiederaufbau des Tempels arbeiten. Es werden Gegenstände angefertigt, die zum Opferdienst benutzt werden können, genauer Standort und Abmessungen des Tempels werden ermittelt, und Kohanim können sich schon mal das Kostüm für ihren großen Auftritt schneidern lassen.

Im Laufe der jüdischen Geschichte hat es aber auch Bewegungen gegeben, die den Wiederaufbau des Tempels aus unterschiedlichen Gründen ablehnten oder zumindest nicht befürworteten. Dies führte unter anderem dazu, dass Passagen aus dem Gebetbuch, die den Wiederaufbau des Tempels thematisierten, ersatzlos gestrichen wurden.

Mit diesen, teilweise radikalen, Änderungen wurde den Ansichten der Mehrheit Rechnung getragen, denn spätestens seit der rechtlichen Gleichstellung der Juden in Preußen war der Wunsch nach einer Rückkehr ins Land der Väter kein reeller mehr. So schreibt David Friedländer 1812: »Hier stehe ich vor Gott. Ich bete für Segen und Erfolg für meinen König, für meine Mitbürger, für mich und meine Familie – und nicht für eine Rückkehr nach Jerusalem, nicht für einen Wiederaufbau des Tempels und die Einsetzung der Opfer. Solche Wünsche habe ich nicht in meinem Herzen. Ihre Erfüllung würde mich nicht glücklich machen. Mein Mund soll sie nicht äußern.«

Welcher Tradition wir im Gebet auch folgen mögen, das Gebet sollte unserem inneren Denken und Wünschen nicht widersprechen, denn schlimmer als ein vermeintlicher Bruch mit einer Tradition ist eine Tfilat Schav, ein unnützes und unaufrichtiges Gebet. Das haben weder Gott noch das Gebet verdient.

Der Autor ist rabbinischer Studienleiter des Ernst‐Ludwig‐Ehrlich‐Studienwerks (ELES).

Inhalt
Im Wochenabschnitt Wajakhel werden die Israeliten daran erinnert, das Schabbatgesetz nicht zu übertreten. Die Künstler Bezalel und Oholiab sollen aus freiwilligen Spenden Geräte für das Stiftszelt herstellen, und es wird die Bundeslade angefertigt.
2. Buch Mose 35,1 – 38,20

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