Freiwilligenarbeit

Mizwa und Ehrensache

Wie Juden sich in den Gemeinden und der Gesellschaft engagieren

von Julia Itin  13.03.2012 07:02 Uhr

Retter in der Not: Freiwillige Helfer gibt es nicht nur bei der Feuerwehr. Foto: Fotolia

Wie Juden sich in den Gemeinden und der Gesellschaft engagieren

von Julia Itin  13.03.2012 07:02 Uhr

Gesellschaftliches Engagement ist für Jonathan Baum eine Pflicht. Große Teile seiner Freizeit verbringt der Biologiestudent bei der Berliner Freiwilligen Feuerwehr. Baum ist gleichzeitig einer von rund 120 Stipendiaten des neu gegründeten Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks (ELES) für jüdische Begabtenförderung. Für ihn sei es »selbstverständlich«, sich einzubringen, wo er mit seinen Fähigkeiten »nützlich sein kann«, betont er. Bereits bei einem längeren Aufenthalt in Israel meldete er sich als freiwilliger Helfer beim israelischen Rettungsdienst Magen David Adom, dem Roten Davidstern.

Diese Verpflichtung von damals ist geblieben. Bei jedem Israelaufenthalt, erzählt er, bemühe er sich um Dienstschichten bei MDA. Aber auch in Deutschland engagiere er sich ehrenamtlich und ist, trotz der mit der Tätigkeit verbundenen zeitlichen Beanspruchung, gerne Feuerwehrmann.

Er fühle sich, sagt Jonathan Baum, unabhängig von seinem Glauben auch als Bürger verpflichtet, sich »für das Gemeinwohl« einzusetzen. Freiwilliges Engagement für die Gesellschaft sei wichtig. Dabei ist ihm auch der Wert seines Ehrenamtes im Judentum bewusst – er spricht über Hilfe in der Not, Tikkun Olam, der »Reparatur der Welt«, und schließlich über die Lebensrettung als höchste Pflicht.

Stipendium Baum Ko‐Stipendiat Jonas Fegert, der im vergangenen Jahr mit ein paar anderen Kommilitonen die Jüdische Studierendeninitiative Berlin gegründet hat und Politik studiert, ist gleichzeitig bei den Grünen im Bundestag aktiv. Bereits während seiner Schulzeit engagierte er sich in der Bildungspolitik. Hunderte von Stunden unentgeltlicher Arbeit zahlen sich für ELES‐Stipendiaten nun aus, denn ELES bietet den begabten Studenten, unter der Voraussetzung, dass sie ehrenamtlich tätig sind, eine materielle, aber auch ideelle Förderung, die wiederum der positiven jüdischen Identität der nächsten Generation dienen soll.

Die Gründer des Studentenwerks haben sich das Ziel gesetzt, Verantwortungsbewusstsein in der jüdischen Gemeinschaft und in der deutschen Gesellschaft zu stärken, was besonders unter Berücksichtigung der Tatsache, dass drei Viertel der Stipendiaten einen Migrationshintergrund haben, von großer Bedeutung für die jüdische Kontinuität in Deutschland ist.

Und für viele der Geförderten, wie für Benjamin Fischer, der heute in Hamburg Jura studiert, fing das Ehrenamt ganz »klassisch« im Jugendzentrum der jüdischen Gemeinde an. Dort und zum Beispiel in einem Makkabi‐Sportverein sieht er auch einen »guten Start ins Ehrenamt« und eine positive Bindung an die Gemeinde, die so bereits im frühen Alter beginne.

Ehrenamt Yaël Schlesinger ist ebenfalls ohne Bezahlung in der jüdischen Bildung tätig. Die Berlinerin, die gerade ihren Master in Jüdischen Studien an der Freien Universität macht, erzählt über die Gründe für ihr ehrenamtliches Engagement bei der Internetplattform »Limmud.de«. Sie gewinne durch ihre Mitarbeit nicht nur »soziales Kapital«, sondern auch einen neuen intellektuellen Freundeskreis.

Sie will ein vitales jüdisches Leben in Deutschland. Aber sie fordert das nicht von »den anderen« oder von »der Gemeinde«, sondern sie gestaltet es selbst. Dazu kommt noch das »Gefühl der Verantwortung für eine große Sache, Lernerfahrung des Umgangs mit dieser Verantwortung, Gefühl der Zugehörigkeit zu der Gruppe der Gleichgesinnten, gesellschaftliche Anerkennung und auch der Spaß«.

Die Geschichte des jüdischen sozialen Engagements ist mindestens so alt wie die Maxime »Liebe deinen Nächsten, er ist wie du«. Bereits der Tanach, die hebräische Bibel, sieht soziale Instanzen und Regelungen vor, um nicht nur Benachteiligten – Witwen, Waisen, Armen, Fremden –, sondern auch Umwelt und Tieren zu helfen. Das Buch Ruth und die mahnenden Reden der Propheten sind die illustrierenden Zeugnisse dafür. Von der Spätantike bis heute halten die jüdischen Gemeinden aufgrund des starken sozialen Engagements der eigenen Mitglieder, der Philanthropie, der sozialen Fürsorge und dem Ehrenamt auf verschiedenen Ebenen zusammen.

Engagement Es gibt eine deutlich positive Entwicklung des jüdischen Engagements in Deutschland. In den letzten Jahren hat sich die jüdische Gemeinschaft sichtbar pluralisiert, es wurden zahlreiche jüdische Organisationen gegründet, was wiederum Menschen mit viel Energie, Ideen und Potenzial diverse Möglichkeiten der Partizipation bietet. Viele, vor allem junge Menschen, sind ehrenamtlich auch in der Mehrheitsgesellschaft engagiert und politisch aktiv – von den etablierten Parteien bis zur Piratenpartei.

Solche politische Partizipation hat auch direkte Auswirkungen auf die jüdische Gemeinschaft. Der Arbeitskreis jüdischer Sozialdemokraten setzt sich beispielsweise für die Anerkennung der Hochschulabschlüsse sowie die Anrechnung der Berufsjahre in der alten Heimat für die deutsche Rente der jüdischen Zuwanderer ein, sagt der stellvertretende Vorsitzende der Gruppe Berlin‐Brandenburg, Gregor Wettberg. Diese Menschen seien meistens »erst Sozialdemokraten, dann Juden«, bringen aber genug jüdisches Selbstbewusstsein und Engagement für den Umgang mit jüdischen Themen mit, betont Wettberg.

Bei allen positiven Entwicklungen muss aber auch das Ehrenamt, so zeigt es die Erfahrung der Frankfurter Gemeinde, erst aufwendig organisiert werden. Es sei mit Kosten verbunden, Ehrenamtliche dauerhaft an die Gemeinde zu binden, sagt Dalia Wissgott‐Moneta, die Leiterin der Sozialabteilung. Aufwandsentschädigungen müssten gezahlt, Gelder für Fortbildungen aufgebracht und gelegentlich auch Feiern ausgerichtet werden. Aber am Ende lohne sich der Aufwand – »die Menschen sind engagiert und widmen ihre Fähigkeiten und Zeit der Gemeinde«.

kurse Auch die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) hat den Wert des Ehrenamtes insbesondere für die kleine Gemeinden, in denen es an bezahltem Personal mangelt, früh erkannt und bietet Freiwilligen einen soliden organisatorischen Rahmen an. Sie unterstützen Gemeinden mit Kursen zum »klassischen« jüdischen Ehrenamt Bikur Cholim, dem Krankenbesuch, und in der Chewra Kadischa, der Beerdigungsgesellschaft.

Tanz‐ oder Kochkurse sollen an Kultur und Tradition binden. Auch Seniorentreffen müssen organisiert werden und ermöglichen älteren Mitgliedern eine Bindung an die Gemeinde. Integration in die Gemeinde und in die deutsche Gesellschaft ist dabei das Ziel der ZWST, sagt deren Pressesprecherin Heike von Bassewitz.

Immer wieder organisieren sich Menschen und stellen große und kleine soziale Projekte auf die Beine. Der Frauenverein Ruth in München, der als Namenspatronin das biblische Vorbild der Fürsorge hat, ist ein Beispiel dafür. Eine Handvoll Frauen macht Krankenbesuche, sammelt Gelder, um sie an die Bedürftigen weiterzugeben, leistet Hilfestellung bei Behörden und Ämtern, besucht Bewohner des gemeindeeigenen Saul‐Eisenberg‐Seniorenheims und hat generell ein »offenes Ohr für Sorgen und Probleme«, sagt die Vereinsvorsitzende Hanna Feiereisen.

Siegfried Jarosch ist ebenfalls mit einer außergewöhnlichen Aufgabe beschäftigt. Er verteilt mit freiwilligen Helfern jede Woche an mehr als 100 Menschen koschere Lebensmittel. Bereits seit zwei Jahren gibt es in der Synagoge Lev Tov in Berlin‐Charlottenburg jeden Donnerstag eine Art jüdische Tafel, die den Namen Schulchan Aruch, »gedeckter Tisch«, trägt. Jarosch ist sowohl die Unterstützung der jüdischen Menschen mit kostspieligen, für diesen Zweck gespendeten koscheren Produkten wichtig als auch die soziale Wärme während der wöchentlichen Verteilung.

Hilfe Auch der Rabbiner der liberalen Münchener Gemeinde Beth Shalom, Tom Kucera, startete vor einem Jahr einen Mizwa‐Tag, ein in den USA und Großbritannien verbreiteter »Tag der Wohltat«. In einer Welt, in der die Zeit so wertvoll ist, besuchen Mitglieder der Gemeinde ein jüdisches Seniorenheim, aber auch die AIDS‐Hilfe München – sie setzen sich nicht nur für die jüdische Gemeinschaft ein, sie wirken auch in die Gesellschaft hinein.

Jüdisches Ehrenamt leistet zweifelsohne einen großen Beitrag zur Bildung einer positiven jüdischen Identität und Gewährleistung der Kontinuität jüdischen Lebens in Deutschland. Mehr noch: Es öffnet Menschen die Tür zur Jüdischkeit, die für sie oft in etablierten Gemeindestrukturen verschlossen ist. Gerade Einwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion, die halachisch nicht jüdisch sind.

Viele von ihnen finden sich in jüdischen Organisationen wieder, für die diese Zugehörigkeit nicht das ausschlaggebende Kriterium ist. Die Gruppe »Jung und Jüdisch« sei ein solcher »Ort der alternativen Jüdischkeit«, beschreibt deren Bundesvorsitzende, Michelle Piccirillo, das Rezept ihrer Arbeit. Sie profitierten Jahr für Jahr von der ehrenamtlichen Arbeit ihrer Mitglieder.

Sozialarbeit Doron Kiesel, Erfurter Professor für interkulturelle Sozialarbeit und –pädagogik, bemängelt die oft fehlende Professionalisierung der Gemeindestruktur und deren Intransparenz. Sie stelle oft eine unüberwindbare Hürde für ehrenamtliches Engagement dar.

Obwohl gerade ein Ehrenamt für eine jüdische Gemeinde auf einer unverbindlichen Basis »Berührungsängste« mit dem Judentum in seiner, auch religiösen Vielfalt abbaut, wie Michael Rubinstein aus seiner Erfahrung als Geschäftsführer der jüdischen Gemeinde in Duisburg berichtet. Er betont, dass »es in dieser Gemeinschaft so viel Professionalität, jüdisches Wissen und Engagement gibt, wie es davor nicht der Fall war«.

Der orthodoxe Rabbiner und Professor für hebräische Literatur, Isadore Twersky, formulierte bereits in den 70er‐Jahren den seitdem oft zitierten Satz: »Man kann nicht behaupten, ein gottberauschter Jude zu sein, ohne einen unstillbaren Durst nach sozialer Gerechtigkeit zu haben.« Mit anderen Worten: Tikkun Olam, die »Reparatur der Welt«, ist ein Weg der Formierung jüdischen Lebens, ein wirkungsvolles Werkzeug zur Gewährleistung jüdischer Kontinuität.

Ehrenamtlicher Einsatz in jeder erdenklichen Form – unabhängig vom kulturellen Hintergrund – ist für viele, besonders nicht traditionell geprägte Juden, der Ausdruck ihrer jüdischen Identität. In Nordamerika ist das schon seit Jahrzehnten der Fall – und in Deutschland scheint sich der Trend allmählich auch durchzusetzen.

Die Autorin ist Kulturwissenschaftlerin an der Martin‐Luther‐Universität Halle‐Wittenberg und war ehrenamtliche Programmkoordinatorin bei Limmud.

Nasso

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