Kawana

Mit höchster Konzentration

Schacharit: Das Morgengebet in der Synagoge korrespondiert mit dem morgendlichen Opfer im Tempel. Foto: Rafael Herlich

Das Feuer des Altars muss darauf brennen, es soll nicht erlöschen!» (3. Buch Mose 6,2). So lesen wir in Paraschat Zaw.

In der Jerusalemer Holocaustgedenkstätte Yad Vashem befindet sich in einer dunklen Halle auf dem Boden ein großer zerbrochener Kelch. In ihm brennt eine Flamme. Sie lodert nicht hoch, ihr Licht ist nicht stark; aber sie brennt – und sie erlischt nicht. Der geborstene Flammenkelch ist das Symbol für das Judentum, das unter der Schoa unsägliche Verluste erlitten hat – und doch ist das Feuer des Judentums nicht erloschen.

Es ist auch nicht erloschen, als vor beinahe 2000 Jahren der Jerusalemer Tempel in Flammen aufging und mit ihm der Altar. Und auch die Inquisition in Spanien hat die Flamme nicht zerstört, ebenso wenig wie Jahrhunderte der Verfolgung im Lauf der Geschichte.

Holz Feuer zerstört man nicht mit Feuer. Aber das Feuer erlischt, wenn man es nicht am Leben erhält. Deshalb lesen wir: «Der Priester soll jeden Morgen frisches Holz darauf legen» (6,5). Und noch einmal: «Ein beständiges Feuer soll auf dem Altar brennen, nie soll es erlöschen.»

Wie macht man das? Der Kohen ist ja nicht mehr, und auch nicht der Altar im Tempel. Den Hohepriester gibt es nicht mehr, das ist wahr. Und auch die Tieropfer haben aufgehört. Aber deswegen hat noch lange nicht der G’ttesdienst aufgehört – denn wie der Tempel, seine Priester und Tieropfer ist er ja doch dafür da, die Lehre des Ewigen, die Tora, in uns wachzuhalten.

Die Tora hat nicht aufgehört zu sein, nie, auch nicht in den so zahlreichen Zeiten der Verfolgung. Sie ist ewig. Die Rollen, auf denen sie aufgeschrieben ist, sind es nicht, genauso wenig wie der Hohepriester. Und genau wie er sind sie nur ein Mittel zum Zweck, sind Mittler. Unsere Torarollen haben einen schön geschmückten Mantel wie einst der Hohepriester, dazu ein Brustschild. Und sogar die Glöckchen und Rimonim sind noch da, wenn auch nicht mehr am priesterlichen Gewandsaum, sondern an der Krone, oben auf der Rolle. Das Symbol des Kohen ist erhalten geblieben, aber es ist kein Hohepriester mehr aus Fleisch und Blut, der uns das Wort des Ewigen lehrt, sondern an seine Stelle ist die Schrift getreten. Und an die Stelle der Opferfeuer im Tempel ist das Feuer der Emuna in uns selbst getreten.

Tiere Und wenn der Tempel noch stünde, würden dann tatsächlich dort heute noch Tieropfer dargebracht? Bereits zur Tempelzeit war ja der Opferdienst nicht unumstritten als G’ttes-Dienst, also als Dienst für den Ewigen.

In der Haftara lesen wir: «Denn Ich habe euren Vätern nicht gesagt und ihnen nicht geboten an dem Tag, als Ich sie aus Ägypten führte, wegen Ganzopfer und Friedensopfer. Sondern dies habe Ich ihnen geboten: Hört auf Meine Stimme, und Ich werde euch G’tt sein, und ihr sollt Mir Volk sein (...). Doch sie haben nicht gehört (...) und kamen rückwärts statt vorwärts» (Jirmijahu, 7, 22–24). Jene Opfer waren letztlich ein Zugeständnis des Ewigen an Sein Volk. Sie sind Ihm nicht wirklich wichtig. Aber wenn dem Herrn die Opfer selbst gar nicht so wichtig sind, warum gibt Er dann so ausführliche und genau zu beachtende Vorschriften für den Opferdienst?

Betrachten wir dazu kurz, was denn ein Opfer – Korban – eigentlich ist. Das hebräische Wort selbst sagt es schon: Es hat etwas zu tun mit «sich nähern», «nahe kommen», «etwas nahe heranbringen» – der Mensch sucht nach Wegen, sich dem Ewigen zu nähern. Zu allen Zeiten ist dies ein Grundbedürfnis für ihn – das heißt: für den Menschen. Denn Er, der Ewige, Seinerseits ist uns immer nahe, auch wenn es uns nicht bewusst ist. Er braucht diese Opfer nicht. Er will von uns etwas anderes haben.

Wenn Er also diese Stiere, Ziegen, Tauben, Brotfladen, dieses Öl und diesen Weihrauch eigentlich gar nicht haben will, warum dann alle diese Opfervorschriften? Der Priester musste sich dadurch beim Darbringen des Opfers sehr genau konzentrieren, damit er keinen Fehler machte, sonst war das ganze Opfer ungültig.

Darin liegt der Sinn: Konzentriert, bewusst soll man sich dem Ewigen nähern. Und das gilt heute noch unverändert. Unsere Kawana, die Absicht, in der wir uns dem Ewigen nähern, das ist es, was zählt.

Das galt schon zur Tempelzeit (und lange davor). An zahlreichen Stellen der Schrift wird beklagt, dass die Opfer im falschen Sinn erfolgen: Der eine bringt ein wunderbares Opfertier, aber kaum ist es dargebracht, geht er draußen wieder seinem schlechten Lebenswandel nach. Der andere bringt gar ein fehlerhaftes Opfertier, um das es ihm nicht schade ist und das er vielleicht sowieso hätte notschlachten müssen. All das sind Opfer, die dem Ewigen wohl kaum wohlgefällig gewesen sind.

G’ttesdienst Heute haben wir keinen Opferdienst mehr. Wir haben dafür unsere Gebete zu Hause und auch den G’ttesdienst in der Synagoge. Sie entsprechen letztlich den ehemaligen Opferzeiten: Schacharit dem Rauch- oder Ganzopfer, Mincha (das Wort kommt in diesem Zusammenhang auch in unserer Parascha vor) dem Getreide- oder Mahlopfer. Ma’ariw entspricht der Zeit, in der die Überreste der tagsüber dargebrachten Opfer verbrannt wurden. Unsere Opfer sind unsere Gebete und unsere Lieder – und die erfordern Bewusstheit: kein bloßes Hersagen, sondern ein Beten mit Kawana. Nur dann ist unser G’ttesdienst auch wirklich Dienst für den Ewigen, mit dem wir uns Ihm nähern.

Und natürlich gilt unverändert auch, was zur Zeit der Tempelopfer gegolten hat: Der schönste, würdigste, ergreifendste G’ttesdienst ist ohne jeden Sinn, wenn wir das Wort des Ewigen nicht auch draußen, im Alltag, berücksichtigen.

Feuer löscht man nicht mit Feuer, wohl aber mit Wasser – oder man lässt es einfach ausgehen, durch Gleichgültigkeit, durch Desinteresse, indem man sich abwendet. Und doch kann eine schwache Flamme immer wieder angefacht werden. Das erfordert aktives Handeln, aktive Zuwendung, kein passives Verhalten, jeden Tag von Neuem. Nur dann können wir tatsächlich die Flamme am Leben erhalten. Denn: «Das Feuer des Altars muss darauf brennen, es soll nicht erlöschen!»

Die Autorin ist Rabbinische Leiterin des Egalitären Minjans «Mischkan ha-Tfila» in Bamberg.

Paraschat Zaw
Im aktuellen Wochenabschnitt werden die fünf Arten von Opfern, die die vorige Parascha eingeführt hat, näher erläutert. Diese sind das Brand-, das Friedens-, das Sünden- und das Schuldopfer sowie verschiedene Arten von Speiseopfern. Dem folgen die Schilderungen, wie das Stiftszelt eröffnet und Aharon mit seinen Söhnen ins Priesteramt eingeführt wird. 3. Buch Mose 6,1 – 8,36

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