Kawana

Mit ganzer Hingabe

So manchen inspiriert der Warteraum vor einem Operationssaal zum Gebet, weil hier mit voller Inbrunst, mit reiner Aufrichtigkeit und heiligen Absichten gebetet wird. Foto: Thinkstock

Rabbi Awraham Avigdor Landau (1917–2001), der Strikover Rebbe, ging einst zu einem Krankenbesuch in die örtliche Klinik. Als er sich den Krankenzimmern näherte, sah er das Wartezimmer der chirurgischen Station, blieb stehen, betete und schüttete sein Herz aus.

Sein Begleiter war sichtlich verwirrt, denn der Patient, den der Rebbe besuchen wollte, wurde überhaupt nicht operiert und sollte es auch nicht. Warum hielt der Rebbe also dort an?
Der Rebbe sah dem Begleiter die Verwirrung an und erklärte: »Von allen Orten ist dieser Raum derjenige, in dem mit reiner Aufrichtigkeit, inbrünstigen Tränen und heiligen Absichten gebetet wird. Jeder, der in diesem Vorraum auf einen engen Verwandten wartet, betet sicherlich aus der Tiefe seines Herzens. An solch einem erhabenen Ort des Gebets möchte auch ich beten.«

Der Babylonische Talmud (Berachot 6b) sagt, dass jeder, der sich einen Platz zum Beten einrichtet, den G’tt Awrahams in seiner Mitte hat. Und wenn er stirbt, wird verkündet, dass er tief demütig und fromm ist, ein Schüler von Awraham Awinu.
Wir wissen aus unserem Wochenabschnitt, dass sich Awraham einen Ort für das Gebet geschaffen hat: Nach der Zerstörung Sodoms brach er frühmorgens auf, um an den Ort zu gehen, »wo er vor dem Ewigen gestanden hat« (1. Buch Mose 19,27).

Die gleiche Idee wird im Jerusalemer Talmud (Berachot 4,4) aufgegriffen. Sie bezieht sich auf den Toravers: »An jedem Ort, daran Ich meines Namens gedenken lasse, will Ich zu dir kommen und dich segnen« (2. Buch Mose 20,20). Demnach muss eine Person an einem Ort beten, der zum Gebet bestimmt ist – einem Ort, an dem G’tt, wie die Tora schreibt, Seines Namens gedenken lässt.

Lob Warum spricht der Talmud so ein Lob für jemanden aus, der sich einen Platz zum Beten einrichtet? Rabbi Jona Gerondi (1200–1264) antwortet, dass der Talmud darauf hinweist, dass derjenige, der mit seinem Gebet sorgfältig umgeht und darauf achtgibt, immer am selben Ort zu beten, wohl ein demütiger und frommer Mensch sein muss.

Rabbi Schlomo ibn Aderet, der Raschba (1235–1310), sagt, die Errichtung eines Ortes zum Beten gleiche dem Bekenntnis, dass der ausgewählte Ort ein Ort der Ehrfurcht vor dem Allmächtigen ist. Indem man einen Ort für das Gebet festlegt, bereitet man sich darauf vor, ablenkungsfrei zu beten. Der Fokus kann sich also ganz auf G’tt richten. Derjenige, der mit dieser Einstellung zum Gebet kommt, ist sicherlich auf einem Weg zur Demut und Frömmigkeit.

Rabbi Josef Karo (1488–1575) kodifiziert dies im Schulchan Aruch als Halacha. Er schreibt, dass nach der Zerstörung des Tempels das Gebet an die Stelle der Opfer tritt. Gewisse Aspekte des Gebets ahmen die Opfergaben nach. Einen festen Platz für das Gebet festzulegen, entspricht der Tatsache, dass die Schlachtung der Opfergaben und das Sprenkeln von Blut immer am selben Ort stattfanden.

Synagoge Laut der Halacha ist es notwendig, alles zu tun, um einen festen Ort für das Gebet zu haben. Diese Vorschrift ist sehr detailliert geregelt. Wir können oft beobachten, wie sich Menschen einen freien Platz in der Synagoge aussuchen und nur wenig später hören: »Willkommen in unserer Synagoge, aber das ist mein Platz!« Dies ist nicht nur unhöflich, sondern könnte sogar ein Verstoß gegen das Gebot der Nächstenliebe sein.

Wie aber kann ich dann die Bedingung erfüllen, einen festen Platz zum Beten zu haben? Die Antwort, die uns die Halacha gibt, ist relativ einfach: Wenn jemand regelmäßig in einer Synagoge betet, wird die Synagoge zu seinem festen Ort des Gebets, und das Beten in der Synagoge würde immer noch als Beten am selben Platz betrachtet werden.

Alternativ kann nach allen Meinungen der Platz innerhalb eines Radius von rund zwei Metern von seinem ursprünglichen Platz als fester Platz (Makom kawua) betrachtet werden.
Wenn ich meine Familie in Modiin, Israel, besuche, bete ich immer in einer Synagoge in der Nähe ihres Hauses. Der Grund, warum ich mich für diese Synagoge entschieden habe, liegt darin, dass in dieser Synagoge ein Schild an der Tür hängt mit der Aufschrift: »Lieber Gast, such dir einen Platz aus! Wir haben keine festen Plätze in unserer Gemeinde.« Ich fühlte mich durch dieses einfache Zeichen willkommen geheißen. Ich weiß, niemand würde auf mich zukommen und sagen: »Das ist mein Platz.«

Einfluss Wir können sehen, welche große Bedeutung unsere Weisen, nicht nur in talmudischen Zeiten, einem festen Platz fürs Beten zuschreiben. Aus den Kommentaren von Rabbenu Jona und dem Raschba geht hervor, dass es sogar einen Einfluss auf die Persönlichkeit hat. Wie aber funktioniert das, und warum ist das so?

Rabbiner Dov Weinberger (1901–1989) erklärt in seinem Buch Schemen Tov, dass dies der Herausforderung von »Wer kann Seinen Berg ersteigen? Wer kann am Ort Seines Heiligtums stehen?« (Psalm 24,3) gleicht.

Es ist leichter, zu einer hohen Position aufzusteigen, als diese auf Dauer zu halten. Wir alle stehen manchmal vor Herausforderungen, die wir kurzfristig bewältigen können. Aber sind wir stark genug, um das neu erreichte Niveau zu halten?
Awrahams Größe bestand darin. Obwohl Sodom vor ihm schwelend als Beweis dafür stand, dass sein Versuch, die Stadt zu retten, scheiterte, verlor er nicht den Glauben an den Ewigen. Er konnte mit dem gleichen Eifer aufstehen – wie die Worte in der Tora bezeugen, jedes Mal, wenn »Awraham früh am Morgen aufsteigt«.

Dies zeigt uns seine Begeisterung. Er konnte dies in einem Moment des Niederschlags, unmittelbar nach solch einer Bedrängnis und Zerstörung.

Kotel In einem Artikel über feste Orte schreibt Rabbi Binny Freedman, der Direktor des Jerusalemer Isralight-Instituts: »Es gibt noch einen weiteren wichtigen Aspekt. Wenn man die Altstadt von Jerusalem besucht, kann man dort stehen, wo einst der Hohepriester Rabbi Jischmael stand oder sich die Kotel genau von dort ansehen, wo 1967 die Fallschirmjäger ehrfurchtsvoll standen. Was diese Orte so besonders und mächtig macht, ist nicht der Ort an sich. Alles, was sich dort befindet, ist ein Stuhl, eine Bank oder eine Wand. Was sie zu etwas Besonderem macht und ihnen eine einzigartige Energie verleiht, sind die Menschen, die dort waren, und das Niveau, das sie dort erreicht haben. Letzten Endes erhalten Orte eine gewisse Energie, und wenn man an einem Ort ist, an dem glückliche Dinge geschehen sind, wirkt sich das in gewissem Maße auf die Energie eines sensiblen Menschen aus. Aber gerade, weil sie am selben Ort waren, geht es weniger um den Ort als um die Person.«

Eine unserer größten Herausforderungen liegt darin, die Beständigkeit in unserem Leben zu wahren. Wir alle haben hin und wieder schwierige Tage. Aber auch und besonders in solchen Zeiten müssen wir uns an diese Beständigkeit erinnern.

Der Autor ist Rabbiner der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig und Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland.

Paraschat wajera
Der Wochenabschnitt erzählt davon, wie
Awraham Besuch von drei göttlichen Boten bekommt. Sie teilen ihm mit, dass Sara einen Sohn zur Welt bringen wird. Awraham versucht, den Ewigen von seinem Plan abzubringen, die Städte Sodom und Amorra zu zerstören. Lot und seine beiden Töchter entgehen der Zerstörung, seine Frau jedoch erstarrt zu einer Salzsäule. Awimelech, der König von Gerar, nimmt Sara zur Frau, nach- dem Awraham behauptet hat, sie sei seine Schwester. Dem alten Ehepaar Awraham und Sara wird ein Sohn geboren: Jizchak. Hagar und ihr Sohn Jischmael werden fortgeschickt. Am Ende der Parascha prüft der Ewige Awraham: Er befiehlt ihm, Jizchak zu opfern.

1. Buch Mose 18,1 – 22,24

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