Best Ager

Mehr Alter wagen!

Im fortgeschrittenen Alter gesund, selbstbestimmt und aktiv leben – das wünschen wir uns alle. Foto: Thinkstock

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Mehr Alter wagen!

Viele sehen im Älterwerden eine Bedrohung – dabei kann es ein Segen sein

von Stephan Probst  02.08.2016 10:13 Uhr

Der körperorientierte Blick von Medizin und Anti-Aging-Industrie hat uns längst daran gewöhnt, im Altern nur noch eine bedrohliche Entwicklung zunehmender Gesundheitsbeeinträchtigungen und körperlichen Verfalls zu sehen.

Wenn wir in einem jüngeren Lebensabschnitt über unser Lebensende nachdenken, wünschen wir uns dieses als einen raschen Tod – am Ende eines langen, erfüllten Lebens. Aber bis dahin wollen wir gesund, selbstbestimmt und aktiv leben – also sehr alt werden, ohne je alt zu sein. Das wahrscheinlichere Szenario, wonach wir im letzten Lebensabschnitt als Pflegefälle abhängig von der Hilfe anderer sind und aufgeschobene Lebensziele nicht mehr realisieren können, blenden wir aus oder lassen uns gerne einreden, dass wir dies zuverlässig verhindern könnten.

Anti-Aging Die boomende »Anti-Aging-Bewegung« mit allen Erscheinungsformen dieser Verdrängungsstrategie (von der Beauty-, Lifestyle- und Wellnessindustrie bis hin zur Anti-Aging-Medizin) hat das Bild vom Altern und vom Alter in unserer Gesellschaft geprägt. Das Alter wird pathologisiert und zu einem Problem erklärt, das gelöst werden muss. Die darin liegende Missachtung menschlicher Vulnerabilität und Fragilität schafft eine Kultur der Verachtung von Abhängigkeit, Gebrechlichkeit und verzichtvollem Leben. Spätestens mit Gründung der »American Academy of Anti Aging Medicine« 1993 ist eine Spezialdisziplin in Erscheinung getreten, mit der die Medizin das Altern als Forschungsgegenstand und Praxisfeld entdeckt hat. Sie hat sich vorgenommen, die Menschheit vom Altern wie von einer Seuche zu befreien.

Auch im Judentum gibt es eine pessimistische Alterswahrnehmung: Am Ende des Buches Kohelet (12,12 ff.) leitet der Satz »Und denk zu mästen dich in deinen Jünglingstagen, bevor die bösen Tage kommen, die Jahre nahen, davon du sagst: ›Hab keine Lust an ihnen‹« eine der stärksten und düstersten literarischen Darstellungen der Gebrechen und Einschränkungen des Alters ein.

Allerdings entspricht die Tonart dieser Schilderung eher der Grundstimmung des Buches Kohelet als der eigentlichen jüdischen Tradition. Denn in der hohen Wertschätzung des Lebens ist eines der Kardinalprinzipien des Judentums zu sehen – und darin auch dessen wirklicher Maßstab für die Beurteilung des Alters.

Die hebräische Bibel und die rabbinischen Schriften stellen ein hohes Alter und den Tod nach einem langen erfüllten Leben als Segen und Lohn für die Erfüllung von Mizwot dar. Viel stärker wird auf die Weisheit des Alters denn auf Gebrechlichkeit und körperliche Hilflosigkeit im Alter hingewiesen, ohne indes letzteres zu verleugnen: »Prächtige Krone ist das Grauhaar, gefunden wird es auf dem Weg der Gerechtigkeit« (Mischle, 16,31); »Vor grauem Haupte sollst du aufstehn und ehrfürchten das Angesicht eines Greises« (3. Buch Mose 19,32); »Und Abraham verschied und starb in schönem Greisenalter, alt und lebenssatt« (1. Buch Mose 25,8).

Reife Entgegen einem biologisierenden Verständnis des Alterns wird hier ein entwicklungspsychologisches Geschehen betont: der im Altern liegende Selbstwerdungsprozess, der zur seelischen Reifung und zur Entfaltung der Persönlichkeit beiträgt. In unseren Schriften lesen wir von den Krisen und Leiden, die diesen Prozess vertiefen und intensivieren, sofern der Mensch nicht an ihnen scheitert.

Insofern ist eine gewisse Lebensspanne und die in ihr gesammelte Lebenserfahrung vielmals Voraussetzung für das Erlangen von Weisheit. Umgekehrt muss aber ein hohes Lebensalter nicht zwangsläufig mit Weisheit einhergehen und auch nicht immer Voraussetzung für diese sein: »Jung bin an Jahren ich und Greise ihr, drum scheut ich ängstlich mich, mein Wissen auch mit euch zu künden« (Hiob 32,6).

Die Tora gebietet Respekt vor den Alten selbst und nicht bloß vor deren Weisheit. Maimonides betont ausdrücklich, dass man sich auch vor Alten, die nicht weise sind, erheben muss (Yad, Talmud Tora 6:9). Es geht um die Vulnerabilität und Fragilität, die mit dem Alter kommen, denn man muss aufstehen, um Hilfestellung zu geben oder im Bedarfsfall stützen und geleiten zu können. Auch wenn das Alter uns gebrechlich macht, unsere körperlichen und geistigen Kräfte schwinden, so bleiben wir doch Menschen »bezelem elohim«, erschaffen im Ebenbild des Schöpfers.

Das größte Ausmaß an Vulnerabilität im Alter treffen wir bei dementen Menschen an, mit denen oft respektlos umgegangen wird, als hätten sie weder Persönlichkeit noch ein eigenes Selbst. An sie mag man heutzutage ganz besonders denken, wenn wir in Psalm 71,9 lesen: »Wirf mich nicht weg zur Zeit des Alters, wenn meine Kraft vergeht, verlasse mich nicht!« In einer Gesellschaft, die Alter und Altern nicht akzeptiert, sondern mit Anti-Aging verdrängt und gerade verlernt, für andere zu sorgen, ist dieser Hilferuf, den wir unter anderem in der Liturgie zu Jom Kippur finden, hochaktuell. In der Tora werden die schlimmsten Völker damit beschrieben, dass sie »keine Rücksicht auf den Greis« kennen (5. Buch Mose 28,50).

Der frühere aschkenasische Oberrabbiner von Haifa, Rabbi Shear Yashuv Cohen, überschrieb einen vielbeachteten Artikel, den er in der israelischen medizinethischen Zeitschrift ASSIA veröffentlichte, mit der Frage, ob »Alter ein Segen oder ein Fluch« sei. Eine berechtigte Frage in einer Zeit, in der die moderne Medizin nicht nur entscheidet, wie alt wir werden, sondern auch, wie wir alt werden.

Wir sterben nicht alle wie Moses, der 120-jährig noch unmittelbar vor seinem Tod einen Berg erklimmen konnte, sondern häufig viel jünger und dennoch einen langsameren Tod, über viele Jahre hinweg, am Ende eines chronischen Krankheitsverlaufs. Das ist die Schattenseite des medizinischen Fortschritts: dass wir nämlich viele Krankheiten, an denen die Menschen früher rasch gestorben sind, viele Jahre überleben können, doch oft um den Preis der Pflegebedürftigkeit.

Klarer Verstand Für Rabbiner Cohen ist die Antwort auf die Frage, ob das Alter Segen oder Fluch sei, aber eindeutig: Für ihn ist es ein Segen, alt zu werden. Allerdings macht er die Einschränkung: »wenn dies bei klarem Verstand und körperlicher Gesundheit geschieht«.

Ein langes Leben ist für ihn nicht zwangsläufig und unter allen Umständen als Segen zu betrachten. Ein letzter Lebensabschnitt in Einsamkeit und mit Verlust jeglicher Autonomie, einem unmenschlichen Umfeld ausgeliefert, kann tatsächlich zum Fluch werden und wird von vielen alten Menschen auch so erlebt. Schon Moritz Lazarus, einer der Gründer der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin, erkannte, dass nicht nur das Lebensalter und die mit ihm einhergehenden Gebrechen allein, sondern vor allem der Umgang der Gesellschaft mit den Alten die Frage beantwortet, ob ein hohes Lebensalter Fluch oder Segen sei. 1872 schrieb er: »Ich rede nicht von dem, was das Alter noch Hohes und Besonderes zu leisten im Stande ist, sondern von seinem bloßen Dasein, von dem bloßen Leben.

Ob ein Großvater oder eine Großmutter in jenem unproduktiven Alter noch in der Familie lebt oder nicht lebt, macht für den moralischen Bestand der ganzen Familie und, wenn es viele Familien sind, der ganzen Stadt und des Volkes einen wesentlichen Unterschied. ... (Die Alten) sind ein Segen des Volkes nicht durch das, was sie in ihrem Alter noch so Gutes und Großes leisten, sondern durch das, was sie von der Jugend empfangen.«

Dieses Empfangen, von dem Lazarus spricht, und das Wissen um die Zeitlichkeit menschlichen Lebens, die Vergänglichkeit von Kraft und Jugend und die im hohen Alter in Sicht kommende Endlichkeit eröffnen die Dimension des Moralischen und Ethischen.

Entscheidungen Das Wissen um unsere Endlichkeit und die verrinnende Lebenszeit bringt uns dazu, uns mit der Grundfrage nach richtigen Entscheidungen zu befassen und nach einem gelingenden Leben zu streben. Gesellschaftlich, aber auch ganz individuell müssen wir uns in diesem Sinne dem Altern stellen und uns auf ein Altern vorbereiten, in dem wir einen Segen erkennen dürfen.

Das Wissen um diese Altersvorbereitung finden wir als Juden in der Tora, und so bekommt das Diktum aus dem Traktat Kinnim der Mischna eine zweifache Bedeutung: »Unwissende Greise werden, je älter sie werden, desto verworrener in ihrem Denken, wie es heißt: Er nimmt Bewährten die Sprache und den Greisen nimmt er den Verstand. Aber bei torakundigen Greisen ist es nicht so, sondern je älter sie werden, desto gesetzter werden sie in ihrem Denken, wie es heißt: Bei den Greisen ist Weisheit, und langes Leben gewährt Einsicht.«

Der Autor ist Leitender Oberarzt der Klinik für Hämatologie, Onkologie und Palliativmedizin am Klinikum Bielefeld und Mitglied der Jüdischen Kultusgemeinde Bielefeld »Beit Tikwa«.

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