Übergang

Alles zu jeder Zeit

Einige Kommentatoren schreiben, dass das jüdische Volk bis zum Beginn des Sukkotfestes so sehr mit den Vorbereitungen beschäftigt ist, dass keine Zeit bleibt zu sündigen. Foto: Getty Images

An der Stelle, an der die Tora das Gebot der vier Arten von Sukkot erwähnt – Lulaw, Hadassim, Arawot und Etrog –, heißt es: »Und ihr sollt euch am ersten Tag Früchte von schönen Bäumen nehmen« (3. Buch Mose 23,40).

Der Midrasch stellt dazu die offensichtliche Frage: Sukkot beginnt am 15. Tag des siebten Monats (Tischri) – warum spricht die Tora dann von einem »ersten Tag«? Und erklärt: Der erste Tag des Sukkotfestes ist der erste Tag, an dem die Sünden des neuen Jahres aufgeschrieben werden (Jalkut Schimoni, Emor 651).

Was bedeutet das? An Rosch Haschana, also am ersten und zweiten Tag des Monats Tischri, wird der Mensch von G’tt gerichtet. G’tt entscheidet in diesem Moment – ausgehend von den guten Taten und den Verfehlungen der Person –, wie das weitere Jahr aussehen wird: welche Prüfungen, welcher Segen und welche Möglichkeiten ihn in den kommenden zwölf Monaten erwarten. Dies gilt sowohl für jeden Einzelnen als auch für jede Nation und jedes Land.

So erklären unsere Weisen auch den Vers über das Land Israel: »Ein Land, auf das Haschem, dein G’tt, immer achtet; die Augen Haschems, deines G’ttes, sind allezeit auf ihm, vom Anfang des Jahres bis zum Ende des Jahres« (5. Buch Mose 11,12). Offensichtlich sieht G’tt alles zu jeder Zeit. Doch aus der besonderen Formulierung »vom Anfang des Jahres bis zum Ende des Jahres« lernen unsere Weisen, dass der Richtspruch G’ttes – gleichsam die »Augen«, mit denen Er das Land betrachtet – jeweils von einem Rosch Haschana bis zum nächsten gilt.

Laut dem Midrasch werden die Sünden erst ab Sukkot gezählt. Ein Freifahrtschein?

Nach Rosch Haschana folgt die eindringliche Zeit der »Jamim Nora’im«, der ehrfurchtsvollen Tage. In dieser Woche soll der Mensch intensiv an sich arbeiten und versuchen, seine Beziehung sowohl zu G’tt als auch zu seinen Mitmenschen zu verbessern. Am 10. Tischri ist Jom Kippur, der Tag der Versöhnung: Man fastet, bittet um Vergebung, und an diesem Tag wird der Richterspruch G’ttes besiegelt. Darauf folgen vier Tage, in denen sich das jüdische Volk auf das Sukkotfest vorbereitet, das am 15. Tischri beginnt.

Doch laut dem oben zitierten Midrasch werden die Sünden des neuen Jahres erst ab dem 15. Tischri gezählt. Was bedeutet das – sind diese vier Zwischentage etwa ein »Freifahrtschein« zum Sündigen? Einige Kommentatoren erklären diese Stelle so, dass das jüdische Volk bis zum Beginn des Sukkotfestes so sehr mit den Vorbereitungen beschäftigt ist, dass keine Zeit bleibt zu sündigen. Eine schöne Erklärung – allerdings bleibt die Frage, ob die Sünden der Menschen zwischen Jom Kippur und Sukkot gezählt werden oder nicht.

Ich möchte folgende Interpretation vorschlagen: Unsere Weisen lehren, dass Sara in dem Moment starb, als Awraham und Jizchak die Prüfung am Berg Moria bestanden hatten, als sie bereit waren, auf G’ttes Stimme zu hören. Die Weisen erklären, dass dies die endgültige Prüfung Awrahams war: Er hatte sich bereit erklärt, G’tt zu gehorchen und sogar seinen geliebten Sohn zu opfern. Doch die Frage war, ob sein Glaube auch dann standhalten würde, wenn das Resultat seiner Gehorsamkeit nicht Lob, sondern der Tod seiner geliebten Frau wäre. Würde er in diesem Fall wanken?

Auch diese Prüfung bestand Awraham, indem er seine Trauer über Sara zurückhielt und G’ttes Richterspruch akzeptierte. Mit anderen Worten: Es gibt den Test, ihn zu bestehen, und es gibt den Test, nach dem Test standhaft zu bleiben.

Rabbi Isaak Luria (1534–1572) erklärt, dass das g’ttliche Gericht nicht mit Jom Kippur endet. Jom Kippur bildet den Siegelstempel des Urteils, das an Rosch Haschana gefällt wurde. Erst jedoch an Hoschana Rabba, dem siebten Tag von Sukkot, wird das Urteil endgültig besiegelt – das »Siegel im Siegel« über das Schicksal des kommenden Jahres.

Rabbi Isaak Luria erklärt, dass das g’ttliche Gericht nicht mit Jom Kippur endet.

In diesem Moment öffnet G’tt erneut das Buch des Lebens, betrachtet die Taten jedes Menschen im gesamten Leben – einschließlich der früheren Inkarnationen – und kann unter Umständen sogar das, was an Rosch Haschana und Jom Kippur entschieden wurde, verändern. In dieser Phase werden die Sünden des Menschen für das kommende Jahr ab Sukkot verzeichnet, während die Sünden für das vergangene Jahr bis Sukkot notiert werden. Mit anderen Worten: Das Jahr ist mit Jom Kippur nicht beendet!

Nach dem Test ist vor dem Test, denn die Tage zwischen Jom Kippur und Sukkot gehören weiterhin zum selben »Konto« wie die Tage zwischen Rosch Haschana und Jom Kippur. Die zitierte Stelle im Midrasch stellt daher keinen Freifahrtschein zum Sündigen dar, sondern erinnert vielmehr daran, auch nach Jom Kippur standhaft zu bleiben und die spirituelle Verantwortung nicht weniger ernst zu nehmen.

Wir neigen dazu, uns in den zehn Tagen zusammenzureißen, auf Jom Kippur hinzuarbeiten und danach wieder locker zu lassen. Doch der Midrasch lehrt uns, dass Jom Kippur nicht der letzte Tag des Jahres ist: Der 14. Tischri gehört noch zum vorigen Jahr, und auch die Taten an Sukkot beeinflussen die endgültige Besiegelung an Hoschana Rabba.

Auch in diesem Jahr, unter dem Eindruck der schwierigen Lage, in der sich unser Volk und die Welt befinden, ist es besonders wichtig, Einheit, Glaube, Nächstenliebe zu praktizieren und von übler Nachrede und unnötigen Streitigkeiten abzulassen – nicht nur vor Jom Kippur, sondern auch danach!

Wir wissen, dass das Exil des jüdischen Volkes und die Zerstörung des Tempels vor allem darauf zurückzuführen sind, dass unter uns Hass herrschte. Wir haben einander nicht respektiert, keinen Zusammenhalt gezeigt und keine echte Einheit gebildet. Wenn wir von Sünden sprechen, dann meinen wir in erster Linie diese zwischenmenschlichen Verfehlungen.

Der Autor ist ist Religionslehrer und Sozialarbeiter der Jüdischen Gemeinde Osnabrück.

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