Amt

Mann mit Makel

Der biblische Wochenabschnitt aus dem 3. Buch Mose behandelt die Amtseinführung des ersten Hohenpriesters Aharon. Zu seinen Aufgaben gehörte der erhabene Dienst im Wüstenheiligtum, in der Stiftshütte. Durch sein Beispiel sollten die Kinder Israels seelisch gerüstet und in ihrem Glauben für ein g’ttgefälliges Leben gestärkt werden. Die Aufgabe des Hohenpriesters war es, aus den ehemaligen Sklaven ein G’ttesvolk zu machen.

Der erste Priester (Kohen) Israels, Aharon, begann seinen Dienst mit einem Sündenopfer für sich und seine Söhne. Die Intention dieser Anordnung sollte Aharon verdeutlichen, dass der Kohen ein Diener G’ttes und des ganzen Volkes ist. Seine Sonderstellung in diesem Dienst gewährt ihm nicht den Status, als Makelloser zu gelten.

Götze Die Kommentatoren meinten, es sei allzu verständlich, dass Aharon angesichts jener Aufgaben und Pflichten beinahe an sich zu zweifeln begann. Er war eine Zeit lang unsicher, ob seine persönlichen Eigenschaften und Fähigkeiten ihn überhaupt für dieses Amt qualifizieren. War er doch derjenige, der während Mosches Abwesenheit auf Drängen des Volkes das Goldene Kalb, einen Götzen zum Anbeten, anfertigen ließ. Aharon war demnach kein »unbeschriebenes Blatt« – ganz im Gegenteil: Er galt als schwer belastet. Und trotzdem wurde er mit priesterlichen Aufgaben betraut, mit der Verrichtung der heiligen Dienste. Wie ist das zu verstehen?

Wir würden heute zum Beispiel bei einem überführten Agenten andere Maßstäbe anlegen. Die Exegeten des Midraschs und insbesondere die des Talmuds dachten da völlig anders: Der Midrasch erwähnt den zögernden Gang Aharons in Richtung des Altars und dass Mosche ihm daraufhin entgegenhielt: Deine innere Unruhe wegen der quälenden Erinnerung an das Goldene Kalb spricht für dich. Es zeigt, dass du ein Gewissen hast, auf dessen Stimme du in der Zukunft mehr hören wirst. Daher fiel die g’ttliche Entscheidung, wer der erste Priester sein wird, auf dich.

ernennung Auch die späteren Geschehnisse bestätigen die Richtigkeit seiner Ernennung. Aharons belastende Zweifel sind keineswegs eine Seltenheit in der jüdischen Geschichte. Der Talmud berichtet, dass man im zweiten Jahrhundert n.d.Z. einen der größten Gelehrten jener Epoche, Rabbi Akiba, zum Gemeindevorsteher wählen wollte. Daraufhin bat er jedoch um Bedenkzeit. Die Delegation der Gemeinde begleitete den Rabbi auf dem Weg vom Lehrhaus zu seiner Wohnung. Auf einmal hörten sie, wie er halblaut meditierte: Wer braucht denn diese Würde? Wozu mir dieses Amt? Damit sie mich womöglich sogar demütigen können? Würde es nicht meinem Namen weniger Ehre, aber dafür vielleicht Schande bringen?

Im Talmud (Joma 22b) schlagen einige Gelehrte ganz ausdrücklich vor: Auf einen Posten im öffentlichen Leben sollten auch Persönlichkeiten gewählt werden können, die durch einen früheren Fehler, einen Makel, belastet sind – aber daraus gelernt haben, weil sie dafür bereits lange genug gebüßt haben.

Selbstverständlich wollte der Talmud mit dieser Einstellung nicht leichtfertig Kapitalverbrecher im heutigen Sinne rehabilitieren. Für geringfügige Fehlleistungen konnte nur der bildhaft formulierte Grundsatz gelten: Es wird gelehrt, dass man auch öffentliche Würdenträger ernennen könne, auf deren Rücken ihre Vergangenheit »wie ein Korb voller Würmer« hängt. Denn: Sollte der Amtsinhaber machtsüchtig und hochmütig handeln, könnte man ihn leicht ermahnen: Wende deine Blicke nach hinten und vergiss nicht, was – für jedermann sichtbar – auf deinem Rücken hängt!

Macht Ob diese alte Methode heute noch Wirkung zeigt, weiß ich nicht. Aber es ist lehrreich, dass führende Persönlichkeiten jener Zeit ihre klare Sicht bewahren und die Verführungen der Macht eines Amtes richtig einschätzen konnten.

Ein sehr langer und weiter Weg führt von da aus zu manchen Würdenträgern unserer Zeit, die bei der eigenen Nominierung für ein Amt für sich selbst stimmen, weil sie meinen, genügend Vertrauen in sich setzen zu können.

Um die vorhin erwähnte Einstellung der Gelehrten des Talmuds zu einer Position in der Öffentlichkeit weiter belegen zu können, bieten sich auch Beispiele aus späterer Zeit an. Martin Buber beschreibt in einem seiner Werke über die chassidische Bewegung, wie die Anhänger des Ba’al Schem Tow nach dessen Tod beschlossen, Reb Beer aus Meseritsch als Nachfolger des Meisters an die Spitze der Bewegung zu stellen. Als dieser von den Plänen erfuhr, erschrak er und betete: »Herr der Welt, welche Sünde habe ich begangen, dass mir so etwas widerfährt?« Die Beispiele von Aharon, Rabbi Akiba und Reb Beer illustrieren eine selten gewordene Haltung der Menschen.

Das Drängen nach Ämtern stellt die früher bekannte Tatsache in Abrede, dass Führungspositionen gleichzeitig auch Sorgen und Verantwortung bedeuten. Es stimmt zwar, dass die Ehre und Hochachtung der Mitmenschen verlockende Erfolgsprämien sind. Aber Erfolge verblassen rasch. Überdies können so manche Ämter die persönliche Handlungsfreiheit des Amtsinhabers einschränken. Früher musste man jemandem des Öfteren eine Position aufdrängen. Dies hat sich weltweit geändert. Hoffen wir, dass die Beispiele aus früheren Zeiten in unseren Kreisen eine verantwortungsbewusste Haltung der Führungskräfte fördern.

Der Autor war von 1981 bis 2002 Landesrabbiner von Württemberg.

Inhalt
Der Wochenabschnitt Schemini schildert zunächst die Amtseinführung Aharons und seiner Söhne als Priester sowie ihr erstes Opfer. Dann folgt die Vorschrift, dass die Priester, die den Dienst verrichten, weder Wein noch andere berauschende Getränke trinken dürfen. Der Abschnitt listet auf, welche Tiere koscher sind und welche nicht, und er erklärt, wie mit der Verunreinigung durch tote Tiere umzugehen ist.
3. Buch Mose 9,1 – 11,47

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