Exodus

Lust auf Knoblauch

Laut dem Midrasch konnte man im Manna jegliche Sorten von Speisen schmecken – außer Knoblauch und Zwiebel. Foto: Thinkstock

Aus der Knechtschaft Ägyptens befreit, zeigen sich die Israeliten auf ihrer Wanderschaft durch die Wüste nicht nur unzufrieden, sondern bringen auch bittere Klagen vor. Sie maulen über die Verpflegung während der Reise: »Wer wird uns Fleisch zu essen geben? Wir gedenken der Fische, die wir in Ägypten umsonst aßen, und der Kürbisse, der Melonen, des Lauchs, der Zwiebeln und des Knoblauchs. Nun aber ist unsere Seele matt, denn unsere Augen sehen nichts als das Manna« (4. Buch Mose 11, 4–6).

Die aus der ägyptischen Knechtschaft befreiten Israeliten haben ihre Klagen reichlich überzogen. Es scheint, dass ihre Erinnerungen an die Jahre der Knechtschaft in Ägypten alles andere als realistisch waren.

Wie konnten sie ernstlich erwähnen, dass die Sklaventreiber ihre Knechte mit frischem Gemüse und kostenlosen Fischmahlzeiten ernährt hätten? Dieselben Ägypter, die den Israeliten selbst die für ihre Arbeit erforderlichen Grundstoffe zur Herstellung von Lehmziegeln verweigert hatten?

Einige unserer Kommentatoren bemühen sich dennoch, eine plausible Erklärung für die angeblich gratis verteilten Fische zu finden. Der Philosoph Ibn Esra (1092–1167) meint, dass Fisch damals vielleicht derart preisgünstig war, dass man ihn fast umsonst bekam. Andere Gelehrte sind der Ansicht, dass die Ägypter Fisch möglicherweise verschmähten und die Sklaven ihn daher verzehren durften.

Willkür 400 Jahre hatten die Israeliten in Ägypten verbracht, laut einem exegetischen Midrasch mehr als 210 Jahre davon mit harter Arbeit. Wie konnten sie Willkür, Schläge und Grausamkeiten vergessen? Wie konnten sie sich nicht mehr daran erinnern, dass ihre Säuglinge von den Peinigern im Nil ertränkt wurden? Ließ ihr Gedächtnis sie dermaßen im Stich? Sie besannen sich bloß auf die Zwiebeln und Melonen. Und die Freiheit, die sie sich kaum zu erträumen gewagt hatten, war jetzt aus ihrer Erinnerung verschwunden. Ihre Tage waren nur vom Jammern und ihren Beschwerden bestimmt.

Die Nüchternen unter ihnen sahen den Grund für die haltlose Mäkelei in einem Mob, in fremden Glücksrittern, die sich ihnen unterwegs angeschlossen hatten. Sie meinten, dass diese Abenteurer für die unangebrachten Klagen verantwortlich waren.

Diese Mitläufer waren zwar auch am Berg Sinai dabei gewesen, hörten die Worte des Herrn, vernahmen die Zehn Gebote der Tora, jedoch blieb all dies auf sie ohne Wirkung. Im Gegenteil, sie übten einen negativen Einfluss auf die Israeliten aus.

Ein chassidischer Rabbi des jüdischen Mystizismus lässt jedoch die Verantwortung nicht auf die fremden Mitreisenden abwälzen. Er meint, dass der Pöbel vom Jezer Hara, den verführerischen, bösen Trieben, erfasst worden war. Infolge dieser Gesinnung werden viele dazu getrieben, etwas reell Unerreichbares zu begehren und so manches, das unerfüllbar ist.

Fleischtöpfe Die »Fleischtöpfe Ägyptens«, nach denen sich die Israeliten in der Wüste vergeblich sehnten, sind eine bis heute oft benutzte Redewendung. Wenn jemand den vermeintlichen Mangel in der Gegenwart in überschwänglich rosigen Farben der Vergangenheit darstellt, die gar nicht so gewesen ist, wird oft dieses biblische Wortbild von den »Fleischtöpfen Ägyptens« hervorgeholt. Der Midrasch fragt, ob die Israeliten in der Wüste wirklich kein Fleisch in ihren Töpfen hatten. Sie haben doch aus Ägypten ganze Tierherden mitgeführt. Wer hätte sie daran gehindert, diese zu schlachten?

Das Volk dachte anders: Die Israeliten wollten ihre eigenen Schafe nicht verzehren. Sie waren der Meinung, dass es dem Herrn, ihrem Befreier, oblag, für ihre Vollverpflegung zu sorgen. Er würde Seinem Volk nach dem langweilig gewordenen Manna doch auch noch fette Fleischstücke reichen müssen.

Manna hatte die Form von Koriandersamen und sah weißlich aus wie Bdelliumharz. Es fiel nachts mit dem Tau auf das Lager der Israeliten. Die Menschen sammelten und zerrieben es zwischen Mahlsteinen oder zerstießen es in Mörsern, kochten es im Topf oder backten Fladen daraus. Diese schmeckten wie Fladenbrot aus Weizenmehl und Olivenöl.

Laut dem Midrasch konnte man in dem Manna auch jegliche Sorten von Speisen schmecken – außer Knoblauch und Zwiebel. Doch gerade deren Geschmack wollten die Israeliten während ihrer Wüstenwanderung auf der Zunge spüren.

Tradition Über die besonderen Geschmacksrichtungen des biblischen Manna las ich in der Autobiografie Mit Schwert und Buch des amerikanisch-israelischen Talmudgelehrten David Weiss Halivni (Jahrgang 1927). Er galt schon als Fünfjähriger in der Talmud-Tora-Schule im karpato-ukrainischen Szighet als außerordentlich begabtes, helles Kerlchen.

In seinen Memoiren schrieb Halivni: »Der Tradition zufolge konnte man jeden erwünschten Geschmack im Manna schmecken, mit Ausnahme von Knoblauch. Als Grund für diese Ausnahme heißt es, dass Knoblauch für Schwangere ungesund sei. Als unser Lehrer uns das erzählte, forderte ich ihn mit folgendem Argument heraus: ›Wenn der Geschmack des Manna durch die Wahl des Essens bestimmt wird – es potenziell also jeglichen Geschmack enthält und man bekommt, was man sich wünscht –, weshalb kann man sich dann nicht auch Knoblauch wünschen? Wenn es für eine Schwangere schädlich ist, soll sich die Frau doch diesen Geschmack einfach nicht wünschen!‹ Der Lehrer wusste darauf keine Antwort.«

Kurz nach diesem Dialog sind mit der Schoa alle jüdischen Schulen von Szighet mit ihren scharfsinnigen Diskussionen und mit ihnen die Menschen des Schtetl untergegangen und ausgemerzt worden. Die Frage des in die Tora vertieften Wunderkinds blieb uns und anderen Lernenden jedoch erhalten.

Der Autor war von 1981 bis 2002 Landesrabbiner von Württemberg.

Inhalt
Der Wochenabschnitt Beha’alotcha beginnt mit den Vorschriften für das Licht im Stiftszelt. Danach bringt er weitere Vorschriften für die Leviten. Außerdem wird ein zweites Pessachfest für diejenigen eingeführt, die es im Monat Nissan nicht feiern konnten. Ferner wird geschildert, wie am Tag eine Wolke und nachts eine Feuersäule die Anwesenheit des Ewigen am Stiftszelt anzeigen. Immer, wenn die Wolke sich vom Stiftszelt entfernte, setzten auch die Kinder Israels ihren Zug fort.
4. Buch Mose 8,1 – 12,16

Dialog

Zwischen Vatikan und Juden geht nach dem 7. Oktober kaum noch was

Seit Jahrhunderten ist das Verhältnis zwischen katholischer Kirche und Juden turbulent. Nach einem Zwischenhoch unter Johannes Paul II. kühlte es wieder ab. Und seit dem Gazakrieg nähert es sich einem neuen Tiefpunkt

von Ludwig Ring-Eifel  06.10.2026

Schweiz

Ein Importverbot von koscherem Fleisch gefährdet jüdisches Leben

Ein Kommentar von Jonathan Kreutner, Generalsekretär des jüdischen Dachverbands SIG

von Jonathan Kreutner  02.10.2026

Schemini Azeret

Ende und Anfang

Nach der langen Zeit der Feiertage beginnt der neue Jahreskreis

von Chajm Guski  02.10.2026

Simchat Tora

Im eigenen Rhythmus

Die fünf Bücher Mose bilden den Herzschlag des jüdischen Volkes

von Valentin Lutset  02.10.2026

Talmudisches

Frieden mit sich selbst und anderen

Was unsere Weisen über das innere Gleichgewicht und das Miteinander lehren

von Vyacheslav Dobrovych  01.10.2026

Feiertage

Gut gefüllt

Zu Sukkot gibt es eigentlich keine traditionellen Speisen wie an Rosch Haschana oder Pessach. Und doch essen sich gefülltes Gemüse, Teigtaschen und gestopfte Weinblätter in der Laubhütte besonders gut. Steckt mehr dahinter?

von Daniela Rusowsky  29.09.2026

Schweiz

Eine Sukka voller Fragen

Die Israelitische Cultusgemeinde Zürich hat ihre nichtjüdischen Nachbarinnen und Nachbarn in die Laubhütte eingeladen. Zu selbstgemachtem Hummus darf alles gefragt werden. Ein Besuch

von Nicole Dreyfus  25.09.2026

Zusammenhalt

Was uns verbindet

Sieben Tage feiern Juden in der Laubhütte. Der achte aber hat eine eigene Botschaft

von Rabbiner Elischa Portnoy  25.09.2026

Sukkot

Mit Herz und Sinnen

Welche Bedeutung die Vier Arten an Sukkot haben und warum sie den Menschen erfreuen

von Rabbiner Avraham Radbil  24.09.2026