Taktik

Lob der Korruption

Unwiderstehlich: »Bestechung blendet die Sehenden« (2. Buch Moses 23,8). Foto: imago

Im Wochenabschnitt Wajischlach lernen wir über die positive Macht der Bestechung. Nach Jakows Heimreise von Paadan‐Aram, wo er 14 Jahre lang bei seinem Onkel Lawan gearbeitet hat, wurde er von seinem älteren Bruder Esaw mit einer 400 Mann starken Armee begrüßt.

Was hatte Esaw mit dieser Armee vor? Das konnte Jakow mit seiner jungen Familie zwar nicht genau wissen, gut sah die Situation allerdings nicht aus. Jakow wusste von dem Hass seines Bruders ihm gegenüber wegen des begehrten Erstgeborenensegens, den der Vater Jitzchak dem Jüngeren gegeben hat. Die Tora berichtet von Esaws damaligem Beschluss, seinen Bruder zu ermorden (1. Buch Moses 27,41). Jakow wägte daher zwischen den einzelnen, sich ihm bietenden Optionen ab. Anstatt sich auf eine gewalttätige Konfrontation vorzubereiten, besticht er Esaw mit feierlicher Pracht (32,7) und erreicht, dass seine Familie nicht mehr bedroht wird.

Dank dieser klugen Strategie wurden zahlreiche Menschenleben gerettet und ein stabiler Frieden zwischen Jakow und Esaw gestiftet. Letzten Endes wurde durch sie die Zukunft des jüdischen Volkes ermöglicht. Bestechung kann also eine wunderbare, friedliche Taktik sein.

Manipulation Diese Feststellung überrascht. Bedeutet Bestechung doch, den inneren Willen des anderen zu manipulieren, um die eigenen Ziele zu erreichen. Oft bedienen sich Mächtige dieses Werkzeugs, um Ungerechtigkeiten zu begehen. Die Tora verbietet einem Richter generell, Bestechungsgeld anzunehmen. Sogar dann, wenn die Bestechung den Richter nicht davon abhält, im Sinne der Wahrheit zu urteilen. »Denn die Bestechung blendet die Sehenden und verdirbt die Worte der Gerechten« (2. Buch Moses 23,8). Wie weit reicht der negative Einfluss der Bestechung? Die Gemara in Ketubot 105a erklärt, »sogar der Toragelehrte, der Bestechung akzeptiert, wird am Ende seine Erkenntnisse verlieren. Er wird das Gelernte vergessen. Und sein Blick wird getrübt.«

Ein Richter kann Bestechungsgelder nicht akzeptieren, ohne dass sich dies auf sein Verständnis des Falles auswirkt. Seine Wahrnehmung des Sachverhaltes wird verschwimmen, seine Anwendung der relevanten Gesetze wird beeinflusst. Durch die Bestechung sieht er die Realität verändert und falsch.

Ein Toragelehrter ist jemand, der sehr an sich und seinem Charakter gearbeitet hat. Er versucht, entgegen eigenen Neigungen und Interessen zu handeln, um sich an höheren Werten zu orientieren. Ein schlechter Mensch dagegen handelt nur im Sinne seiner Neigungen und Interessen. Wenn nun die Macht der Bestechung sogar den Toragelehrten bezwingt, wie verhängnisvoll wird sie dann erst auf einen schlechten Menschen wirken?

Gier Jakow bereitete für seinen Bruder Esaw vor dem ersten Wiedersehen folgendes Geschenk vor: 200 Ziegen und 20 Böcke, 200 Schafe und 20 Widder, 30 säugende Kamele mit ihren Jungen, 40 Kühe und zehn Stiere, 20 Eselinnen und zehn Eselfüllen. Er übergab diese Geschenke seinen Knechten, für jede Herde einen Knecht. Sforno kommentiert dies so: Durch diese Aufstellung sollte für Esaw auf den ersten Blick erkennbar sein, dass für jede Art die ideale Anzahl an männlichen und weiblichen Tieren für die effektive Züchtung vorhanden ist.

Und er sprach zu seinen Knechten: Zieht vor mir her und lasset zwischen einer Herde und der ihr folgenden einen Zwischenraum. Raschi kommentiert dies wie folgt: Die Anordnung hatte zum Ziel, den gesamten Horizont mit Tieren zu füllen, um so Esaws Gier zu wecken.

Jakow befahl dem ersten Knecht: Wenn mein Bruder dir begegnet und dich fragt: Wem gehörst du an, wohin gehst du, und für wen sind diese da vor dir?

Jakow konnte voraussehen, dass Esaw, von dem Anblick begeistert, fragen wird: »Für wen sind diese da vor dir?« Und so antwortet der Knecht auf Esaws Frage: »Zu deinem Knecht Jakow gehöre ich. Dies ist ein Geschenk, das er an meinen Herrn Esaw sendet, und er selbst folgt nach.« So befahl er auch dem Zweiten, auch dem Dritten, so allen, die hinter den Herden hergingen (1. Buch Moses 32, 13–19).

Gab es in der Weltgeschichte jemals eine vergleichbar durchdachte Bestechung? Sogar die schlimmsten Feinde des jüdischen Volkes würden angesichts eines solchen Geschenks anfangen, Gefilte Fisch zu loben und Klezmermusik für die Hochzeitsfeiern ihrer Kinder zu bestellen. Jakows Bestechungstaktik ging jedoch noch weiter: So heißt es, »er selbst warf sich vor seinem Bruder sieben Mal zur Erde nieder, bis er an ihn herankam« (33,3).

Liebe Und was war das Ergebnis? War das Geschenk ausreichend, um den geplanten Vernichtungskrieg abzuhalten? Wenn Esaw einen so tiefen Hass für seinen Bruder empfand, dass er gegen ihn eine 400 Mann starke Armee aufstellte, konnte man da plötzliche brüderliche Liebe von ihm erwarten, ganz gleich, wie gut das Geschenk auch sein mochte? Einen halbherzigen Handschlag könnte man vielleicht erwarten.

Die Tora berichtet jedoch: Da lief Esaw ihm entgegen, umarmte ihn, fiel ihm um den Hals und küsste ihn, und sie weinten (33,4). Raschi zitiert hierzu den Midrasch im Namen von Rabbi Schimon bar Jochai, dem zentralen Lehrer der Kabbala: »Es ist bekannt, dass Esaw Jakow hasst. Einzig in jener Stunde wurde sein Erbarmen rege, und er küsste ihn von ganzem Herzen.« Die Bestechung blendet die Sehenden und verdirbt die Worte der Gerechten. Noch mehr tut sie mit den Blinden und Ungerechten.

Esaw hat nicht etwa seinen Hass beiseitegeschoben und ignoriert, um die prachtvollen Geschenke entgegennehmen zu können. Vielmehr verschwand sein Hass tat‐ sächlich in diesem Augenblick und wandelte sich zu einer tief empfundenen Liebe. Wir unterschätzen die Macht der Bestechung und wie intensiv sie auf uns wirkt. Oftmals in der jüdischen Geschichte wurde Jakows Taktik gegen die Feinde des jüdischen Volkes mit Erfolg verwandt.

Der Autor studiert an der Humboldt‐Universität und am Rabbinerseminar zu Berlin.

Inhalt
Der Wochenabschnitt Wajischlach erzählt davon, wie Jakow sich aufmacht, seinen Bruder Esaw zu treffen. In der Nacht kämpft er an einer Furt des Jabok mit einem Mann. Dieser ändert Jakows Namen in Jisra‐El. Jakow und Esaw treffen zusammen und gehen anschließend wieder getrennte Wege. Später stirbt Rachel nach der schweren Geburt Benjamins und wird in Efrah beigesetzt. Als auch Jitzchak stirbt, begraben ihn seine Söhne Jakow und Esaw in Hebron.
1. Buch Moses 32,3 – 36,43

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