Tu Beaw

Liebe im Hochsommer

Tu beAw wird nicht in den Synagogen gefeiert, eignet sich aber bestens für ein romantisches Picknick. Foto: GettyImages

Alle elf Minuten verliebt sich ein Single …« – mit diesem Slogan wirbt in Deutschland eine große Partneragentur. An diversen U‐Bahnhöfen sind wir mit großen Plakaten konfrontiert, auf denen sich starke junge Männer selbstbewusst und stolz präsentieren – und hübsche junge Damen bescheiden lächeln, den Kopf nach unten gesenkt.

Alle sehen absolut perfekt aus und sind garantiert promoviert, in guten Jobs gelandet und glücklich bei ihrer Arbeit, verfügen über blendend weiße Zähne, verströmen weder Mund‐ noch Körpergeruch und haben total nette Familienmitglieder.

An ihnen sieht man weder Tattoos noch Ohrstecker, sie rauchen nicht und trinken nur in Maßen. Außerdem sind sie noch Jungfrauen, aber haben trotzdem schon viel Erfahrung und warten nur darauf, dass der oder die Richtige erscheint.

Angeblich verliebt sich alle elf Minuten jemand in diese Leute. Ich frage mich bloß: Was soll das eigentlich bringen? Sich in jemanden zu verlieben, ist ganz einfach und passiert schnell, führt aber nur zu Tränen – wenn es einseitig bleibt. Viel wichtiger ist doch, dass sich zwei Leute gegenseitig ineinander verlieben, sonst ist alles vergeblich und nur Zeit‐ und Energieverschwendung.

Tu beAw, der 15. Tag des Monats Aw, gilt als der »jüdische Valentinstag« – er wird mit den hebräischen Buchstaben Tet und Waw wiedergegeben, um den Namen Gottes durch das Ausschreiben der Buchstaben Jod (für die Zahl Zehn) und Heh (für die Zahl Fünf) nicht versehentlich zu verletzen). In diesem Jahr fällt Tu beAw auf Freitag, den 27. Juli.

Vollmond Es ist ein Tag, der an Vollmond, nur wenige Tage nach dem Trauertag Tischa beAw, gefeiert wird und der Liebe gewidmet ist. Ein perfekter Anlass, um über die Liebe nachzudenken. Ach, die Liebe! Jede und jeder sucht die Liebe, und die möglichen Kombinationen sind heutzutage frei wählbar.
Auf Griechisch macht man einen Unterschied zwischen »Agape« und »Eros« – zwischen spiritueller oder platonischer und körperlicher Liebe. Die erste Liebe im Kindergarten war noch ganz unschuldig – erst später wurde das idealistische Bild der Geliebten durch Schock und Enttäuschung getrübt. Viele Menschen bleiben lebenslang auf der Suche nach der Liebe. Wie kommt das bloß?

Schon die Rabbiner wussten, wie schwierig es ist, Paare zusammenzubringen. Angeblich gibt es für jede Person den richtigen Partner oder die richtige Partnerin – aber wo findet man sie nur? Gibt es Engel, die Dienst tun, um Menschen zusammenzubringen?

Schadchan Oder braucht man Hilfe von einem Schadchan, einem Heiratsvermittler, der passende Partner sucht und vermittelt? Der Begriff »passend« umfasst Geschlecht, Stand, Status, Religion, Familienverhältnisse, Gesundheit, Vermeidung möglicher Probleme wie erbliche Krankheiten, Kriminalität oder Unfruchtbarkeit.

Um Romantik oder Erotik geht es dabei nicht. Realistischerweise kann nicht jedes Mädchen einen Prinzen heiraten, und nicht jeder Mann ein Supermodel. Ein Schidduch bedeutet, man lässt sich von einem Experten helfen, genauso wie beim Haus‐ oder Autokauf.

Tu beAw wurde schon zu Zeiten der Mischna als Tag auserkoren, an dem die Mädchen Judäas in weißen Röcken hinaus auf die Felder gingen, um sich einen Ehepartner auszusuchen – wie auch an Motzaei Jom Kippur. Rabban Schimon ben Gamliel erwähnt diese Praxis in Mischna Ta’anit 4a. Wenn es doch in Wahrheit so einfach wäre!

Schrebergärten In Bereschit, dem ersten Buch Mose 2,18, sagt Gott: »Es ist nicht gut für einen Mann, alleine zu sein.« Interessanterweise hatte Adam bis zu diesem Zeitpunkt nicht über Einsamkeit geklagt. Er schien sogar ganz glücklich mit seinen Tieren und dem Garten, genau wie viele spätere Ehemänner mit ihren Schrebergärten!

Aber in 2,24 steht: »Deswegen muss ein Mann seinen Eltern verlassen und zusammen mit seiner Frau sein.« Das Paar ist als Einheit zu verstehen. Und man muss sich paaren, wenn man sich vermehren will.

Viermal im Midrasch Rabba (zum Beispiel in Bereschit Rabba 68,4) lesen wir, wie Gott selbst versucht, passende Paare zusammenzubringen. Eine römische Dame fragte Rabbi Jose ben Halafta in diesem Zusammenhang: »Wie lange brauchte Gott, um die Welt zu erschaffen?« »Sechs Tage«, antwortete Rabbi Jose. »Und was macht er seitdem?«, fragte sie. »Er sitzt im Himmel und bringt Männer und Frauen als Paare zusammen.«

Sie behauptete: »Das ist doch ganz leicht! Ich habe 1000 Sklaven und Sklavinnen, ich kann das massenhaft und einfach tun!« Aber es stellte sich heraus: So einfach war es beileibe nicht.

Im Talmudtraktat Mo’ed Katan 18b steht: »Im Himmel wird entschieden: ›Dieser Frau und dieser Mann sollen heiraten.‹« Gute Ehen werden also im Himmel geschlossen. Aber welche Rolle spielt dann die Liebe? Kommt sie vor oder nach der Eheschließung?

Herzklopfen Das bleibt eine offene Frage. Aber wir alle kennen dieses Gefühl, diese Spannung im Bauch und im ganzen Körper, diese Faszination für eine einzige Person in einen vollem Raum, diese »Chemie«, ein Blickkontakt, das Interesse, das Herzklopfen …

Tu beAw, das »Fest der Liebe«, ist kein großes Fest. Es gibt keine besondere Liturgie oder Rituale, keine Toralesung, es wird nicht in den Synagogen gefeiert.

Doch für moderne Juden könnte das auch von Vorteil sein – ein Fest, das man endlich einmal richtig feiern kann, am besten zu zweit. Vielleicht sollten wir also lieber von »Two beAw« sprechen? Ach, was gibt es Schöneres als die Liebe!

Der Autor ist assoziierter Rabbiner der liberalen jüdischen Gemeinde Hamburg und Rabbiner von Beit Polska in Polen.

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