Genealogie

Licht und Schatten

Foto: Thinkstock

Der Geburt von König David gingen in den Generationen seiner Vorfahren mysteriöse Affären voraus. David ist der Urenkel der berühmten Proselytin Ruth aus Moab. Ihr Ehemann, Davids Urgroßvater Boas, ist ein Nachfahr des Perez, des Sohns von Jehuda und Tamar, über die wir in der Paraschat Wajeschew lesen.

Nach dem Tod von Jehudas Sohn Er, der mit Tamar verheiratet war, nahm Ers Bruder Onan Tamar zur Frau. Doch Onan fuhr mit den Freveleien seines Bruders fort, sodass Tamar keine Kinder gebar und auch Onan starb. Jehuda hatte einen weiteren Sohn, Schela, der danach traditionsgemäß hätte Tamar heiraten sollen. Doch Jehuda fürchtete, dass auch dieser Sohn sterben würde, wenn er Tamar heiratete. Deshalb teilte er Tamar mit, Schela sei zu jung, sie solle warten, bis er erwachsen sei.

Doch Schela wurde groß, und man gab ihm trotzdem Tamar nicht zur Frau. Da überlistete Tamar ihren Schwiegervater. Jehuda, der dachte, Tamar sei auf unzüchtige Weise schwanger geworden, war verblüfft, als sie ihm mitteilte – und beweisen konnte –, dass sie von ihm schwanger geworden war.

Doch damit endet die Geschichte nicht. Bei der Geburt streckte Serach, der eine von Tamars Zwillingen, seine Hand aus. Doch Perez, zu dessen Nachfahren einst König David gehören sollte, erlangte das Erstgeburtsrecht, indem er sich den Durchbruch zur Welt verschaffte.

Krise Der Midrasch berichtet von der schweren Krise in Jakows Familie, nachdem die Brüder Josef verkauft hatten. Reuwen und danach auch Jakow trauerten und fasteten. Jehuda, der vorgeschlagen hatte, Josef zu verkaufen, trennte sich von den Brüdern und fühlte, dass er nicht mehr unter ihnen bleiben konnte. Er begab sich auf die Suche nach einer Frau. Interessanterweise befasste sich der Ewige gerade in der Zeit jener Krise mit dem Hervorbringen des Lichts des Messias.

Die Erzählung von Jehuda und Tamar schließt sich unmittelbar an die Geschichte, in der die Brüder Josef verkauften. Der Midrasch sieht darin eine Parallele und zieht Rückschlüsse daraus. Zur gleichen Zeit, da Josef nach Ägypten hinabwanderte, stieg auch Jehuda hinab: »In jener Zeit ließ Jehuda von seinen Brüdern ab« (1. Buch Mose 38,1). Seine Brüder erhoben schwere Vorwürfe gegen ihn. Sie sahen die große Trauer in den Augen ihres Vaters und griffen Jehuda an: Er habe sie überredet, Josef aus der Grube zu ziehen und ihn den Ismaeliten zu verkaufen. Wenn er ihnen gesagt hätte, Josef zwar herauszuziehen, ihn aber nicht zu verkaufen, dann hätten sie auch auf ihn gehört. Raschi kommentiert, dass der Bruch zwischen den Brüdern dazu führte, dass Jehuda sie verließ.

Prostituierte Eine weitere Ähnlichkeit zwischen den Vorkommnissen, die sich analog für Jehuda und Josef ereignen, spielt sich unter den Frauen ab, mit denen sie zu tun haben: Josef gelangt nach Ägypten und arbeitet bei Potifar. Die Frau seines Herrn versucht, ihn zu verführen, doch er weist sie ab. Der wandernde Jehuda trifft mitten auf dem Weg eine Frau, die aussieht wie eine Prostituierte. Er versucht, sich von ihr fernzuhalten – genau wie Josef –, doch es kommt anders.

Der Midrasch teilt uns mit: Rabbi Jochanan sagt, dass Jehuda an der Frau vorbeigehen wollte, doch der Ewige habe einen Engel gesandt, der für die Lust verantwortlich ist, damit er Jehuda einflöße: »Jehuda, wohin gehst du? Woher kommen die Könige? Wovon stammen die Großen ab? (Midrasch Rabba 85,8). Hier hat g’ttliche Absicht gewirkt, die dazu führte, dass Jehuda sich mit einer Frau niederlegte, die am Wegesrand saß.

Jehuda wird zugetragen, seine Schwiegertochter sei »von einer Buhlschaft« schwanger geworden. Da befiehlt er, Tamar zu verbrennen. Doch als er die Wahrheit entdeckt, dass Tamar nämlich von einem Zusammensein mit ihm selbst schwanger geworden ist, zeigt er eine gewisse Größe. Er streitet nichts ab, übernimmt Verantwortung und gibt zu, dass Tamar im Recht ist.

Hervorragend Diese Affäre und ihre Folgen sind erstaunlich. Wer hätte sich vorstellen können, dass sich der Messias aus dem Hause Davids auf solche Umstände zurückführen lässt? Man hätte doch sicherlich erwartet, dass der Messias aus einer hervorragenden und besonders guten Familie hervorgehen wird.

Die Namen Serach und Perez deuten die Erlösung Israels an. Der Midrasch kommentiert im Namen von Nechonja ben ha-Qana, dass es sich um ein Geheimnis in Zusammenhang mit zwei Kindern handle. Er erklärt, dass »von diesen beiden Kindern Serach nach der stets aufgehenden Sonne und Perez nach dem Mond benannt wurde, der manchmal durchbricht und manchmal fehlt«.

Das jüdische Volk wird mit dem Mond verglichen. Er hat besondere Eigenschaften. Zu Monatsanfang haben wir den Neumond, der jeden Tag zunimmt und gegen Monatsende bis hin zum nächsten Neumond wieder abnimmt.

Serach wollte von Anfang an vollständig erscheinen wie die Sonne. Er streckte die Hand aus, um als Erster geboren zu werden. Perez hingegen, der mit dem Mond verglichen wird, musste den Weg durchbrechen, um auf die Welt zu kommen. Das trifft auch für das jüdische Volk zu, das in der Weltgeschichte verschiedene Zeiten erlebt: Mal kann es seinem Leben offen nachgehen, mal durchsteht es Zeiten, in denen es im Geheimen leben muss.

Nach der Schoa war man sich unschlüssig darüber, ob das Ausmaß des Mordens vielleicht geringer gewesen wäre, wenn die zionistische Vision stärker gewesen sei und mehr Juden früh genug nach Eretz Israel ausgewandert wären.

Die orthodoxe Bevölkerung tat sich in diesem Punkt schwer. Man wartet ja auf die Ankunft des Messias! Er wird das jüdische Volk in sein Land zurückbringen und dafür sorgen, dass Israel ein Staat sein wird, in dem alle jüdischen Gesetze eingehalten werden und in dem nach der Tora gelebt wird.

Viele Juden, die nach Eretz Israel einwanderten, lebten nicht mehr nach der Tora und hielten die Gebote nicht mehr. Aus diesem Grund sagten viele orthodoxe Juden, es könne nicht sein, dass der Messias jetzt kommt. Falls die Zeit zur Ankunft des Messias wirklich gekommen wäre, hätte alles anders ausgesehen. Aus diesem Grund hat sich ein großer Teil der Orthodoxie dem Zionismus und der Gründung des Staates Israels widersetzt.

Kritik Rabbiner Jissachar Schlomo Teichtal – er wurde im Januar 1945 auf dem Transport von Auschwitz nach Mauthausen ermordet – hat ein Buch geschrieben: Em Habanim Semeichah. Darin befasst er sich mit dem Aufbau Israels durch die Zionisten und kritisiert das Verhalten der orthodoxen Juden, die sich nicht daran beteiligen.

Rabbiner Teichtal erklärt: Wegen des großen Lichts des Messias werde die Geschichte, die zu seiner Geburt führt, durch die Affäre zwischen Tamar und Jehuda im Dunklen gehalten. Wenn dies nicht geschehen wäre, hätte Tamar nicht Perez und Serach gebären können, und David wäre später auf diese Welt gekommen.

Wenn David auf dem Weg der Gerechten auf die Welt gekommen wäre, dann wären sofort alle Strafverfolger aufgetreten und hätten versucht, seine Ankunft zu verhindern. Aus diesem Grund war es wichtig, ihn auf diesem Weg in die Welt einzuschleusen.

Rabbiner Teichtal vergleicht dies in seinem Buch mit dem Aufbau des Landes Israel. Er schreibt: Wenn sich aus ideologischen Gründen auch die orthodoxen Juden daran beteiligt hätten, wäre von außen gegen das Projekt eingeschritten worden.

Teichtal führt aus: Der gesamte Aufbau des Landes in jener Zeit sei ausgerechnet von Zionisten ausgeführt worden, die sich von der Tora und den Geboten entfernt hatten. Da sie jedoch mit dem Aufbau angefangen haben, obliegt es allen, den Aufbau zu festigen und den Weg der Tora zu begehen, zusammen mit der Führung des Staates Israel (Em Habanim Semeichah, Seiten 123–126).

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Kultusgemeinde Groß-Dortmund.

Inhalt
Der Wochenabschnitt Wajeschew erzählt, wie Josef – zum Ärger seiner Brüder – von seinem Vater Jakow bevorzugt wird. Zudem hat Josef Träume, in denen sich die Brüder vor ihm verneigen. Eines Tages schickt Jakow Josef zu den Brüdern hinaus auf die Weide. Die Brüder verkaufen ihn in die Sklaverei nach Ägypten und erzählen dem Vater, ein wildes Tier habe Josef gerissen. Jakow glaubt ihnen. In der Sklaverei steigt Josef zum Hausverwalter auf. Nachdem ihn die Frau seines Herren Potifar der Vergewaltigung beschuldigt hat, wird Josef ins Gefängnis geworfen. Dort deutet er die Träume des königlichen Obermundschenks und des Oberbackmeisters.
1. Buch Mose 37,1 – 40,23

Frankfurt am Main

Festwochenende zu 70 Jahren Deutscher Koordinierungsrat

Deutscher Koordinierungsrat der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit feiert sein Jubiläum

 20.10.2019

Porträt

»Judenhass ist Unglaube«

Christian Staffa ist erster Antisemitismusbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland

 19.10.2019

simchat tora

Das Fest, das spät zur Feier kam

Der letzte Feiertag im Herbst schließt den Torazyklus ab – und alles beginnt von Neuem

von Rabbiner Arie Folger  18.10.2019

feiertage

»Chef, es ist Simchat Tora. Ich brauche Urlaub!«

Warum wir unserer Umgebung klarmachen müssen, dass die jüdischen Feste für uns essenziell sind

von Rabbiner Raphael Evers  18.10.2019

Chol Hamoed

Verborgenes Antlitz

Mosche bittet den Ewigen, Ihn sehen zu dürfen – doch dies ist keinem Menschen möglich

von Rabbiner Avichai Apel  18.10.2019

Feiertag

Mut zur Ungewissheit

Das Laubhüttenfest zeigt: Nichts ist selbstverständlich – weder Wohlstand noch Freiheit

von Rabbiner Jonathan Sacks  11.10.2019