Talmudisches

Licht

Raw Jehuda sagt, die Tora sei Licht Foto: Getty Images/iStockphoto

In der Jahreszeit mit den immer kürzer werdenden Tagen wird für viele Menschen nachvollziehbar, dass Licht nicht nur »Physik« ist und uns erlaubt, Dinge besser zu sehen. Sie spüren, wie sehr man das Licht braucht, wenn es fehlt. Zu Beginn der Schöpfung musste Licht erst noch erschaffen werden: »Und Gʼtt sprach: Es werde Licht! Und es wurde Licht. Und Gʼtt sah, dass das Licht gut war« (1. Buch Mose 1, 3–4).

Die Weisen des Talmuds diskutierten über die Natur dieses ursprünglichen Lichts. Immerhin gab es noch keine Lichtquelle in Form eines Himmelskörpers, der das Licht hätte ausstrahlen können. Im Traktat Chagiga (12a) wird die Ansicht vertreten, dass es sich um eine besondere Art von Licht gehandelt haben musste, also keines im physikalischen Sinne: »Rabbi Elasar sagte: Das Licht, das der Heilige, gepriesen sei Er, am ersten Tag schuf, war eines, durch das der Mensch von einem Ende der Welt zum anderen sehen konnte. Als aber der Heilige, gepriesen sei Er, auf die Generation der Sintflut und die Generation der Zerstreuung blickte und sah, dass ihre Wege verdorben waren, erhob Er sich und verbarg es vor ihnen, wie es heißt: ›Und den Bösen wird ihr Licht vorenthalten‹ (Ijow 38,15).«

Die Himmelskörper waren wohl »nur« Spiegel dieses ursprünglichen Lichtes. Deshalb heißt es bei Jeschajahu (30,27): »Das Licht des Mondes wird wie das Licht der Sonne sein, und das Licht der Sonne wird glänzen siebenfach, gleich dem Licht von sieben Tagen.« Das Fehlen von Licht wäre kein gutes Zeichen. Der Prophet Amos (5,18) spricht jene an, die im Königreich Israel den »Tag des Ewigen« herbeisehnen, an dem die Welt erlöst werde, und mahnt, dass es für einige kein guter sein würde: »Wehe über die, die sich sehnen nach dem Tag des Ewigen. Was soll euch der Tag des Ewigen? Er bringt Finsternis und kein Licht.«

Der Talmud greift das auf (Sanhedrin 98b). Rabbi Simlaj lehrte dazu: »Das ist vergleichbar mit einem Hahn und einer Fledermaus, die auf das Licht des Tages warten. Der Hahn sprach zur Fledermaus: Ich warte auf das Tageslicht, denn es ist für mich bestimmt, was soll dir aber das Tageslicht!?« Unser Text hat aber noch ein Happy End. Das Licht, das Gʼtt verbarg, wartet in der kommenden Welt: »Für wen verwahrte er es? Für die Frommen in der zukünftigen Welt, denn es heißt: ›Und Gʼtt sah, dass das Licht gut war‹, und unter ›gut‹ ist der Fromme zu verstehen, denn es heißt: ›Sagt den Frommen, dass sie es gut haben‹ (Jeschajahu 3,10).«

Raw Jehuda sagt, die Tora sei Licht

Und in dieser Welt? Raw Jehuda sagt im Traktat Megilla (16b), die Tora sei Licht. Er bezieht sich auf einen Spruch von König Schlomo: »Denn die Mizwa ist eine Leuchte und die Tora ein Licht« (Mischlej 6,23).

Der Midrasch Tanchuma (Noach 3) hingegen sieht das eher im Kontext mit der mündlichen Tora. So zitiert er aus Jeschajahu (9,1): »Das Volk, das in der Finsternis wandelt, hat ein großes Licht gesehen« und schließt daraus: »Das Volk, auf das sich dieser Vers bezieht, sind die Meister des Talmuds, die ein großes Licht erblickten, als der Heilige, gepriesen sei Er, sie darüber aufklärte, was verboten und erlaubt, rein und unrein ist.«

Unbewusst haben wir mehrere Bedeutungsebenen durchschritten: Licht ist ein Bestandteil der Schöpfung. Es soll helfen, die Dunkelheit zu verdrängen. Die Tora ist das Licht des jüdischen Volkes für die Existenz in einer Welt, die, um im Bild zu bleiben, noch nicht bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet ist.

Und das jüdische Volk selbst? In der letzten Bedeutungsebene ist das Volk der Tora wiederum ein Licht. So heißt es bei Jeschajahu (42,6), dass es sei ein »Licht für die Völker – Am le’Or Gojim«. Bei »Licht« an Erleuchtung zu denken, liegt vielleicht zu nahe, aber kulturell ist die westliche Wahrnehmung so stark durch diese Doppelung geprägt, sodass man sich diese physische-metaphysische Bedeutung vergegenwärtigen muss. Oder wie es in den Psalmen heißt (36,10): »Bei Dir ist die Quelle des Lebens; durch Dein Licht sehen wir das Licht.«

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