Bildung

Lernen fürs Leben

Yeshivas Beis Zion: Hier studieren junge Männer die Schriften. Die Einrichtung in der Berliner Brunnenstraße ist ein Zentrum jüdischen Lernens und Lebens. Foto: Marco Limberg

Erziehung ist der Fels, auf dem das jüdische religiöse Leben seit Tausenden Jahren ruht. Die Tora rät eindringlich: »Du sollst deine Kinder belehren.« Wir wiederholen diesen Satz mindestens dreimal am Tag, immer wenn wir das Schma Israel (»Höre Israel«, eine Erklärung, kein Gebet) aufsagen.

Das zweitwichtigste Werk nach der Bibel ist im Judentum die Mischna, die im zweiten Jahrhundert zusammengestellt wurde. Sie beginnt mit den Worten: »Dies sind die Verpflichtungen, für die es kein Maß gibt – Ackerecken den Armen überlassen; erste Früchte; an Feiertagen im Tempel erscheinen; anderen Menschen mit Liebe begegnen; die Tora studieren. Dies sind die Dinge, die einem auf dieser Welt zum Vorteil werden, doch die wahre Belohnung ist in der kommenden Welt – Mutter und Vater ehren; anderen Menschen mit Liebe begegnen; Gastfreundschaft; die Kranken besuchen; Mädchen bei der Verheiratung helfen; an Beerdigungen teilnehmen und die Tora studieren« (Peah 1).

Irgendwann im ersten Jahrtausend wurde der zweite Teil abgeändert. Jetzt liest es sich so: »Dies sind die Dinge, die einem auf dieser Welt zum Vorteil werden, doch die wahre Belohnung ist in der kommenden Welt – Mutter und Vater ehren; anderen Menschen mit Liebe begegnen; morgens und abends das Haus des Studiums aufsuchen; Gastfreundschaft; die Kranken besuchen; Mädchen bei der Verheiratung helfen; an Beerdigungen teilnehmen; sich auf das Gebet konzentrieren; Frieden zwischen Menschen stiften (und zwischen einem Ehemann und seiner Ehefrau); doch das Studium der Tora übertrifft sie alle.« Dieser Text, mit geringfügigen Abweichungen, ist in unsere Gebetbücher eingegangen.

Torastudium Die Liste der Prioritäten ist bezeichnend. Man beachte, wie viel Wert auf die persönlichen Beziehungen zwischen Menschen gelegt wird! Dass am Ende die Bedeutung des Torastudiums noch einmal hervorgehoben wird, geht auf eine Stelle im Talmud zurück, die besagt: »Das Studium ist eben deshalb die größte Verpflichtung von allen, weil es dazu führt, dass man alles andere praktiziert« (Kiduschin 40b). In der Theorie stimmt das ja gewiss; aber es ist seltsam, dass das, was als große spirituelle Tradition angesehen wird, so viel Wert auf eine rein intellektuelle Tätigkeit legt.

Der Einleitungssatz wurde meines Erachtens in der Zeit des Tempels geschrieben, der zweite Satz nach der Zerstörung des Tempels, denn er enthält keine Elemente mehr, die sich auf den Tempel und das Land Israel beziehen. Das erklärt auch die gestiegene Bedeutung des Torastudiums. Nach der Zerstörung des Tempels wurde offenbar, dass wir als Volk nur dann überleben, wenn wir unsere Traditionen aufrechterhalten; und die beste Methode, sie weiterzuführen, bestand darin, sie zu studieren und zu lehren. Schon während des ersten Exils in Babylon hatte sich diese Tatsache herauskristallisiert. Noch dringlicher wurde die Notwendigkeit, die Überlieferung zu wahren, als wir uns gezwungen sahen, auf die Herausforderungen der griechisch-römischen Zivilisation mit einer geistig fordernden und rigorosen Erziehung zu reagieren.

Wechselbeziehung Im talmudischen Meinungsstreit über die Frage, ob das Gebet oder das Studium einen höheren Rang einnimmt, wurde ein Kompromiss erzielt. Doch idealiter sollten die beiden in einer Wechselbeziehung stehen, so wie die beiden Arme nötig sind, um den Körper im Gleichgewicht zu halten und funktionstüchtig zu machen.

Ich erinnere mich, wie mein Vater von meiner frühesten Kindheit an stets betonte – zu Hause, in der Schule und auf Vortragsreisen –, wie wichtig es sei, dass ein Jude sein Erbe kenne. »Ein unwissender Jude«, pflegte er zu sagen, »kann unmöglich ein echter Jude sein.« Diese Einstellung war Teil seines großartigen litauischen Erbes der intensiven geistigen Arbeit im Torastudium, was heute das Markenzeichen der jüdischen Orthodoxie ist. In meiner Jugend konnte man »orthodox« sein und dennoch vom jüdischen Gesetz nicht die geringste Ahnung haben.

Seither hat der jüdische Staat durch finanzielle und moralische Unterstützung dafür gesorgt, dass sich zahlreiche Zentren für das Torastudium etablierten. Heute erkennt jedermann den Primat der israelischen Tora-Gemeinde an, wenn auch oft nur deshalb, weil so viele Juden in der Tat nach Israel gingen, um in dieser Gemeinde zu leben. Auch finanzielle Zuwendungen aus der Diaspora haben das Wachstum gefördert. Und in unserer modernen Welt des Individualismus und der Freiheit, zu wählen, ob man dazugehört oder nicht, tragen Wissen und Hingabe dazu bei, dass wir in der Gemeinschaft bleiben.

Talmudstudium Viele Juden können sich kaum eine Vorstellung davon machen, wie schwierig und hart und intensiv das Talmudstudium ist. Nichts von dem, was ich an der Uni durchgemacht habe, ist vergleichbar mit den hohen Ansprüchen des Torastudiums und der Disziplin, die es fordert. Darin liegt einer der Gründe für die Tatsache, dass so viele, die durch diese harte Lehre gingen, es draußen in der Welt, im beruflichen und wirtschaftlichen Wettbewerb, so weit bringen. Auch im Alter noch zu studieren, ist zudem ein wunderbarer Schutz gegen Senilität. Und nicht nur das: Es verleiht älteren Menschen ein Gefühl für den eigenen Wert und Stolz auf ihr Alter. In der säkularen Gesellschaft werden die Menschen oft danach beurteilt wie viel sie verdienen. Bei uns füllt das permanente Studium nicht nur die Leere des Rentenalters, es verleiht auch Status und Bedeutung.

Beziehung Das Studium, heißt es im Talmud, muss zu Taten führen; am Ende sind es menschliche Beziehungen und Verpflichtungen, die einen guten Menschen definieren. Die großartige »Musarbewegung« des Rabbi Israel Salanter im 19. Jahrhundert wurde ja genau deshalb ins Leben gerufen, weil, so Salanter, das Studium das Verhalten nicht in ausreichendem Maße beeinflusse. Dennoch bildet das Studium eine sehr solide Grundlage, denn es erinnert uns beständig an die Ehrwürdigkeit unserer Tradition und die Verpflichtungen, die mit ihr einhergehen.

Ich bin enorm stolz darauf, einer Tradition anzugehören, die so großen Wert auf das Studieren legt. Wir sind nicht nur das Volk des Buches, wir sind das Volk, das die Bücher studiert. Und alle beteiligen sich daran; das Studium ist nicht nur für Priester und die Geistlichkeit da. Das ist der Grund, warum wir entgegen aller Wahrscheinlichkeit überlebt haben. Es ist der Grund, weshalb Israel, trotz seiner Fehler, auf allen Gebieten, die mit Kopfarbeit zu tun haben, so großartige Leistungen aufweist.

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