Beschalach

Ladies first

Frauen sind spiritueller als Männer. Foto: Getty Images/iStockphoto

Die Israeliten haben Ägypten verlassen und sind inzwischen am Berg Sinai angekommen. Was nun geschieht, wird zum bedeutendsten und entscheidendsten Ereignis, nicht nur in der Geschichte unseres Volkes, sondern in der Geschichte der Menschheit: Der Schöpfer der Welt kommuniziert den Sinn und Zweck der Existenz und übergibt Mosche die Anleitung für das menschliche Leben: die Tora. Das Buch der Bücher vom Schöpfer der menschlichen Psyche leitet uns an, wie wir leben sollen. Am Berg Sinai wird unser Volk auserwählt, als Gesandte G’ttes zu dienen, um Seine Welt Güte, Gerechtigkeit, Moral und Heiligkeit zu lehren.

Beim Lesen unseres Wochenabschnitts stoßen wir auf einen seltsam anmutenden Vers: »So sollst du zum Hause Jakows sprechen und den Söhnen Israels sagen ...«.

Warum die Doppelung »Sprich zum Haus Jakows, und sag den Söhnen Israels«? Wer ist das »Haus Jakows«, und wer sind die »Söhne Israels?«

midrasch Der Midrasch erklärt, mit »Haus Jakows« seien die Frauen gemeint, und die »Söhne Israels« seien die Männer. Mit anderen Worten: G’tt sagte zu Mosche, er solle zuerst zu den Frauen sprechen und danach zu den Männern. Aber wieso? Weshalb sollte Mosche zuerst den Frauen die Tora lehren? Warum musste dieser Unterschied gemacht werden? Wieso nicht zum gesamten Volk Israel sprechen?

Der Midrasch bietet einige Erklärungen: Zum einen sind Frauen spiritueller und verfügen über ein stärkeres G’tt-Bewusstsein. Wenn man sie überzeugen kann, die Tora zu akzeptieren, dann werden die Männer folgen.

Die faszinierendste Erklärung im Midrasch stammt von Rabbi Tachlifa aus Caesarea. Demnach sagte sich G’tt: »Ich werde nicht wiederholen, was Ich bei der Schöpfung getan habe. Ich wollte nicht, dass Adam und Chawa vom Baum der Erkenntnis essen. Doch mit wem habe Ich gesprochen? Mit Adam. Das war ein Fehler! Denn Chawa kam und sagte zu ihm: ›Iss von dem Baum‹ – und er aß!«

Also sagte G’tt: »Wenn ich es diesmal richtigmachen will, dann muss ich es anders herum machen. Ich muss mich erst mit den Frauen unterhalten und sie zuerst überzeugen.«

Ich denke, wir alle können mit diesem Midrasch etwas anfangen. Doch eine Frage bleibt: Wieso geht es in unserem Vers um Frauen? Der genaue Wortlaut lautet doch: »So sollst du zum Hause Jakows sprechen und den Söhnen Israels sagen«.

Wie können wir uns da sicher sein, dass er sich auf die Frauen bezieht? Und selbst wenn – warum verwendet die Tora die Begriffe »Haus Jakows«, um Frauen und »Söhne Israels«, um Männer zu beschreiben?

Es war der Lubawitscher Rebbe, der 1972 bei einer Rede vor Frauen vorschlug, dass die von G’tt verwendeten Worte nicht nur die Absicht darlegen, sondern auch den Grund dafür, warum Frauen zuerst berücksichtigt werden sollten.

Wenn von den Frauen als »Haus Jakows« und von den Männern als »Söhne Israels« gesprochen wird, dann werden die Frauen als Zuhause definiert, nicht nur als Töchter. Und sie werden als das Zuhause Jakows betrachtet, nicht als das Israels.

Unser Vater Jakow hatte zwei Namen. Der Name Jakow wurde ihm bei seiner Geburt gegeben. Den Namen Israel erhielt er später im Laufe seines Lebens, als Resultat seines Kampfes mit einem mysteriösen Mann. Dieser sagte, Jakow solle ab jetzt »Israel« heißen, weil er »gekämpft und gesiegt hat«.

Frauen sind spiritueller als Männer und verfügen über ein stärkeres G’ttes-Bewusstsein.

Die Energie der Frau bestimmt und verkörpert das »Zuhause«. Vor einigen Jahren veröffentlichte die University of Wisconsin eine Studie, die mit 5000 Frauen und 5000 Männern durchgeführt wurde. Man hatte erforschen wollen, wie alleinstehende Männer und alleinstehende Frauen mit ihren Wohnungen umgehen, wie sie ihr Zuhause behandeln.

Ergebnis der Untersuchung war: Trotz der seit Jahrzehnten wiederholten Behauptung, die Unterschiede zwischen Männern und Frauen seien von der Gesellschaft auferlegt, lasse es sich nicht leugnen, dass die meisten Frauen eine weitaus tiefergehende Bindung zu ihrem Zuhause haben als die meisten Männer.

Die Art, wie eine Frau die Verantwortung für ein Zuhause übernimmt, natürlich und instinktiv, ist üblicherweise anders als die eines Mannes. Der Mann mag und sollte sich ebenso um das Zuhause kümmern, vor allem, wenn beide berufstätig sind, doch ist es die Frau, die das Zuhause definiert. Es ist »ihr Zuhause«, ihr Raum, ihr Palast, ein Ausdruck ihrer Seele und ihrer Persönlichkeit. Sie hat einen großen Einfluss auf dessen Atmosphäre, Ambiente und Energie. Die jüdischen Frauen sind das »Haus Jakows«, nicht die »Töchter Jakows«.

geburt Interessanterweise ist das Bezugswort der Frauen »Jakow« und nicht »Israel«, wie bei den Männern. Denn es sind die Mütter, die sich von der Geburt an um die Neugeborenen kümmern, sie ernähren und pflegen, wenn sie noch kleine »Jakows« sind, lange bevor sie erwachsene »Israels« werden.

Sicher, die Männer können und sollten nachts aufstehen, um die Kleinen in den Arm zu nehmen, die Windeln zu wechseln – doch wer trägt das Kind neun Monate lang? Wer muss die Beschwerden und die Opfer der Schwangerschaft auf sich nehmen? Wer bringt das Kind zur Welt? Wer stillt es? Wer pflegt es in den ersten Jahren, in denen sich die Psyche des Kindes entwickelt – dies macht hauptsächlich die Mutter. Sie erschafft das »Hause Jakows«, diesen Namen und die Identität, die das Baby kurz nach der Geburt erhält.

Aus diesem Grund bestimmt gemäß der Halacha die Mutter, ob ein Kind jüdisch ist. Ist sie selbst jüdisch, so ist es auch das Kind. Ist sie es nicht, dann ist auch das Kind nicht jüdisch – ganz gleich, wie jüdisch die Familie des Vaters seit Generationen ist.

Der Vater leistet einen Beitrag bei der Erschaffung eines Kindes, doch die Mutter opfert ihr ureigenes Wesen, um dieses Kind auf die Welt zu bringen. Die Beziehung ist wesentlich. Sie durchdringt sie bis in ihr tiefstes Inneres. Es wäre unsensibel und respektlos, die Kernidentität des Babys durch jemand anderen als die Mutter zu definieren.

Von unserem Vater mögen wir viel darüber lernen, wie wir zu »Israel« werden – wie wir Herausforderungen meistern, wie wir mit Widrigkeiten umgehen. Unsere Mutter gibt uns unseren »Jakow«-Aspekt, unsere Väter unseren »Israel«-Aspekt. Von unserer Mutter lernen wir hauptsächlich, wer wir sind, von unserem Vater hingegen, was wir tun sollen.

Dies war G’ttes Botschaft an Mosche: Verlier dich nicht im »maskulinen Judentum«. Zuerst, sagt G’tt, vergewissere dich, dass du Mein Wort dem jüdischen Volk kommunizierst, damit du sicherstellst, dass die Quintessenz der Jüdischkeit, die Seele des Judentums, in den Herzen und Seelen jedes einzelnen Kindes für alle Ewigkeit weiterlebt.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde zu Berlin.

 

inhalt
Der Wochenabschnitt Beschalach erzählt, wie die Kinder Israels auf der Flucht vor dem Pharao und seinen Truppen trockenen Fußes das Schilfmeer durchquerten. Es öffnete sich vor ihnen und schloss sich hinter ihnen wieder, sodass die Männer des Pharaos in den Fluten ertranken. Danach beginnt der eigentliche Weg Israels durch die Wüste. Es wird berichtet, wie der Ewige die Menschen mit Manna und Wachteln versorgt und sie auffordert, Speise für den Schabbat beiseitezulegen. Dennoch fehlt es an Wasser, und die Kinder Israels beschweren sich bei Mosche. Der lässt daraufhin Wasser aus einem Felsen hervorquellen. Schließlich werden die Israeliten von Amalek angegriffen, aber sie schlagen ihn.
2. Buch Mose 13,17 – 17,16

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