Wajischlach

Kraft der Verbundenheit

Die Geschichte von Jakow und Esaw zeigt, wie stark der Mensch auf Gemeinschaft angewiesen ist

von Shimon Lang  22.11.2018 08:20 Uhr

Großfamilie: Um sein Potenzial auszuschöpfen, braucht der Mensch eine Gemeinschaft. Foto: Getty Images / istock

Die Geschichte von Jakow und Esaw zeigt, wie stark der Mensch auf Gemeinschaft angewiesen ist

von Shimon Lang  22.11.2018 08:20 Uhr

Als Jakow zurückkehrt, berichtet man ihm, dass sein Bruder Esaw mit 400 Männern auf ihn wartet. Jakow befürchtet Rache von seinem Bruder, da er dem Segen seines Vaters Jizchak zuvorgekommen ist. Kurz vor diesem schicksalhaften Treffen betet Jakow zu Gott mit den folgenden Worten: »Gott meines Vaters Awraham und Gott meines Vaters Jizchak (…), ich bin zu gering für alle Wohltaten und alle Treue, die Du Deinem Knecht erwiesen hast. Denn mit meinem Stab bin ich über diesen Jordan gegangen, und nun bin ich zu zwei Lagern geworden. Rette mich aus der Hand meines Bruders, aus der Hand Esaws!« (1. Buch Mose 32, 10–12).

Die Formulierung dieses Gebets wirft einige Fragen auf: Warum wird explizit auf den Gott der Väter Awraham und Jizchak verwiesen? Jakow teilte das Lager aus strategischen Gründen in zwei Lager. Warum wird mit Wehmut davon berichtet? Was hat es mit den Worten »mit meinem Stab bin ich über diesen Jordan gegangen« auf sich? Und letztlich fragt man sich, warum Jakow formuliert: »Rette mich doch aus der Hand meines Bruders, aus der Hand Esaws«. Weshalb diese Doppelung?

Die Anerkennung des anderen zieht die Verantwortung für den anderen nach sich.

GEMEINSCHAFT Um eine mögliche Erklärung für diese Fragen zu erhalten, möchte ich zuerst das Gemeinschaftskonzept von Rabbiner Joseph Soloveitchik (1903–1993) erläutern: Um sein Potenzial auszuschöpfen und das ultimative Ziel im Leben zu erreichen, braucht der Mensch zusätzlich zu seiner individuellen, teilweise einsamen inneren Auseinandersetzung eine Gemeinschaft. Dies wird schon bei der Erschaffung der Welt deutlich, als Gott sagte: »Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; Ich will ihm eine Gehilfin machen« (1. Buch Mose 2,18).

Die Anerkennung des anderen zieht die Verantwortung für den anderen nach sich. Es ist eine Gemeinschaft des geteilten Leids und der geteilten Freude. Die Gebete sind meist im Plural formuliert, denn der Schmerz und die Bedürfnisse der anderen Gemeindemitglieder betreffen auch mich. Diese Form der Gemeinschaft nennt Rabbiner Soloveitchik »horizontal«.

Es gibt aber noch eine höhere Form der Gemeinschaft, sie ist zeitlich unabhängig. Es ist die Gemeinschaft, die durch die Lehrer entsteht. Ein Lehrer oder Vater teilt nicht nur das Wissen, sondern auch seine Gefühle und Erfahrungen und formt die Persönlichkeit der nächsten Generation. Die Tora kann nie abschließend fertig studiert, verstanden und verinnerlicht werden, obwohl sie schriftlich nicht mehr zu verändern ist, sondern feststeht. Doch braucht es zusätzlich die mündliche Tora, die mit den Menschen verbunden ist, die dynamisch sowie einzigartig und individuell ist.

Dieser Teil wird im Rahmen der Tradition weitergegeben. Der Mensch entwickelt die Tora weiter. Wenn ein Schüler diese Lehre annimmt, verbindet er sich mit den vergangenen Generationen und deren individuellen Erfahrungen. Vergangene Ereignisse werden in die Gegenwart geholt und neu erlebt, zum Beispiel der Auszug aus Ägypten oder die Übergabe der Tora am Berg Sinai.

Man bleibt immer mit der Vergangenheit verbunden, aber gleichzeitig auch mit der Zukunft. Wir setzen viel Hoffnung auf das Kommen des Messias und befassen uns mit den Geboten, die mit dem Dritten Tempel zusammenhängen. Diese transzendente Erfahrung ist zeitlos und wird als vertikale Gemeinschaft bezeichnet.

DEFIZITE Mit der Formulierung »Gott meines Vaters Awraham und Gott meines Vaters Jizchak« hebt Jakow die Angst hervor, den Anschluss an die vertikale Gemeinschaft verloren zu haben. Er befürchtet, dass er die Bemühungen seiner Väter, die den Beginn eines Volkes darstellen, nicht angemessen weiterführen kann.

Die Defizite in der horizontalen Gemeinschaft macht er mit den folgenden Worten deutlich: »… denn mit meinem Stab bin ich über diesen Jordan gegangen, und nun bin ich zu zwei Lagern geworden.«

Da Jakow wahrnahm, dass er genau in diesen Bereichen Defizite hatte, formulierte er besondere Gebete.

Was bedeutet der Stab? »Mit meinem Stab« heißt auf Hebräisch »bemakli«. Wie der Kommentator Jakow ben Ascher, der Ba’al Haturim (1269–1343), bemerkt, hat »bemakli« den Zahlenwert 182. Dies ist der gleiche Zahlenwert wie der Name Jakow. Metaphorisch betrachtet, sagt Jakow also: »Ich, Jakow, bin allein über diesen Jordan gegangen, und nun bin ich zu zwei Lagern geworden.«

Wenn man das weiterentwickelt, könnte man sagen: »Ich, Jakow, der Stammesvater, habe Israel als eine Person, als eine Körperschaft verlassen und komme nun gespalten zurück.« Denn das Lager wurde aus strategischen Gründen in zwei Lager geteilt, damit das eine flüchten kann, falls das andere von Esaws Armee angegriffen wird.

Wenn eine horizontale Gemeinschaft gespalten ist, damit einer flüchten kann, wenn der andere angegriffen wird, dann bedroht dies ihren Erhalt. Sie sollte eine Gemeinschaft sein, die für den anderen betet und des anderen Leid mitträgt. Deshalb diese Wehmut bei der Formulierung: Ich habe auch Defizite in der horizontalen Gemeinschaft in meinem Volk verursacht.

RETTUNG »Rette mich aus der Hand meines Bruders, aus der Hand Esaws!« Die Doppelung spiegelt die beiden Konzepte der Gemeinschaft wider. »Rette mich aus der Hand meines Bruders« – das ist die horizontale Gemeinschaft. »Lass nicht zu, dass ich mit ihm einen brüderlichen Bund eingehen muss!«

»Aus der Hand Esaws« – damit ist die vertikale Gemeinschaft gemeint. »Lass nicht zu, dass ich seine Lehre, seine Lebensanschauung trotz unserer gemeinsamen Väter übernehmen muss!«

Da Jakow wahrnahm, dass er genau in diesen Bereichen Defizite hatte, formulierte er besondere Gebete. Erst wenn eine klare horizontale und vertikale Trennung zu Esaw besteht, kann das jüdische Volk gegründet werden und auch gedeihen.

Es liegt an uns, ob wir die Möglichkeit wahrnehmen wollen, mit den vergangenen Generationen verbunden zu sein, und es uns dann erlauben, auch an den zeitunabhängigen, transzendenten Erfahrungen teilzuhaben.

Der Autor hat an Jeschiwot in Jerusalem und in England studiert. Seit einigen Jahren arbeitet er als Psychologe in Osnabrück.

 

INHALT
Der Wochenabschnitt Wajischlach erzählt davon, wie Jakow sich aufmacht, seinen Bruder Esaw zu treffen. In der Nacht kämpft er am Jabbok mit einem Mann. Dieser ändert Jakows Namen in Jisra‐El (»Gottes Streiter«). Jakow und Esaw treffen zusammen und gehen anschließend wieder getrennte Wege. Später stirbt Rachel nach der schweren Geburt Benjamins und wird in Efrat beigesetzt. Als auch Jizchak stirbt, begraben ihn seine Söhne Jakow und Esaw in Hebron.
1. Buch Mose 32,3 – 36,43

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