Brauch

Kopfloser Schatten

Erst am siebten Tag von Sukkot wird das Schicksal des Menschen besiegelt.

von Chajm Guski  06.10.2014 11:29 Uhr

Illustration im Minhogim-Buch

Erst am siebten Tag von Sukkot wird das Schicksal des Menschen besiegelt.

von Chajm Guski  06.10.2014 11:29 Uhr

Im 17. und 18. Jahrhundert war eine Schrift mit dem Namen »Minhogim-Buch« in Europa weit verbreitet. Dieses Buch beschrieb in deutscher Sprache, aber in hebräischen Buchstaben das ganze jüdische Jahr, seine Bräuche und Vorschriften. Die meisten Feiertage wurden bebildert. Das Buch wurde an verschiedenen Orten gedruckt und fand so zahlreiche Leser. Die Illustrationen und Texte wurden von verschiedenen Druckern einfach übernommen oder nachgezeichnet. So zeigen nahezu alle Ausgaben ähnliche oder gleiche Bilder. Allerdings beschrieb das Minhogim-Buch keine Ideale, sondern Bräuche – und zwar so, wie sie praktiziert wurden.

Für Hoschana Rabba, den siebenten Tag von Sukkot, der dieses Jahr auf Mittwoch, den 15. Oktober, fällt, zeigen viele Ausgaben dieses Buches ein interessantes Bild. Ein Mann steht im Mondlicht mit einem Weidenzweig auf einem Feld und betrachtet eine dunklere Person, die ihm gegenübersteht. Allerdings hat diese Person keinen Kopf!

Schatten Es ist nicht davon auszugehen, dass der unbekannte Illustrator nicht aufgepasst hat, sondern viel eher, dass er einen Minhag oder eine Überlieferung beschreibt. Der Text gibt darüber Auskunft, was wir sehen: den kopflosen Schatten des Mannes. Dann beschreibt das Buch den Brauch oder Aberglauben, der heute so gut wie vergessen ist: Wer in der Nacht von Hoschana Rabba nach draußen geht und seinen Schatten im Mondlicht betrachtet, weiß demnach, welches Schicksal ihn im neuen Jahr ereilen wird.

Wird sein Schatten vollständig gezeigt, dann wird er leben, wird sein Schatten ohne Kopf gezeigt, dann wird er sterben. »Minhag haZel« heißt dieser unheimliche Brauch – »Minhag des Schattens«. Er wurde im Minhogim-Buch dokumentiert, reicht aber in der jüdischen Geschichte noch ein wenig weiter zurück.

Bereits im 12. Jahrhundert stoßen wir auf einen Satz, der mit dem Minhag haZel in Verbindung steht. Eleasar ben Jehuda aus Mainz (1176–1238) berichtet in seiner Zusammenfassung von Halachot, bezeichnet als HaRokeach (221), dass an Rosch Haschana das Schicksal des Menschen beschlossen und an Jom Kippur besiegelt wird – und dass dies an einem Schatten an Hoschana Rabba sichtbar wird. Der Prozess gegen den Menschen wird also zwischen Rosch Haschana und Jom Kippur geführt, und laut Eleasar ben Jehuda kann man seinen Ausgang an Hoschana Rabba »sehen«.

Mut Aber der Brauch ist noch älter. Es klingt darin eine Praxis an, die schon zu rabbinischen Zeiten bekannt war. Bereits Rabbi Ammi sagt im Talmud (Horajot 12a), dass jemand, der auf eine Reise geht und wissen möchte, ob er auch zurückkehren wird, in ein dunkles Haus gehen soll. Wenn er seinen Schatten sieht, dann wird er auch sicher wiederkommen. Rabbi Ammi rät übrigens davon ab, dieser Praxis nachzugehen, damit die Person nicht vollständig den Mut für Unternehmungen verliert.

Klingt, als wäre das guter Stoff für einen gruseligen Film, aber nicht nur das. Es ist die Widerspiegelung eines Konzepts, das hinter Hoschana Rabba steht. Der Schatten ist nämlich ein Symbol an sich. Wenn in der Tora über die Bewohner des »Landes« gesprochen wird und die Angst, die die Kinder Israels vor ihnen hatten, heißt es: »Gewichen ist ihr Schatten von ihnen und mit uns ist Haschem; fürchtet sie nicht« (4. Buch Mose 14,9). Das kann zum einen so gemeint sein, wie es sich der Verfasser des Minhogim-Buches gedacht hat, oder so, dass die Bewohner des Landes keinen Schutz mehr genießen.

Die Psalmen helfen bei der Interpretation weiter. Es heißt dort: »Haschem ist dein Hüter, Haschem ist dein Schatten über deiner rechten Hand.« Der »Schatten« G’ttes ist ein Bereich, in dem man Schutz erwarten kann. Es geht also um den Schutz G’ttes, der hier in den Überlieferungen »sichtbar« wird.

Wasser Wird man schon an Jom Kippur in das »Buch des Lebens« eingeschrieben? Ist das Urteil tatsächlich schon gesprochen? Vielleicht noch nicht. In der Mischna (Rosch Haschana 1,2) wird bestimmt, dass Sukkot das Fest ist, an dem alle »nach dem Wasser« gerichtet werden. Dabei geht es um die Wasserzuteilung für die Welt und möglicherweise auch darum, welches Geschöpf im kommenden Jahr kein Wasser benötigen wird. Das erklärt zugleich, warum wir in den Gebeten von Sukkot so häufig dem Regen und dem Wasser begegnen. Also besteht hier eine Verbindung zu den Hohen Feiertagen, die nicht ganz abgeschlossen sind. Denn der Mensch hat noch die Möglichkeit, ein schlechtes Urteil abzuwenden.

Diese Vorstellung hat auch im Zohar ihren Niederschlag gefunden (Wa’jechi 12a). Hier steht, dass das himmlische Urteil erst an Hoschana Rabba besiegelt wird. Aus diesem Grund trägt der Vorbeter in einigen Gemeinden am siebten Sukkottag weiße Kleidung, genau wie an Jom Kippur, und vielleicht erklärt sich dadurch auch, dass es Brauch geworden ist, in der Nacht von Hoschana Rabba lange Tora zu lernen und sich engagiert zu zeigen.

Der Brauch des kopflosen Schattens jagt uns vielleicht einen leichten Schauder über den Rücken, aber er ist mehr als eine Geschichte: Er zeigt eine Verbindung zu Rosch Haschana und Jom Kippur auf. Wer den Brauch nun kennt, wird, obwohl er ihn vielleicht für unsinnig hält, möglicherweise an Hoschana Rabba nicht nur zufällig einen Blick auf den Schatten des eigenen Körpers im Mondlicht werfen.

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