Vorbild

Konstruktive Kritik

Mit erhobenem Zeigefinger: Großrabbiner Albert Guigui in der Großen Synagoge von Europa in der belgischen Hauptstadt Brüssel Foto: Reuters

Das letzte Buch Moses wird in den Synagogen immer im Sommer gelesen. Bald kommen die Hohen Feiertage, und wir müssen uns langsam mit dem Thema Teschuwa, der Umkehr, beschäftigen. Wie soll man sich und andere darauf vorbereiten? Was muss gesagt werden?

»Es war im vierzigsten Jahr in der Wüste, der erste Tag des elften Monats, als Mosche zu den Kindern Israels sprach« (5. Buch Moses 1,3). Mosche steht kurz vor seinem Tod. Da hält er zum letzten Mal eine Rede vor dem Volk Israel. »Das sind die Worte, die Mosche zu ganz Israel sagte auf der anderen Seite des Jordans, in der Wildnis, in der Araba, dem Schilfmeer gegenüber, zwischen Paran und Tophel, und Laban und Hazerot und Di-Sahab« (1,1).

Was soll diese kryptische Aufzählung von Orten? Wollte Mosche die Wanderung des Volkes Israel seit dem Exodus rekapitulieren? Laut der überwiegenden Meinung der Kommentatoren muss der Inhalt dieser Rede genau untersucht werden, um den tieferen Grund zu erfassen. Raschi, Rabbi Shlomo Jitzchaki (1040–1105), erklärt, dass Mosche nicht nur wahllos Ortsnamen auflistet, sondern das Volk Israel darauf hinweisen möchte, was es an diesen Orten falsch gemacht hat. Mosche übt in seiner letzten Rede Kritik am Verhalten des Volkes in der Vergangenheit und mahnt, diese Fehler nicht noch einmal zu begehen.

durst Worauf genau weisen die einzelnen Orte hin? »Wildnis« ist ein Hinweis auf das 2. Buch Moses: »Und das Volk stritt mit Mosche und sagte: ›Gib uns Wasser, dass wir trinken können!‹ Da sagte Mosche zu ihnen: ›Warum streitet ihr mit mir? Was versucht ihr G’tt?‹ Das Volk dürstete aber, und es klagte gegen Mosche und sagte: ›Warum hast du uns aus Ägypten geholt? Um uns und unsere Kinder und unser Vieh vor Durst umkommen zu lassen?« (17, 2-3)

»Araba« ist ein Hinweis auf die Sünde des Götzendienstes (4. Buch Moses 25). Und »Schilfmeer« erinnert daran, wie das jüdische Volk dort lagerte und die nahende ägyptische Armee sah. Da beklagte es sich bei Mosche: »Gab es keine Gräber in Ägypten, dass du uns herausgeführt hast, damit wir in der Wüste sterben? Deswegen hast du uns aus Ägypten geholt? Haben wir dir nicht gesagt: ›Lass uns, es ist besser, den Ägyptern zu dienen, als dass wir in der Wüste sterben« (2. Buch Moses 14, 11-12).

»Paran« ist ein Hinweis auf die Sünde der Spione, die von Paran ausgingen, um das Land zu erkunden. Alle Israeliten wetterten gegen Mosche und Aharon: »Warum führt uns G’tt in dieses Land, um durch das Schwert zu sterben? Unsere Frauen und unsere Kinder werden in Gefangenschaft kommen. Ist es nicht besser für uns, nach Ägypten zurückzukehren?« (4. Buch Moses 14, 2-3)

Klage »Tophel« – wieder beklagt sich das Volk Israel; diesmal fürchtet es, kein Essen zu haben. Sie beschweren sich bei Mosche und Aharon: »Warum hast du uns aus Ägypten herausgeführt? Damit wir in dieser Wüste sterben, weil es hier kein Essen und kein Wasser gibt?« (14,5) »Hazerot« weist auf die Uneinigkeit mit Korach hin. »Ist es nicht genug, dass du uns aus dem Land geholt hast, in dem Honig und Milch fließen, damit wir in dieser Wüste sterben. Willst du dich auch noch zum Herrscher über uns machen?« (16,13)

»Di-Sahab« ist ein Hinweis auf das Goldene Kalb. Mosche ging auf den Berg Sinai, um die Tora zu empfangen. Er versprach, nach 40 Tagen zurückzukehren. Als er sich jedoch verspätete, verlor das Volk das Vertrauen in ihn, baute sich eine Götzenstatue und betete sie an. Alle diese Vergehen wogen schwer gegen das Volk Israel. In fast allen Fällen sind Menschen als Strafe für ihr Vergehen gestorben. Manche der Konsequenzen berühren unser Leben noch heute. Warum musste Mosche daran erinnern?

rede Rabbiner Lejb war bekannt für seine scharfen Reden. Fast jeden Tag sagte er etwas Wichtiges zu seiner Gemeinde, ermahnte sie, ihr Verhalten zu bessern. Einmal während einer solchen Rede begannen die Menschen, den Raum zu verlassen. Der Gabbai der Synagoge bemerkte, dass nur die Hälfte der Gemeinde bis zum Ende der Rede geblieben war.

Da wandte er sich an Rabbi Lejb und fragte ihn, warum er jeden Tag solch belastende Reden der Ermahnung halte; Mosche habe sich doch auch zurückgehalten und nur vor seinem Tod eine solche Rede gehalten. Rabbi Lejb jedoch antwortete, er wisse nicht, wann sein letzter Tag kommen werde, deshalb ist er verpflichtet, jeden Tag eine solche Rede zu halten.

Es ist zweifelsohne eine wichtige Aufgabe eines jeden Rabbiners, die Menschen aufzufordern, sich zu bessern, ihr Potenzial auszuschöpfen und Fehler nicht zu wiederholen. Menschen sind nun einmal Menschen. Wir alle brauchen manchmal solche Reden. Aber wie müssen diese Reden gehalten werden? Wie soll man Kritik üben, ohne dass einem die Zuhörer davonlaufen?

Mosche macht es uns vor. In seiner Rede deutet er zwar die einzelnen Vergehen an, allerdings eher indirekt. Er versucht, nicht zu verletzen. Vor allem nennt er keine Namen, will niemanden öffentlich beschämen. Er regt auf konstruktive Art zum Nachdenken an. Und noch etwas ist wichtig: Er liebt das Volk Israel. Er kritisiert nicht aus den falschen Gründen, sondern nur deshalb, weil er möchte, dass das Volk noch mehr aus sich macht.

trompeten Der Midrasch erzählt, dass nach Mosches Tod die überwiegende Mehrheit der rituellen Handlungen gleich blieben. Die Menora brannte weiter, auf dem Altar wurde weiter geopfert. Dieselbe Mazza wird an Pessach gegessen, derselbe Lulav an Sukkot geschüttelt, dasselbe Schofar an Rosch Haschana geblasen. Doch einen Unterschied gibt es: Die Trompeten, die verwendet wurden, um anzukündigen, dass man sich zu einer ermahnenden Rede von Mosche zusammenzufinden hatte, sie wurden begraben. Die Methoden, mit denen die Menschen ermahnt werden, sind in jeder Generation anders.

Der Autor studiert am Rabbinerseminar zu Berlin und an der Fachhochschule Erfurt.

Inhalt
Der Wochenabschnitt Dewarim beginnt das fünfte Buch der Tora. Er erzählt vom 40. Jahr, in dem Mosche am Ersten des elften Monats zu den Kindern Israels spricht. Sie stehen kurz vor der Überquerung des Jordans, und Mosche blickt auf die Reise zurück. Er erinnert an die schlechten Nachrichten der Spione und sagt, dass Jehoschua an seine Stelle treten werde. Dann erinnert Mosche an die 40-jährige Wanderung und die Befreiung der ersten Generation aus Ägypten. Seiner Meinung nach gehört das, was die Eltern erlebt haben, zum Schicksal ihrer Kinder. Wozu sich die Vorfahren am Sinai verpflichtet haben, ist auch für die Nachkommen bindend. Es wird bestimmt, mit welchen Völkern sich die Israeliten auseinandersetzen dürfen und mit welchen nicht. Mosches Bitte, das Land Israel doch noch betreten zu dürfen, lehnt G’tt ab.
5. Buch Moses 1,1 – 3,22

Deutschland

Umfrage: Bürger haben großes Vertrauen in Zentralrat der Juden

Meinungsforschungsinstitut Forsa legt Ergebnisse seiner neuen Befragung zu Religionsgemeinschaften vor

 19.01.2022

Debatte

Papst-Berater: »Vatikan schweigt sich über eine theologische Reflexion zu Land und Staat Israel aus«

Erst 1993 nahm der Vatikan diplomatische Beziehungen mit dem jüdischen Staat auf

von Norbert Demuth  14.01.2022

Talmudisches

Vom Neujahr der Bäume

Was unsere Weisen über Tu Bischwat und über Früchte lehren

von Noemi Berger  14.01.2022

Hintergrund

Hoffnung auf Frühling und Freiheit

Wie Israelis das Neujahrsfest der Bäume feiern – und was während des Schmittajahres gilt

von Rabbiner Raphael Evers  14.01.2022

Beschalach

Warnung, nicht Strafe

Durch Krankheit und Leid will der Ewige uns Menschen auf Fehler hinweisen

von Rabbiner Avichai Apel  14.01.2022

Konversion

»Giur soll einheitlich sein«

Israels Religionsminister will dezentrale Gerichte für Übertritte – orthodoxe Rabbinerkonferenzen in der Diaspora sind besorgt

von Chajm Guski  13.01.2022

Ethik

Stille Triage

Ärzte müssen entscheiden, wen sie behandeln und wen nicht. Die Halacha positioniert sich eindeutig

von Stephan Probst  09.01.2022

Regensburg

Neue Texttafel soll »Judensau« am Dom besser einordnen

Ludwig Spaenle: Gesellschaft muss »grundsätzlich bewussten und verantwortungsvollen Umgang finden«

 07.01.2022 Aktualisiert

Bo

»Die Monate werden euch gehören«

Warum die Israeliten nach der Befreiung aus der Sklaverei eine andere Vorstellung von Zeit haben

von Rabbiner Joel Berger  07.01.2022