Talmudisches

Eine emanzipierte Frau

Bewahrt Würde und Selbstachtung, indem sie sich den Wünschen ihres Mannes verweigert: Königin Waschti Foto: Getty Images

Talmudisches

Eine emanzipierte Frau

Wie Königin Waschti ihre Würde und Selbstachtung bewahrte

von Rabbinerin Yael Deusel  26.02.2021 08:27 Uhr

»Wie die Otter zwischen Tod und Leben scheidet, so schied auch der Wein zwischen Achaschwerosch und Waschti«, heißt es im Midrasch Rabba.

König Achaschwerosch veranstaltet ein riesiges Fest und protzt mit seinem Reichtum. Das mehrtägige Trinkgelage endet tragisch für die schöne Königin des Landes. Wie kam es dazu?

Motto Im Traktat Megilla beschäftigen sich unsere Weisen mit dieser Frage. Dabei erscheint Waschti in einem sehr ungünstigen Licht, man unterstellt ihr gar denselben schlechten Charakter wie ihrem königlichen Gemahl, nach dem Motto: »Gleich und Gleich gesellt sich gern«.

Der König selbst wird als ein wenig geschickter Staatsmann beschrieben, leicht zu beeinflussen, abhängig von der Meinung seiner Ratgeber und vergnügungssüchtig.

Nackt Im Gegensatz zu ihm hat Waschti sehr wohl eine eigene Meinung, und es stünde dem König gut an, gelegentlich auf seine Frau zu hören.

Haben die männlichen Gäste des Königs tatsächlich danach verlangt, die Königin nackt, nur mit der Krone bekleidet, zu sehen? Hatte sie wirklich zuvor jüdische Mädchen gezwungen, am Schabbat nackt für sie zu arbeiten, wofür sie der Ewige auf eine solche Weise habe bestrafen wollen?

Solche despektierlichen Darlegungen befremden beim Lesen. Und dennoch lässt uns der Talmud ein ganz anderes Bild von Waschti erahnen, nämlich das einer selbstbewussten, emanzipierten Frau.

Als ein Streit ausbricht unter den Gästen, welches Land wohl die schönsten Frauen habe, tönt der volltrunkene Monarch, die Schönste sei »das chaldäische ›Gefäß‹«, dessen er sich »bediene«, und zum Beweis seiner Behauptung sollte Waschti den ebenfalls nicht mehr nüchternen männlichen Gästen präsentiert werden wie ein Gegenstand.

Die Königin weigert sich, mit unterschiedlichen Argumenten. Vor allem eines davon lässt aufhorchen: Der Vorwurf, ihr Vater Belschazar habe mit 1000 Männern getrunken und sei nicht vom Wein benebelt gewesen, im Gegensatz zu Achaschwerosch.

Ebenjener Chaldäerkönig Belschazar, dem bei selbiger Gelegenheit sein Untergang verkündet wurde, nachdem er aus einem Gefäß vom erbeuteten Tempelschatz getrunken und es so entweiht hatte.

Doch Achaschwerosch versteht die Warnung nicht. Er wird wütend, und der Rausch macht ihn vollends enthemmt. Dass er seine Frau, die Königin, mit dem unziemlichen Befehl erniedrigt, interessiert ihn nicht. Ist er nicht Herr in seinem Hause?

So wird es später in seinem Erlass an das Volk stehen: »Auf dass jeder Mann in seinem Hause herrsche« – ein Ausspruch, den die talmudischen Weisen mit einigem Spott kommentieren.

Ratgeber Achaschwerosch befragt, wieder einmal, seine Ratgeber, und die Gemara sagt, es seien in diesem Fall zunächst jüdische Weise gewesen. Diese besprachen nun, was sie dem König raten sollten.

Wenn sie ihm sagten, er solle sich Waschtis entledigen, dann würde er es ihnen vorwerfen, sobald er wieder nüchtern wäre. Sagten sie ihm aber, er solle die Weigerung Waschtis auf sich beruhen lassen, so würden sie eine Majestätsbeleidigung gutheißen. Auch das würde ihnen der König zum Nachteil auslegen. Also lassen sie den König wissen, sie seien nicht in der Lage, ihm einen Rat zu geben; er möge sich doch an Ratgeber aus Amon und Moaw wenden.

Damit schieben sie den Feinden Israels den schwarzen Peter zu und ziehen sich diplomatisch aus der Affäre.

Waschti aber bleibt bei ihrer Weigerung und bewahrt so ihre Würde und Selbstachtung, auch wenn das für sie den Tod bedeutet.

Nun kommt Esther ins Spiel, die in ihrem Wesen als das Gegenteil von Waschti dargestellt wird. Und doch: Lässt sich Waschti in gewisser Hinsicht nicht auch mit Mordechai vergleichen, dem Mann, der sich seinerseits einem ungehörigen Befehl der Obrigkeit verweigert? In jedem Fall gehören beide genauso wie Esther zum Plan des Ewigen und tragen damit, auf sehr verschiedene Weise, ihren Teil zur Errettung des jüdischen Volkes bei.

Lech Lecha

Mut zur Veränderung

Unsicherheit ist Teil jedes neuen Anfangs – doch manche Wege öffnen sich erst, wenn wir sie betreten

von Rabbiner Boris Ronis  23.10.2026

Talmudisches

Das Gebet am Ende der Mahlzeit

Tischgebete kennen alle Weltreligionen. Doch während sich beispielsweise Christen vor dem Essen für das »tägliche Brot« bedanken, steht in der jüdischen Tradition der Dank am Ende der Mahlzeit. Aus einem ganz besonderen Grund

von Detlef David Kauschke  23.10.2026

Talmudisches

Bier

Was unsere Weisen über Getränke und ihre Wirkung lehren

von Rabbinerin Yael Deusel  21.10.2026

Rezension

Wie wurden wir, was wir wurden?

Der Judaist Peter Schäfer erzählt in seinem Buch die Geschichte des aschkenasischen Judentums – faktengesättigt, klar gegliedert und mit einer provokanten These zu Mutterland und Diaspora

von Michael Wolffsohn  18.10.2026

Erlösung

Nur ein scheinbarer Gegensatz

Warum wir an die Ankunft des Maschiach glauben sollten – aber nicht an einen Zeitpunkt

von Vyacheslav Dobrovych  16.10.2026

Noach

Die Entstehung der Vielfalt

Wie nach der Sintflut eine neue Ordnung der Menschheit ihren Anfang nahm

von Yonatan Amrani  15.10.2026

Dresden

Tora-Projekt wird verlängert

Mitten in Dresden wird derzeit in aller Öffentlichkeit eine Tora-Rolle geschrieben. Das Projekt soll jüdisches Leben sichtbar machen. Die Schreiberin sitzt in einem gläsernen Pavillon

 14.10.2026

Talmudisches

Klassengröße

Was unsere Weisen über das Lernen in Gemeinschaft lehren

von Yizhak Ahren  09.10.2026

Erziehung

Der widerspenstige Sohn

Wer sich gegen seine Eltern auflehnt, soll laut Tora mit dem Tod bestraft werden. Die jüdische Tradition ringt mit dem Text und fragt, wie Familien miteinander verbunden bleiben

von Shoshana Ruerup  09.10.2026