Neulich beim Kiddusch

Klunker, Häppchen, Zedaka

Nicht nur zum Anstecken geeignet: Mit Diamanten kann man auch helfen. Foto: dede

Sind Sie eingefleischter Kiddusch‐Hasser? Lieben Sie es, negative Stimmung zu verbreiten, auf dass der Rest der Kehila sich genauso mies fühlt wie sie? Nichts einfacher als das: Sponsern sie einen Greek Kiddush und servieren Sie statt Knishes und Tscholent gefüllte Weinblätter und Tzatziki. Im Nu werden die üblichen Themen Schidduch, Nasen‐OP, Ver‐ und Entlobungen verdrängt von den Miese‐Laune‐Themen überhaupt: Griechenland! Eurokrise! Der totale Absturz! Ja, so können Sie auf simple und effektive Weise eine wahre Woge von Titanic‐Stimmung verbreiten, und der Tag ist für Sie gerettet, Sie Miesepeter.

Sind Sie allerdings eher ein Fan der Vogel‐Strauß‐Politik, gibt es im Moment nur einen Ort auf der Welt, wo Sie der ganzen Euro‐Teuro‐Schmeuro‐Debatte entfliehen können: Wie wär’s mit einem Kiddusch in der Van‐den‐Nest‐Synagoge in Antwerpen? Das Wort Euro wird hier garantiert nicht fallen, denn seit Jahr und Tag wird hier immer noch in soliden Belgischen Franken abgerechnet.

Diamanten‐preisliste Wer auf bergeweise Diamanten und Klunkern sitzt, an dem geht die schnöde Diskussion über den Mammon links vorbei. Was hier zählt, sind harte Fakten: die Rappaport‐Report‐Diamantenpreisliste, die steigenden Goldpreise, die Inder‐Invasion von Diamantenschleifern und -verkäufern. Und obwohl man am Schabbat nicht von Geschäften reden soll, wird das alles hier bei Leber‐mit‐Ei‐Häppchen, Törtchen und Bergen von parve Schlagsahne ausführlich diskutiert. Diamanten sind schließlich nicht einfach Business, nein, sie sind ein Teil des kommunalen Blutkreislaufs, so wichtig wie Herz und Leber. Den Antwerpenern ist Diamanten‐Business schon lange in Fleisch und Blut übergegangen.

Die Stadt ist schlicht und einfach der Ort, an dem, Krise hin oder her, Geldausgeben noch richtig Spaß macht. Fairerweise muss man unseren versnobten Antwerpener Brüdern hier einen geradezu vorbildlichen Sinn für Zedaka zugestehen: Die bankrotte jüdische Schule in Brüssel wird von einem (anonym bleiben wollenden) Großkopfeten aus Antwerpen gesponsert, ebenso geht das tägliche Brot diverser Brüsseler Rabbiner und Jeschiwot auf das Konto einiger Steinreichs aus Antwerpen sowie auch die Hatzoloh, das jüdische Pendant zum Roten Kreuz: Einsätze können täglich auf Straßen Antwerpens beobachtet werden, wenn schnittige rote Motorräder unter Sirenengeheul vorbeisausen, auf dem Motorrad ein Chassid in neongelbem Outfit mit wehenden Schläfenlocken.

grosszügig Und schließlich ergießt sich geradezu füllhornartig Antwerpener Geld auf jene armen belgisch‐jüdischen Würstchen, die echte Geldsorgen haben: Hier gibt’s großzügige Kredite, Laufzeit solange du willst, und ganz ohne Zinsen. Banker, Hedgefonds‐Manager und Spekulanten aller Welt – egal, ob ihr jetzt an der Krise schuld seid oder nicht: Hier könnt ihr euch echt ein Scheibchen abschneiden.

Nachruf

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