Talmudisches

Klingeln beim Nachbarn

Wo wohnt der Messias? Foto: Thinkstock

Rabbi Jehoschua ben Levi fand einst den Propheten Elija am Eingang der Höhle des Rabbi Schimon ben Jochai (Sanhedrin 98a). Jehoschua fragte ihn: »Werde ich das künftige Leben erlangen?« Elija antwortete ihm: »Wenn es unserem Herrn gefallen wird.« Rabbi Jehoschua sah zwei Männer vor sich, aber er vernahm noch eine dritte Stimme: Die Majestät Gottes weilte somit unter ihnen.

Rabbi Jehoschua fragte den Propheten weiter: »Wann wird der Messias kommen?« Elija erwiderte ihm: »Das musst du ihn selbst fragen.« Jehoschua sprach: »Wo befindet er sich?« Elija entgegnete: »Er sitzt vor den Toren Roms.« Jehoschua fragte: »Woran erkenne ich ihn?«

Der Prophet antwortete: »Er ist unter den Armen, die aussätzig sind. Die Kranken außer ihm bandagieren ihre Wunden alle auf einmal. Der Messias allein verbindet erst die eine Wunde, bevor er die nächste bandagiert. Seine Überlegung: Vielleicht werde ich gerufen, und ich will nicht bummeln.«

Messias Also ging Rabbi Jehoschua zu jenem Ort, wo der Messias weilte. Er trat vor ihn hin und sprach: »Friede sei mit dir, mein Herr und Meister!« Der Messias erwiderte: »Friede sei mit dir, oh du Sohn Levis!« Jehoschua fragte: »Wann wird meines Herrn Ankunft erfolgen?« Der Messias antwortete: »Ich komme noch heute.«

Hierauf kehrte Rabbi Jehoschua zu Elija zurück. Der fragte ihn: »Und, was hat der Gesalbte dir verkündet?« Jehoschua antwortete: »Er sagte: Friede sei mit dir, oh du Sohn Levis!« Elija sprach: »Mit dieser Begrüßung hat er sowohl dir als auch deinem Vater das ewige Leben versprochen.« Jehoschua sprach weiter: »Er sagte, er würde noch heute kommen, aber er ist nicht gekommen – hat er mich belogen?« Da antwortete ihm Elija: »Er meinte es so: Ich komme noch heute, wenn ihr auf die Stimme Gottes hört.«

Die permanente Frage, wann der Messias nun kommen wird, ist etwas, das wirklich schwer und nicht eindeutig beantwortet werden kann. Das hebräische Wort »Maschiach«, das man übersetzen kann mit »der Gesalbte«, galt ursprünglich meistens den Propheten, Priestern und Königen Israels. Es waren Anführer, die durch Gott persönlich bestimmt wurden und somit offiziell legitimiert waren. Die Salbung selbst erfolgte mit einem aromatischen Gemisch aus Myrrhe, Weihrauch, Zimt, Kalmus, Cassia und anderem. Zusammen wurden diese Bestandteile mit Olivenöl vermischt, und während einer Zeremonie wurde eine auserwählte Person gesalbt. Wir lesen davon das erste Mal im biblischen Buch Schemuel I: Dort wird Schaul, der erste König Israels, gesalbt. Nach ihm kamen König David, sein Sohn Schlomo und alle weiteren Könige.

Weltfrieden Seit der Zerstörung des Zweiten Tempels im Jahr 70 n.d.Z. und der Vertreibung der Kinder Israels aus ihrem Land wird ein besonderer Maschiach erwartet. Seine Aufgabe wäre unter anderem, alle Juden im Land Israel wieder zu versammeln (Jeschajahu 11,12 und 27,12), der Neubau des Tempels in Jerusalem (Micha 4ff.), die Abschaffung des Götzendienstes (Jeschajahu 11,9 und 40,5) und die Etablierung des Weltfriedens (Jeschajahu 2,4 und 11,6) – eine schon fast utopische Aufgabe.

Die Vorstellungen, wie so ein Messias aussehen wird – als einzelne Person, oder ob es sich eher um ein messianisches Zeitalter handeln wird –, darüber gehen die Meinungen bis heute weit auseinander, abhängig davon, ob man eher eine orthodoxe oder progressive Variante einer endzeitlichen Vorstellung bevorzugt.

Auch die Frage, ob der Messias kommen wird, wenn die Welt kurz vor dem Umsturz steht – in Chaos und Krieg versunken –, oder eher als abschließendes Ereignis, wenn die Welt bereits ihr Chaos überwunden hat und seine Ankunft die Besiegelung einer friedlichen Ära einleitet, ist strittig.

Einig ist man sich jedoch in der Hoffnung, dass die menschliche Zivilisation nicht untergehen wird, der Mensch am Ende aller Tage alle seine Probleme gelöst hat, in einer Welt leben kann, in der die Schwerter zu Pflugscharen umgeschmiedet werden (Micha 4,3) und eines Tages selbst der Wolf friedlich neben dem Lamm liegen wird (Jeschajahu 11,6).

Pro & Contra

Braucht es jüdischen Feminismus?

Ja, sagt Valérie Rhein: »Weil er zu einem hierarchieloseren Miteinander beiträgt.« Nein, findet Noémi Berger: »Gleichwertigkeit ist das Fundament, auf dem jüdisches Leben gebaut ist.«

von Valérie Rhein, Noemi Berger  12.03.2026

Chabad

Europäische Rabbiner tagen in Berlin

Die Hauptstadt ist seit Montag Treffpunkt von rund 180 Rabbinern aus ganz Europa

 09.03.2026

Talmudisches

Neidisch

Was unsere Weisen über Zufriedenheit lehren

von Detlef David Kauschke  06.03.2026

Verantwortung

Zerbrochen und erneuert

Die Geschichte von Mosche und den zweiten Gesetzestafeln zeigt, dass Gestaltungswille uns den Weg zu Gott öffnet

von Paige Harouse  06.03.2026

Dialog

Judaist Rutishauser: Antisemitismus greift tief in die Psyche

Am Sonntag erhält Christian Rutishauser die Buber-Rosenzweig-Medaille für seine Verdienste um den christlich-jüdischen Dialog. Was er zum Antisemitismus sagt - und warum die Gesellschaft »auf die Couch« müsse

von Leticia Witte  06.03.2026

Gespräch

»Das Leben ist keine schicksalhafte Tragödie«

Der Luzerner Jesuit und Judaist Christian Rutishauser erhält für seinen Einsatz im christlich-jüdischen Dialog die Buber-Rosenzweig-Medaille. Hier erzählt er, was ihn am rabbinischen Denken fasziniert

von Richard Blättel  05.03.2026

Meinung

Wie die Kirche beim Thema Iran die Orientierung verliert

Ein Kommentar von Daniel Neumann

von Daniel Neumann  02.03.2026

Krieg zwischen Iran und Israel

»Als sich das Blatt wendete«

Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt zum Tod von Ali Chamenei: »Dies ist der Moment, auf den das iranische Volk seit einem halben Jahrhundert gewartet hat«

 01.03.2026

»Brüllender Löwe«

Präventivschlag gegen Iran: Die Lage im Überblick

Nach dem gemeinsamen Angriff Israels und der USA auf den Iran reagieren die Behörden auf die erhöhte Sicherheitslage. Die Lage im Überblick

 28.02.2026 Aktualisiert