Neulich beim Kiddusch

Klamm-hejmisch abschneiden

Upshern: Ab heute kein Mädchen mehr Foto: Flash 90

Signalrot trifft es eigentlich nicht so richtig, auch nicht karottenrot, es ist mehr so eine seltene, schimmernde Kupferfarbe, die meinem Sammy auf dem Spielplatz schon viele Komplimente eingetragen hat. »Was für ein entzückendes kleines Mädchen«, quietschen die anderen Mütter und fahren Sammy entzückt durch seinen Rotschopf.

Am Anfang habe ich dann zu einer langen Erklärung ausgeholt, warum Sammy erst zu seinem dritten Geburtstag einen Haarschnitt verpasst bekommt. Das führte im Gegenzug meist dazu, dass sich bei den anderen Eltern ein leichtes Zucken im Gesicht einstellte und sie ihren Nachwuchs schnell in die andere Richtung zerrten. Inzwischen sage ich nichts mehr und lasse alle von alleine zu dem Schluss kommen, dass es sich bei meinem Nachwuchs, dem gefürchteten rothaarigen Spielplatzrowdy, um einen Jungen handelt.

Rowdy Nun steht in ein paar Wochen Sammys dritter Geburtstag an und damit das große Upshern-Haarschneide-Event, bei dem Sammy sich von einem langhaarigen Rowdy zu einer Kurzhaarversion seiner selbst verwandeln wird.

Aber wie begeht man so etwas? Als einzige Nicht-Antwerpenerin, die in die große Familie meines Mannes Alain eingeheiratet hat, will ich mich natürlich nicht blamieren. Leicht panisch frage ich Alain per SMS um Rat, wie die Feier aussehen soll. »Hejmisch!«, kommt die kryptische Antwort per SMS zurück und stürzt mich in anstrengendes Grübeln über dieses in Antwerpen so oft gebrauchte rätselhafte Wort.

Natürlich kenne ich die »Heimishe Bakery« um die Ecke, das ist die mit dem langbärtigen Besitzer und den vielen eingebackenen Barthaaren im Challa-Teig. Ich weiß auch, dass es in Antwerpen außerdem noch einen hejmischen Taxi-Service und eine hejmische Heiratsvermittlung gibt, dass das Wort »hejmisch« ebenso auf Instant-Nudelsuppenpackungen zu Hause ist wie auf den Gefilte-Fisch-Dosen, die neulich beim Kiddusch serviert wurden. Doch das alles bringt mich keinen Schritt weiter.

Also habe ich gegoogelt und bin auf einem Frum-Forum gelandet, wo sich ein paar verwirrte Yeshiva-Bochers aus Yonkers, NY, um die Bedeutung des Begriffs »haymishe Shidduch« streiten. Fazit: Finger weg von haymishen Mädchen, denn hier bedeutet das Wort einfach nur »potthässlich«. Sehr interessant, aber für meine Zwecke wenig hilfreich.

Aber so schnell gebe ich nicht auf, schließlich gilt in Antwerpen das eiserne Motto: »Wenn du völlig planlos bist, schwimm einfach mit dem Strom!« Also hole ich als Nächstes unauffällige Ermittlungen darüber ein, wie die anderen Mütter die hejmischen Upshern-Partys ihrer Söhne gestalten.

Fete Festsaal, Catering, Deko – ich stelle einen kleinen Kostenvoranschlag zusammen, den ich Alain am Abend voller Stolz präsentiere. »Hier ist meine Planung für eine richtig hejmische Fete, hejmischer geht’s gar nicht«, sprudele ich hervor und halte Alain mein fünfseitiges Exposé unter die Nase. »Ist das nicht ein bisschen zu exklusiv für einen Dreijährigen?«, fragt er vorsichtig. »Aber du wolltest es doch hejmisch«, stoße ich hervor. »Ja, ›hejmisch‹, so wie ›hier zu Hause‹, so wie ›billig bis umsonst‹«, sagt Alain und verdreht die Augen.

Und so möchte ich alle geneigten Leser zu unserer baldigen Upshern-Party einladen. Ort: bei uns zu Hause (Achtung, wir wohnen im 6. Stock, und der Aufzug ist kaputt!), Zeit: gleich nach »SpongeBob Schwammkopf« im Kinderprogramm, anwesendes Personal: ich. Menü: Gummibärchen, Marshmallows und Aspirin. Geschenkideen: bitte nur Barschecks. Sie sehen, alles ganz hejmisch.

Matot-Mass’ej

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