Protest

Klage an der Kotel

Gleiches Recht für alle: Anat Hoffman (l.), Vorsitzende von »Women of the Wall«, und Shulamit Magnus (r.), die aus der Megillat Esther liest, bei einer Kundgebung zu Purim Foto: Ulrike Schleicher

Anat Hoffman kommt im schwarz-gestreiften Anzug und Hut daher. Mit der eindeutig männlichen Ausstattung betritt die 58-Jährige den für Frauen vorgesehenen Bereich vor der Kotel in Jerusalem. Es ist Purim. Ein fröhliches Fest, bei dem der Königin Esther gedacht wird und wie sie durch eine kluge List ihr jüdisches Volk vor der Vernichtung durch die Perser rettete. Traditionsgemäß sind die Menschen bunt kostümiert, man sieht Prinzessinnen, Hexen, Piraten und allerlei andere Gestalten. In andere Rollen zu schlüpfen, macht einfach Spaß.

statement Anat Hoffman dagegen gibt mit ihrem männlichen Outfit ein Statement ab. Sie ist Vorsitzende von »Women of the Wall«, einer Organisation, die dafür kämpft, dass Frauen an der Kotel ihren jüdischen Glauben mit allen Rechten entsprechend der Reformbewegung ausüben können. Jeweils zu Rosch Chodesch, dem Beginn des Monats, möchten sie dort eine Stunde lang nach ihrem Reform-Ritus eine Andacht abhalten.

Was im ureigenen Land der Juden selbstverständlich erscheint, ist in der Realität Anlass für eine nunmehr 25 Jahre währende Auseinandersetzung geworden: in der Hauptsache eine zwischen Frauen und Männern. Doch ebenso ist es eine zwischen reformiertem und orthodoxem Judentum sowie eine zwischen verschiedenen Gesellschaftssystemen.

Die Kotel, die Reste der westlichen Mauer des Jerusalemer Tempels, gilt als eine der wichtigsten, religiösen Stätten des Judentums. Unter britischem Mandat war sie über den großen Platz davor frei zugänglich, doch seit Jahrzehnten gibt es für Frauen und Männer getrennte Bereiche. Während für die Männer die linke Seite der Mauer reserviert ist, ist für die Frauen der wesentlich kleinere rechte Bereich vorgesehen.

Daneben schreibt ein von der Knesset verabschiedetes Gesetz vor, dass es Frauen verboten ist, öffentlich laut zu beten, die Tora zu lesen, die Gebetsriemen (Tefillin) und den männlichen Gebetsschal (Tallit) zu tragen: Dies störe die öffentliche Sicherheit und Ordnung und beleidige religiöse Gefühle anderer. Stattdessen wies der Oberste Gerichtshof an, den Frauen für ihre Belange einen Bereich beim Robinson-Bogen zur Verfügung zu stellen, einer Ausgrabungsstätte im Süden der Kotel. Diesen akzeptieren die Frauen jedoch nicht. »Wir lassen uns nicht in eine Ecke abschieben«, macht die 58-Jährige mit gr0ßem Nachdruck deutlich.

konsequenzen Eine Haltung, die Konsequenzen hat. Im vergangenen Oktober wurden Anat Hoffman und andere Frauen während ihrer Andacht abgeführt und stundenlang verhört. Beileibe nicht das erste Mal, aber der Umgang mit den Widerspenstigen wird härter. Sie wurde in Handschellen gelegt, stundenlang befragt und bekam einen vierwöchigen Platzverweis – zur Anklage kam es jedoch nicht. Leider, denn eine Anklage mit einem daraus resultierenden Urteil würde Klarheit schaffen, sagt Anat Hoffman.

»Bloß, das traut sich niemand, denn das Ergebnis könnte unter Umständen eines sein, das die Ultraorthodoxen nicht mögen.« Auf die Frage, worum es denn eigentlich gehe, antwortet sie: darum, dass gläubige Juden kriminalisiert würden, wenn sie beten. »Die Erkenntnis, dass so etwas in Israel möglich ist, würde die Menschen aufrütteln.«

»Hier findet in Wahrheit kein Streit um den richtigen Glauben statt«, sagt der konservative Rabbiner Yehiel Greniman aus Jerusalem dazu. In der Tora gebe es nicht eine einzige Passage, nach der es Frauen ausdrücklich verboten sei, den Tallit zu tragen und laut zu beten. »Es geht vielmehr darum, dass die orthodoxen Juden sehr konservativ über die Rolle der Frau denken und an alten Mustern festhalten wollen.« Veränderungen würden nur schwer akzeptiert. Dass die Frauen männliche Attribute tragen und beten wollten, sei für sie sehr ungewöhnlich. »Das hat es eben noch nie gegeben.«

minderheit Die Klagemauer untersteht einer Stiftung, deren Vorsitz der orthodoxe Rabbiner Schmuel Rabinowitz inne hat. Kritiker sagen, sie sei dadurch in eine riesige orthodoxe Synagoge verwandelt worden, und eine religiöse Minderheit bestimme über den Rest der gläubigen Juden. »Rabinowitz entscheidet, was den Normen entspricht und was nicht«, sagt Anat Hoffman. Er rufe die Polizei, die ihm im Übrigen heute viel näher stehe als in der Vergangenheit – lasse die Gebete und die Toralesung auflösen und die Frauen unter Umständen abführen. »Missbrauch des Staates« nennt das die ehemalige Jerusalemer Stadtabgeordnete und zeigt auf die drei Polizisten, die von der Mugrabibrücke aus die weibliche Purim-Versammlung filmen und fotografieren.

Shulamit Magnus mit blonder Langhaarperücke und Samtkleid liest laut die Geschichte von Esther aus der Magilla, die auf einem Pult ausgebreitet ist. Um sie herum haben sich etwa 50 Frauen geschart, die größtenteils andächtig mitlesen und gemäß der Tradition pfeifen und ihre Rasseln rattern lassen, wenn Shulamit den Namen des bösen, persischen Ministers Haman erwähnt. In diesen Augenblicken wird es kurz laut, aber der Lärm geht in den Gesängen der Männer von nebenan und den Geräuschen durch die vielen Menschen an der Kotel unter.

zuspruch Die Gruppe wird von den anderen Frauen, die still für sich beten, meist ignoriert. Nur manche bleiben stehen und beobachten das Geschehen neugierig. »Wir bekommen hin und wieder Zuspruch auch von orthodoxen Frauen«, sagt Shira Pruce, zuständig für Öffentlichkeitsarbeit bei »Women of the Wall«. Viel Kontakt bestehe jedoch bisher noch nicht.

Die Aktivistinnen, viele davon sind in den USA geboren, verkörpern eine andere Welt und andere Werte. Der Drang zur Freiheit, ihr liberales Denken und das reformierte Judentum, das sie meist vertreten, passt nicht in die scheinbar unverrückbare Welt der Ultraorthodoxen. So wird ihnen vorgeworfen, es ginge ihnen nicht ums Beten, sondern lediglich darum, »zu provozieren«.

Ihre religiösen Gefühle lassen sich die Frauen ohnehin nicht absprechen, aber »es gibt auch nicht nur das eine Judentum«, sagt Anat Hoffman, die zudem Leiterin des Israel Religious Action Center (IRAC) ist. Sie verurteile die Orthodoxie nicht, doch in einer Demokratie wie Israel müsse es auch »Platz für Menschen wie mich geben«. Toleranz sei ein Grundpfeiler des jüdischen Glaubens.

polizei An diesem Tag lässt die Polizei die Frauen ihre Zeremonie ungestört abhalten, nur Joel, der Sohn von Anat Hoffman, wird abgeführt. Er ist in Frauenkleidern zusammen mit der Gruppe in den Frauenbereich gegangen. Trotz der Ruhe an Purim glaubt die Vorsitzende nicht, dass sich in naher Zukunft Grundlegendes ändern wird, obwohl sich nun Ministerpräsident Benjamin Netanjahu persönlich eingeschaltet hat. Vor wenigen Wochen beauftragte der Premier einen Mann, eine Lösung für die fortwährende Auseinandersetzung zu finden. Damit beugte er sich vor allem dem Druck aus den USA. Dort nämlich hatten jüdische Gemeinden empört auf die Verhaftung der Frauen und vor allem auf den Anlass dafür reagiert.

Die schwierige Aufgabe ist Natan Sharansky, Vorsitzender der Jewish Agency in Israel, zugefallen. Der in der Ukraine geborene jüdische Politiker, Autor und Menschenrechtsaktivist gilt als guter Vermittler. Zudem steht er in seiner Funktion für alle Juden in der Welt. Vor rund vier Wochen hat ein erstes Treffen stattgefunden. Der Inhalt des Gesprächs ist geheim, das hat sich Sharansky gleich zu Anfang ausgebeten und bleibt dabei. Er will die Bildung der neuen Regierung in Israel abwarten, bis er eine Empfehlung ausspricht, lässt er ausrichten. Daran hält sich auch Anat Hoffman. »Das Gespräch ist ohne Ergebnis verlaufen. Mehr sage ich nicht.«

Eine Lösung wäre nicht nur im Interesse der Frauen von »Women of the Wall«. Auch Vertreter des konservativen und reformierten Judentums kritisieren, dass sie von der Klagemauer verbannt sind. So sagte Yizhar Hess, Leiter der konservativen Bewegung in Israel, bei einem Treffen: »Wir stärken Natan Sharansky den Rücken bei seiner wichtigen Mission, die Kotel wieder allen Juden zugänglich zu machen.« Und Rabbiner Yuval Cherlow, Gründer der modern-orthodoxen Bewegung Tzohar, meinte gegenüber einer Zeitung: »Die Kotel ist ein heiliger Ort, der allen in Israel gehören sollte.«

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